Zeichnungen von Dan Perjovschi im U-Turm

Dan Perjovschi hat schon wieder das U vollgekritzelt

Der rumänische Künstler Dan Perjovschi hat mal wieder das ganze U vollgekritzelt, auf Einladung des HMKV Ende Februar 2018

Foto: Tilman Abegg

Der rumänische Künstler Dan Perjovschi hat mal wieder das ganze U vollgekritzelt, auf Einladung des HMKV Ende Februar 2018

Dortmund.  Bissige, witzige Filzstiftzeichnungen bedecken die Treppenhauswände im U-Turm: Der rumänische Künstler Dan Perjovschi war da, schon zum zweiten Mal, und hat ein gutes Dutzend schwarze Marker leer gemacht. Wir haben uns mit ihm seine Zeichnungen angesehen.

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Für vier Tage hatten der Hartware-Medienkunstverein und die U-Turm-Leitung Dan Perjovschi eingeladen, seine Zeichnungen zu ergänzen, die er im September 2016 erstmals auf die Wände im Treppenhaus des U gebracht hatte. Ende Februar, Anfang März hat Perjovschi neue dazu gemalt und einige alte überstrichen, aber so, dass sie noch zu erkennen sind.

Das Gegenteil vom Elfenbeinturm

Die Kunst sollte sich mit der Wirklichkeit befassen, sagt Perjovschi, mit dem Leben und der Welt und allem, was darin schief läuft. „Die Kunst heutzutage ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt“, sagt der Rumäne, der unter anderem im Kasseler Fridericanum, im Kölner Museum Ludwig und im Museum of Modern Art in New York ausgestellt hat.

„Sie bleibt zu sehr in der Kunst. Ich bin kein Dogmatiker, aber ich denke, die Aufgabe eines Künstlers ist es heutzutage, Dinge zu öffnen und Brücken zu bauen. Warum sollte ich eine Sprache sprechen, die nur ich verstehe? Das ergibt doch keinen Sinn.“

Je reduzierter, desto eindeutiger

Seine Zeichnungen sind auf wenige Striche reduziert, damit sie möglichst unmissverständlich sind. Perjovschi benutzt außerdem nur schwarze Stifte, weil Farben seiner Ansicht nach „zu sehr manipuliert sind“, je nach kulturellem Hintergrund haben Farben unterschiedliche Bedeutungen.

Manche seiner Zeichnungen seien absichtlich sehr einfach zu verstehen, sagt er, damit Leute sie im Vorbeigehen wahrnehmen und verstehen können. Und so auf die anderen, schwierigeren aufmerksam werden, die mehr voraussetzen: Allgemeinbildung und Kenntnis der Zustände auf der Welt.

Toilettenzeichnungen?

Obwohl die Zeichnungen das Ergebnis vieler Überlegungen sind („Über jeden Zentimeter hier habe ich nachgedacht und noch mal nachgedacht“), wirken sie in ihrer Reduktion wie schnell hingeworfen und erinnern an Kritzeleien an Toilettenwänden.

Perjovschi lacht, wenn er danach gefragt wird, und sagt: „Da muss ich widersprechen. Klozeichnungen haben doch fast immer irgendeinen sexuellen Inhalt. Meine Zeichnungen haben das nicht. Sie werden hier im U von mir keinen einzigen Penis finden.“

Einen Penis gibt es doch

Das stimmt übrigens nicht ganz: Eine Zeichnung besteht aus dem Wort „“TRUTH“ (Wahrheit), und das „U“ hat unten in der Mitte einen zusätzlichen, kurzen Strich - wie ein Penis. Allerdings ist der nicht pubertär, sondern gesellschaftskritisch gemeint.

Damit weist Perjovschi auf Machos wie Trump, Erdogan und Putin hin, die in seinen Augen eine stark patriarchalisch verzerrte Form der Wahrheit propagieren.

Freiheit zwischen weißen Kacheln

Was Perjovschi an Toilettenzeichnungen allerdings interessant findet, ist, dass sie sehr offen und ehrlich sind. „Die Leute kritzeln ihre Wahrheiten an die Toilettenwände, weil sie sich frei fühlen.

Aber warum fühlen sie sich dort frei, und offenbar nur dort?“ Vielleicht, Herr Perjovschi, weil das ein sehr intimer Moment ist? „Genau. Und das hier“, er zeigt auf die U-Turm-Wände, „ist mein intimer Moment.“

Zeichnen wie ein Kind

Die meisten öffentlichen Orte seien nicht intim, sondern überwacht, zum Beispiel mit Kameras wie im U. Also würden sich die Leute entsprechend verhalten. Schon als Kind werde uns in der Schule der individuelle Ausdruck aberzogen, wir würden nur gelehrt, andere zu kopieren.

Das versuche er zu vermeiden und stattdessen zu zeichnen wie ein Kind: Aus sich heraus, unbeeinflusst in Stil, Inhalt und Ausdruck, und ohne darauf zu achten, wer ihn beobachtet.

Kein Aktivist, kein Politiker

So sieht er seine Rolle: „Ich kann nicht behaupten ein Aktivist zu sein, weil ich nicht an der Frontlinie bin. Ich bin eher ein Kommentator. Ich bin auch kein Politiker, weil ich nicht die Regeln mache. Ich kommentiere sie.“

„Ich mag es sehr, ein Künstler zu sein, weil ich etwas mehr Freiheit habe als ein Politiker. Ein Politiker muss sich in einem Konflikt für eine Seite entscheiden. Aber als Künstler kann ich die Standpunkte mischen, sie ausbalancieren.“ „Ich sage nicht, dies ist gut und das ist schlecht, sondern ich erzähle die Geschichte. Wenn Sie mich als Mensch fragen, dann werde ich meine Seite wählen. Aber in meinen Zeichnungen tue ich das nicht. Ich lasse die Betrachter darüber nachdenken.“

Nicht unanständig, nicht links, nicht rechts

Nichtsdestotrotz sei ihm ein gewisses Niveau im Tonfall seiner Zeichnungen sehr wichtig. „Sie werden hier von mir keine beleidigende Zeichnung finden. Meine Zeichnungen sind anständig. Radikal, aber anständig.“ Seine Kritik sei keine, die zerschmettert. Stattdessen versuche er immer, die Menschen zu verstehen, soweit das möglich ist.

Im politischen Spektrum stünden Künstler traditionell eher links, sagt Perjovschi. Er selbst sehe sich nicht links, sondern zwischen links und rechts. „Ich versuche, offen zu bleiben und eine fundamentale Haltung zu vermeiden.“ Manche seiner linken Bekannten unterstützten den amerikanischen Präsident Trump, weil sie damit rechnen, dass er mit seinem politischen Versagen den Kapitalismus zerstören werde. „Das ist Bullshit. Das wird nicht passieren.“

Der politische Kontext ändert die Bedeutungen

Ein Ding oder eine Aussage kann je nach politischem Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben. Perjovschi zeigt auf eine seiner Zeichnungen: „Im Iran sprechen sich viele Frauen gegen den Schleier aus. In Deutschland dagegen muss man die Kultur respektieren, also muss der Schleier bleiben. Das ist eine sehr interessante Diskussion: Wie positioniert man sich da? Respektiert man die Kultur?“

Alle zehn Tage ein neuer Ort

Manche Zeichnungen sind direkt für das U entstanden, andere sind Teil seines grundsätzlichen Repertoires, mit dem er Wände in vielen Ländern bemalt. Dan Perjovschi ist die meiste Zeit des Jahres auf Reisen. Im Schnitt zehn Tage verbringt er an einem Ort, dann geht es weiter. Bevor er Ende Februar im U-Turm begann, hatte er in einem Museum in Arles gearbeitet. Als er Anfang März Dortmund verließ, fuhr er nach Hause nach Bukarest, kurz darauf steht Österreich auf dem Plan, wo er ein Buch veröffentlicht, anschließend fährt er nach Stuttgart zur Konferenz „New Narrative“.

Was er unterwegs braucht: „Ein Hotel oder einen anderen Platz zum Schlafen. Am besten mit Frühstück, damit ich nur übers Zeichnen nachdenken kann. Und dann brauche ich kreative Freiheit. Raum, geistigen Raum. Je nachdem, wie viele Tage ich habe. Hier im U-Turm hatte ich vier Tage, das ist sehr wenig, aber ich habe hier ja auch nur die bestehenden Zeichnungen ergänzt, also ging das.“

Warum „Hard Drawing“?

„Hard Drawing“, harte Zeichnung, nannte Perjovschi seinen ersten Zeicheneinsatz im U im Herbst 2016. „Harder Drawing“, härtere Zeichnung, nennt er nun seine zweite Runde. Hart für ihn, sagt er, sei es, wenn Leute die Zeichnungen nicht beachten oder nur kurz gucken und unbeeindruckt weiterlaufen – daher der Name, denn das passiere ständig.

Aber diese Erklärung des Titels scheint nicht die ganze Wahrheit zu sein, sondern nur eine kritische, selbstironische individuelle Perspektive. Insofern passt sie gut zu den Zeichnungen.

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