Sehenswürdigkeit

Das Geheimnis des Dortmunder U

Das Dortmunder U prägt das Stadtbild.

Foto: Stefan Reinke

Das Dortmunder U prägt das Stadtbild. Foto: Stefan Reinke

Dortmund.  Das "U" ist der moderne Leuchtturm von Dortmund. Der Filmemacher Adolf Winkelmann gewährte einen Einblick in den U-Turm und lüftete ein Geheimnis.

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Drei Landmarken prägen die Dortmunder Skyline: das Stadion, der Fernsehturm und das U. Während die Heimstätte von Borussia Dortmund mit ihren gelben Pylonen und der massigen Betonkonstruktion wuchtig das Stadtbild prägt, ragt der schlanke Florianturm in den Himmel über Stadt.

Das Dortmunder U hingegen ist so etwas wie das Leuchtfeuer Dortmunds. Der große Buchstabe und die Videoinstallation sind weithin sichtbar. Doch was hat es mit den Videos überhaupt auf sich? Wir haben den Filmemacher Adolf Winkelmann getroffen und uns die Hintergründer seiner "Fliegenden Bilder" erklären lassen. Ganz nebenbei lüftete Winkelmann auch noch ein Geheimnis des U-Turms.

Die Steuerzentrale der „Fliegenden Bilder“ befindet sich in einem Glaskasten im ersten Stock des Dortmunder U. Blaues Licht strahlt dezent aus einem Serverraum, wassergekühlte Prozessoren steuern die Bewegtbilder im und am U-Turm. „Die laufen seit vier Jahren“, erklärt Adolf Winkelmann. In der Zeit habe es keinen Absturz gegeben.

Fliegende Bilder auf drei Ebenen des Dortmunder U

Unter der Decke des Raumes hängen Flachbildschirme, auf denen Winkelmann seine beeindruckenden Panorama-Videos probesehen kann, bevor sie der Öffentlichkeit in Teil 1 der Fliegenden Bilder, im Foyer des U, präsentiert werden. Auf einer weiteren Testumgebung laufen die Fenster-Videos, die neben den Rolltreppen des U zu sehen sind. „Da das Gebäude ein Keller ist, hat es keine Fenster“, erklärt Winkelmann. Also hat er die Fenster in Form von quadratischen Video-Projektionen ersetzt. Dort flackern Ruhrgebietszenen über die Wand und lassen den Zuschauer schon mal vergessen, dass er auf einer Rolltreppe steht. Unter den Monitoren steht ein großes Modell des U-Turms, auf dem die Videos der Außeninstallation zum Laufen gebracht werden können.

Gerade die machen das U zum Leuchtturm. „Am Anfang war fast jeder dagegen“, erinnert sich Winkelmann an die Zeit, als er plante, den Turm mit einer weithin sichtbaren Video-Installation zu versehen. Neben ästhetischen Einwänden spielte auch der Naturschutz eine Rolle: Hoch oben hatten sich Turmfalken niedergelassen. Für die wurden anschließend eigens Nistlöcher eingerichtet – mit Erfolg, denn die Tiere haben Junge.

In Sachen Ästhetik kam Winkelmann dann der Zufall zu Hilfe. Schon seit Beginn seiner Planungen hatte sich der Filmemacher gefragt, warum der als schlichter Brauereikeller, als Fasslager, gebaute Turm an der Spitze von einer Konstruktion aus scheinbar nutzlosen Stützen geziert wird. Was hatte sich Architekt Emil Moog dabei gedacht? Winkelmann recherchierte. Sein Plan war, die Video-Installation in die von den Zierstützen gebildeten Räume zu integrieren. Doch für die Steuerelektronik war kein Platz. „Daran wäre das Projekt fast gescheitert“, so Winkelmann. Doch bei einer Besteigung des Dachs offenbarte sich die Lösung dieses Problems: Die Stützen sind von hinten hohl – bieten also sehr wohl Platz für elektronische Bauteile.

Winkelmann recherchierte weiter, um herauszufinden, warum Moog damals eine offenbar vollkommen nutzlose, hohle Konstruktion auf die Spitze seines Turms setzte. Am Ende fand Winkelmann heraus: „In den Stützen waren Scheinwerfer untergebracht. Das ganze Gebäude war von Anfang an als Lichtskulptur geplant.“ Ergo konnte es nun auch keine Einwände mehr gegen Winkelmanns Video-Pläne geben – waren sie doch lediglich eine Weiterführung von Moogs ursprünglicher Idee.

Das Gebäude als leuchtendes Firmen-Logo mitten in der Stadt 

Demnach wurde der U-Turm nach seiner Fertigstellung im Jahr 1927 so angestrahlt, dass die Dachkonstruktion wie eine strahlende Kathedrale über der Stadt thronte. Auf der Spitze befand sich damals auch noch kein „U“ (das kam erst 1968), sondern ein Scheinwerfer – so war der Turm tatsächlich so etwas wie ein Leuchtturm. Moog habe damit, so Winkelmann, eines der ersten von Scheinwerfern angestrahlten Gebäude weltweit errichten lassen. Erst später seien bei Wolkenkratzern wie dem Empire State Building ähnliche Verfahren eingesetzt worden. „Moog hat Maßstäbe gesetzt“, schwärmt Winkelmann.

Doch die Lichtkonstruktion diente offenbar nicht nur der Optik, sondern war laut Winkelmann auch ein genialer Marketing-Schachzug. Der Filmemacher verweist auf das Logo der Union-Brauerei, der der imposante Hochkeller einst gehörte. Das Logo besteht auf den ersten Blick aus einem „U“ mit etwas oben drauf, das vielleicht eine Schaumkrone sein könnte. Tatsächlich aber ist das eckige Gebilde der heutige U-Turm. Darum brauchte der auch keinen leuchtenden Buchstaben auf seinem Dach. „Das Gebäude selbst ist das Logo“, erklärt Winkelmann. Das Firmenlogo der Union-Brauerei habe somit nachts hell erleuchtet mitten in der Stadt gestanden. Winkelmann strahlt dabei eine Mischung aus Faszination und Dankbarkeit aus: „Nur weil Moog das Gebäude so geplant hatte, konnte ich meine Idee überhaupt umsetzen!“

1,7 Millionen LEDs sorgen für die Videos

Statt Scheinwerfern sind in den Streben der Dachkonstruktion nun die Prozessoren untergebracht, mit denen die rund 1,7 Millionen LEDs gesteuert werden, die an 6000 Lamellen rund um das U angebracht sind. Die Rechenleistung der Prozessoren ist gigantisch, denn jedes LED muss bis zu 25 Mal pro Sekunde seine Helligkeit wechseln.

Gesteuert wird die Video-Installation übers Internet, sogar per iPhone ist es möglich, den gezeigten Film auszuwählen. Jeder Tag hat sein eigenes Motiv, das dann von 6 bis 24 Uhr (von Mitternacht bis 6 Uhr morgens läuft nur eine Uhr) über die großen LED-Wände flackert. Pausen möchte Winkelmann dabei möglichst vermeiden. „Ich ärgere mich immer, wenn ich nach oben schaue und kein Bild sehe. Jeder Betrachter soll etwas sehen, wenn er schaut“, so der Videokünstler. Drei bis zwölf Minuten dauert eine Animation. Ab Sonnenuntergang werden die Motive der vergangenen drei Tage auf der „Leinwand“ wiederholt. Zu jeder vollen Stunde erscheinen Tauben am Turm. „Ich wollte, dass der Turm eine Art Glockenspielfunktion hat“, erklärt Winkelmann. Die Tauben haben Vorrangschaltung – egal, was gerade für ein Film läuft. An Wochentagen hocken graue Tauben auf dem Dach, am Wochenende weiße.

Mehr als 100 Videos laufen im und am Dortmunder U

Insgesamt summiert sich die Anzahl der Videos auf mehr als 100 – und ständig kommen neue hinzu. Zu Winkelmanns Favoriten gehören die sich füllenden Biergläser, bei der Dortmunder Bevölkerung kommen die diversen Fisch-Videos besonders gut an. Verstörend-faszinierend ist etwa der wackelige Schwenk über den Wohnkomplex Hannibal. „Da gerät Architektur in Bewegung“, so Winkelmann. In der Tat verschmelzen die Stützpfeiler des U mit den Balkon-Terrassen des Hannibal und bilden einen echten Hingucker.

Das sollen grundsätzlich alle Videos sein. „Die Leute sind fasziniert davon, dass Filme laufen, wo sie eigentlich nicht hingehören“, sagt Winkelmann. Und prompt bleibt ein Passant – so um die 60 Jahre alt, Typ „ehemaliger Hoeschianer“ – stehen und fixiert das Video der sich langsam füllenden Biergläsern, das Winkelmann gerade gestartet hat. Bis zum Ende genießt er den Anblick und geht schließlich weiter. Das gefällt Winkelmann: „Dieser Mann interessiert sich vermutlich überhaupt nicht für Kunst. Aber er wird gleich etwas zu erzählen haben.“