Kriminalitätschwerpunkt

Bürger fordern mehr Druck gegen Kriminelle in der Nordstadt

Die Nordstadt, hier der Blick auf den Park am Keuninghaus, links ist eine Ecke vom Keuninghaus zu sehen, darüber der helle Gebäuderiegel der Arbeitsagentur.

Foto: Peter Bandermann

Die Nordstadt, hier der Blick auf den Park am Keuninghaus, links ist eine Ecke vom Keuninghaus zu sehen, darüber der helle Gebäuderiegel der Arbeitsagentur. Foto: Peter Bandermann

Dortmund.  Behörden berichten über Fortschritte in einem „Multiproblembezirk“, die Bürger bewerten die Erfolge jedoch unterschiedlich.

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Im März 2016 hatte Taie Mohamed ganz schlechte Laune. Weniger Kunden in seinem Lebensmittelladen auf der Priorstraße in der Nordstadt und 40 Prozent Umsatzminus. Er führte die bedrohlichen Zahlen auf die Kriminalität im Umfeld der Münsterstraße zurück.

Der 3. Januar 2018, also fast zwei Jahre später: Taie Mohamed strahlt übers ganze Gesicht. Der Laden läuft wieder. Stolz zeigt er auf seine üppig ausgestattete Fischtheke. Der Mann hat gute Laune – denn: „Meine Kunden kommen sogar abends wieder.“

Taie Mohamed hat seine Meinung geändert

Er führt das auf den hohen Druck der Polizei zurück. Im März 2016 sah er das komplett anders. „Die machen zu wenig“, lautete das Fazit des Taekwondo-Kampfsportlers, der auch mit dem Zitat „Habe Angst und schwarzen Gürtel“ in dieser Zeitung zitiert wurde. Dann erhielt er einen Anruf und Fragen von der Polizei.

Den schwarzen Gürtel hat Taie Mohamed immer noch. Aber die Angst ist weg, und die Kunden kommen wieder. Wie andere Bürger spürt der Lebensmittel-Verkäufer, dass die Polizei den Kriminellen das Leben schwerer macht. Die Zahl der Straftaten geht deutlich zurück, belegen Zahlen aus dem Präsidium. Die Aufklärungsquote der Nordstadt-Polizei ist deutlich höher als in der gesamten Stadt.

Bürger bestätigen die Aussagen der Behörden

Egal, wen man in seinem Geschäft oder in seinem Büro, in einem Café oder auf der Straße fragt: Bürger bestätigen die von Behörden in den vergangenen Wochen und Monaten mehrmals veröffentlichten Informationen. Sie fühlen die Fortschritte in den Problem-Vierteln des Bezirks. Vor zwei Jahren war ihr Meinungsbild, wie die Zahlen der Polizei, komplett anders. Alle befragten Bürger äußerten Angst, Einzelhändler und Kleinfirmen äußerten Existenzsorgen.

Polizeipräsident Gregor Lange hatte bereits im Oktober 2017 einen deutlichen Rückgang bei den Straftaten verkündet. Auch zum Jahreswechsel kann er an dieser Aussage festhalten. Ende Dezember sagte Oberbürgermeister Ullrich Sierau: „Es gibt Straßenzüge, in denen es nichts mehr zu meckern gibt.“

„In letzter Zeit ist es besser geworden“

Ist das allzu optimistischer Behörden-Sprech? Wir waren unterwegs und haben Nordstadt-Bürger, die ehrenamtlich in Gremien mitreden und den Behörden-Vertretern immer wieder auf die Füße getreten haben, nach ihrer Sicht gefragt. Unter den Befragten waren auch „Otto Normalverbraucher“ vertreten, darunter Anuth Benjamin und Skendr Murati aus der Nordstraße sowie eine Neubürgerin.

„Ich wohne seit sieben Jahren hier. In letzter Zeit ist es auf jeden Fall besser geworden. Wir haben uns häufig beschwert und sogar selbst mit Zuhältern angelegt“, berichtet Anuth Benjamin. Erfolge schreibt er stärker der Verwaltung als der Polizei zu. „Wenn man bei der Polizei anruft, verweisen die immer an die Stadt“, meint er.

Hauskäufer bereut seine Entscheidung

Skendr Murati erkennt ebenfalls Fortschritte, bereut aber, in der Nordstraße ein Mehrfamilienhaus gekauft zu haben. Die neue Tür, für 3000 Euro gekauft, werde immer wieder versaut. Es sei ständig schmutzig vor dem Haus. Das sagt er an einem Mittwochmittag mit einem Besen in der Hand.

Wegen der günstigen Mieten wohnt seit vier Monaten eine 18-jährige Krefelderin im Schleswiger Viertel. Sie absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr in Dortmund und hatte sich vor dem Umzug mehrere Dokumentationen über die Nordstadt angeschaut. „Weil ich alleine hergezogen bin und gehört habe, dass es hier nicht sehr sicher ist.“ Doch bei der Wohnortwahl verdrängten die günstige Miete und die zentrale Lage das Unsicherheitsgefühl.

18-Jährige empfiehlt: „So weitermachen“

Der Ruf der Nordstadt habe sich „teilweise“ bestätigt, denn „an manchen Ecken kriegt man viel mit und sieht Polizeieinsätze. Aber ich fühle mich trotzdem sicher und habe keinen Grund, schnellstmöglich wieder wegzuziehen“, sagt die 18-Jährige auf der Missundestraße. Und was würde sie der Polizei raten? „So weitermachen.“

„Hier hat sich auf jeden Fall etwas getan“, sagt Dr. Marita Hetmeier, eine Immobilienmaklerin und Eigentümerin von 70 Wohnungen und fast 80 Ladenlokalen und Büros. Die streitbare Nordstädterin legt gern den Finger in die Wunde und sagt mit Blick auf einen sichtbaren Wandel, dass ihre Kritik an den Behörden „weniger scharf“ geworden sei.

Das liege aber auch daran, dass sie „ein wenig resigniert und den Kampf gegen Windmühlen aufgegeben“ habe. „Aber hin und wieder bekomme ich noch einen kleinen Wutanfall“, sagt sie. Früher, als heute klar benannte Probleme in der Nordstadt lieber totgeschwiegen worden sind, legte sich Marita auch in ihrer Partei, der SPD, mit Hinz und Kunz an.

„Die Polizei zeigt Härte, wo Härte geboten ist“

Sie listet Fortschritte auf: Die Polizei zeige Härte, wo Härte geboten sei. Das Büro des Ordnungsamtes am Nordmarkt zeige Wirkung. Die Stadt Dortmund und Investoren hätten „prekäre Eigentumsverhältnisse“ aufgelöst. Die gemeinnützige Grünbau GmbH und andere Investoren hätten an der Brunnenstraße und an anderen Standorten gezeigt, dass Schrottimmobilien in Vorzeigeobjekte umgebaut und solide Bürger angezogen werden können.

Marita Hetmeier sieht dennoch Spielräume. „Mehr Leute mit Einfluss“ müssten deutlicher auftreten und „hirnrissige Vorschläge wie einen Drogenkonsumraum nur für die Nordstadt“ verhindern. Der Polizei legt sie nahe, in Problem-Straßen die Videobeobachtung einzuführen. Wie in der Brückstraße bereits geschehen.

„Eine rumänische Zuhälterin spielt eine gewisse Rolle“

Der Stadt rät sie, beim Prostitutions-Problem genauer hinzusehen und nicht nur auf die 25 bis 35 im Bezirk wohnenden Prostituierten zu verweisen. Marita Hetmeier: „Neue junge Frauen kommen dazu. Eine rumänische Zuhälterin spielt hier eine gewisse Rolle.“

„Die Videobeobachtung fordern wir schon länger“, sagt dazu Bezirksbürgermeister Dr. Ludwig Jörder im „Grünen Salon“ auf dem Nordmarkt sitzend, „aber wir konnten uns damit bisher nicht durchsetzen.“ Er will dran bleiben.

Der Bezirksbürgermeister und die Immobilienmaklerin fordern die Behörden dazu auf, den Druck aufrecht zu erhalten: „Wir sind noch nicht am Ziel und dürfen den Druck nicht abbauen“, meint Marita Hetmeier in ihrem Büro mit Blick auf den Nordmarkt. „Manchmal sind mir die Sanktionsmöglichkeiten zu schwach oder die Sanktionen fehlen ganz“, meint Dr. Jörder.

„Komplettausraster“ auf der Straße

Damit spricht er dem Hausbesitzer Jörn Schulte aus der Münsterstraße aus der Seele. Er vermietet 20 Wohnungen und das Roxy-Kino und blickt tagtäglich auf das Drogenproblem in der Nordstadt, denn Woche für Woche versuchten rivalisierende ausländische Drogenhändler die Gebietsgrenzen in einem kleinen Einzugsbereich auf der Münsterstraße mit Faustrecht durchzusetzen. Da seien dann auf offener Straße „Komplettausraster“ zu beobachten.

Jörn Schulte widerspricht der Polizei nicht, wenn sie auf Ermittlungserfolge verweist, aber er sieht noch viel Luft nach oben. Was er nicht nachvollziehen kann: Vor anderthalb Jahren festgenommene Drogenhändler seien auch heute noch sichtbar aktiv.

Sie hätten mit illegalen Geschäften einen „sozialen Aufstieg“ hinter sich und würden auch ohne Schulabschluss mit dem Verkauf von Drogen gutes Geld verdienen. Während rechtschaffene Einzelhändler im Münsterstraßen-Viertel mit Qualität und Service ums Überleben und für ein besseres Quartier kämpften.

„Mich stört, was ich hier täglich sehe“

„Solange hier die immer gleichen Typen dealen, hat sich für mich erst einmal nichts geändert“, sagt der Hausbesitzer über die Polizei-Erfolge, und ergänzt: „Mich stört, was ich hier tagtäglich sehe. Und ich sehe sehr viel.“ Für kleinere Schlägereien ruft er gar nicht mehr an bei der Polizei. Die Drogenhändler verhinderten mit aller Macht die entscheidenden Fortschritte.

Schulte vermisst „die letzte Konsequenz des Rechtsstaats“. Polizei und Justiz müssten sich verlorenen Respekt zurückholen. Er selbst als Bürger könne nicht viel dazu beitragen, außer sich im Sicherheitsforum Nordstadt zu Wort zu melden.

Größere Fortschritte sind gewünscht

2018 sei für ihn das „Jahr der Entscheidungen“. Im Sommer werde der Rat über den „Masterplan kommunale Sicherheit“ entscheiden. Er erwartet darin eindeutige Arbeitsaufträge für die Nordstadt. Für noch größere Fortschritte.

„Ich erhoffe mir von einer Videoüberwachung auf der Münsterstraße sehr viel. Sollte es dann zu einer Verdrängung kommen, müssen die Behörden eben die Verdrängung verfolgen.

Polizisten suchen neue Kamera-Standorte

So lange, bis das alles den Drogenhändlern und ihren Kunden zu lästig wird.“ Eine Arbeitsgruppe der Polizei hat den Auftrag, weitere Video-Standorte in Dortmund ausfindig zu machen. Das Polizeigesetz schließt eine Videoüberwachung aus, wenn sie zu einem Verdrängungseffekt führt. Deshalb war die Nordstadt bislang ausgeschieden.

Das Muster „Morgens hebt die Polizei die Bunker aus. Nachmittags sind die Bunker wieder voll“ dürfe es nicht mehr lange geben, sagt Jörn Schulte. Erst dann werde auch er von Erfolgen sprechen.

Seniorin: „Die Probleme haben nicht aufgehört“

Eine gute Beobachterin ist eine 74-jährige Anwohnerin aus dem Münsterstraßenviertel. „Ja, die Probleme sind zurückgegangen. Aber sie haben nicht aufgehört“, sagt sie im Gespräch über ihr Wohnumfeld.

Die Seniorin hat Angst: Bei Dunkelheit legt sie selbst kurze Strecken mit dem Auto zurück. Ihr Name solle besser nicht in der Zeitung stehen.

Linienstraße: Lärmquelle Bordell

„Ich rufe nicht mehr so oft bei der Polizei an. Das alles regt mich zu sehr auf. Ich bin in ärztlicher Behandlung und muss auf meine Gesundheit achten.“ Zum Unsicherheitsgefühl kommt der unerträgliche Lärm: Wenn die Nachtruhe einkehren soll, geht im Bordell in der Linienstraße das Leben los.

„Ohne dieses Bordell wäre es nachts viel ruhiger. Wir Anwohner haben das vor vielen Jahren auch schon gefordert. Aber man bekommt von der Stadt und der Politik immer andere Antworten. Irgendwann gibt man auf“, berichtet die Seniorin resigniert.

Polizeiarbeit bleibt unter Beobachtung

Der Lebensmittelhändler freut sich über steigende Umsätze, weil das Umfeld wieder stimmt. Die 74-Jährige kämpft gegen den steigenden Blutdruck, weil der Heimatstadtteil sie krank macht.

„Alle Institutionen müssen anpacken“, sagt Polizeisprecher Oliver Peiler. Die Polizei werde 2018 dort anfangen, wo sie 2017 aufgehört habe: „Die Nordstadt bleibt ein maßgeblicher Teil unserer Arbeit.“ Jörn Schulte ist einer der Bürger, die den Erfolg dieser Arbeit kritisch bewerten werden.

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