Berlin-Anschlag

Attentäter Anis Amri besuchte acht Moscheen in Dortmund

Hinter diesem Hauseingang an der Lindenhorster Straße soll sich die Koranschule befinden, zu der Anis Amri nach Erkenntnissen der Ermittler regelmäßig Zugang hatte.

Hinter diesem Hauseingang an der Lindenhorster Straße soll sich die Koranschule befinden, zu der Anis Amri nach Erkenntnissen der Ermittler regelmäßig Zugang hatte.

Düsseldorf.  Neue Details zum mutmaßlichen Attentäter: Anis Amri hatte 14 verschiedene Identitäten angenommen und war unter anderem in Dortmund gemeldet.

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Bei einer Sondersitzung im Innenausschuss des Landtags in NRW sind am Donnerstag weitere Einzelheiten zum Fall Anis Amri bekannt geworden. So hatte der Attentäter, der am 19. Dezember einen LKW auf einen Berliner Weihnachtsmarkt lenkte und dabei zwölf Menschen tötete und über 50 verletzte, nach seiner Einreise nach Deutschland im Juni 2015 vierzehn verschiedene Identitäten angenommen.

Unter anderem in Karlsruhe, Berlin, Münster, Oberhausen meldete sich Anis Amri mit verschiedenen Namen und verschiedenen Staatenzugehörigkeiten als Asylbewerber an. So gab sich Amri in Dortmund im August und im Oktober 2015 zweimal als Ägypter aus.

Die höchstmögliche Einstufung

Laut Dieter Schürmann, Leitender Kriminaldirektor im NRW-Innenministerium, wurde Amri seit dem 17. Februar 2016 durch das Polizeipräsidium Dortmund als Gefährder eingestuft, ausschlaggebend dafür war unter anderem die Beobachtung eines Zimmernachbarn Amris in einer Flüchtlingsunterkunft im Oktober 2015. Der Mann hatte auf dem Handy des Tunesiers Aufnahmen von "schwarzgekleideten Männern mit Schnellfeuergewehren und Handgranaten" gesehen. Eine Einstufung als Gefährder, so Innenminister Ralf Jäger am Donnerstag, sei keine Einstufung als Straftäter.

Laut NRW-Verfassungsschutzchef Burkhard Freier gibt es in NRW aktuell 2900 Salafisten, unter ihnen rund 650 gewaltbereite und unter ihnen wiederum potenzielle Gefährder. Eine Einstufung als Gefährder, von denen bundesweit 75 Prozent einen deutschen Pass hätten, sei die höchstmögliche der Sicherheitsbehörden, sie gelte bundeseinheitlich und sei bundesweit abrufbar.

Nach Bauanleitungen für Rohrbomben gesucht

Ebenfalls im Februar 2016 wurde ein Handy Amris untersucht: Unter anderem hatte er auf islamistischen Internetseiten gesurft, im Netz suchte er auch nach Bauanleitungen für Rohrbomben. Das Landeskriminalamt NRW hatte den Sicherheitsbehörden ebenfalls im Februar 2016 mitgeteilt: "Aufgrund der vorliegenden Erkenntnisse ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt davon auszugehen, dass Amri seine Anschlagspläne ausdauernd und langfristig verfolgen wird."

Beweisfähig oder gerichtsfest war diese Einschätzung aber offenbar nicht. Ralf Jäger: "Das, was die Sicherheitsbehörden wussten, war Wissen vom Hörensagen." So war es offenbar auch Wissen vom Hörensagen, dass sich Amri in einem Chatkontakt dem IS als Selbstmordattentäter angeboten hatte.

Die Hinweise auf Amri waren einerseits von einer eingeschleusten Quelle der Sicherheitsbehörden rund um den salafistischen Prediger Abu Walaa gekommen. Der wurde am 8. November samt dreier enger Gefolgsleute wegen mutmaßlicher Unterstützung des IS verhaftet.

Amri wohnte bei Boban S. in Dortmund

Einer der jetzigen Häftlinge war Boban S., ein 36-jähriger konvertierter Deutsch-Serbe aus Dortmund. Bei ihm hatte Amri phasenweise gewohnt, wenn er sich in Dortmund aufhielt. Amri galt in dem Verfahren gegen die salafistische Gruppierung als sogenannter "Nachrichtenmittler", er wurde in diesem Verfahren nicht als Beschuldigter geführt. Aber auch hier hatte er Unterstützer und Mittäter für Anschläge gesucht.

Weiter hat Amri in NRW 12 Moscheen besucht, acht davon lagen in Dortmund, eine von ihnen wird dem salafistischen Zentrum zugerechnet. Amri soll in einigen Moscheen als Vorbeter fungiert haben, laut Burkhard Freier sei ein Vorbeter keine Führungsperson in einer Moschee. "Dabei wird einem Gast eingeräumt, das Gebet vorzusprechen, das ist nichts Besonderes." Weitere Informationen über Amri kamen im September und Oktober 2016 von marokkanischen und tunesischen Geheimdiensten, die ihn als IS-Sympathisanten mit Kontakten zu IS-Gruppierungen in Libyen einstuften.

Im Juli 2016 kommt es im Gemeinsamen Terrorismus-Abwehr-Zentrum (GTAZ) zum Treffen einer Arbeitsgruppe, die sich mit Amri beschäftigte. Bei dieser Sitzung gibt es Überlegungen seitens des Berliner Landeskriminalamtes, Amri nach Paragraf 58a auszuweisen. Die beinhalten eine "auf Tatsachen gestützte Prognose zur Abwehr einer besonderen Gefahr". In der Sitzung kommt man zu dem Schluss, dass eine "akute Gefährdungslage derzeit nicht in gerichtsverwertbarer Form vorliegt". Insgesamt war der Tunesier sieben Mal Thema bei GTAZ-Sitzungen.

Keine Aussicht auf Erfolg

Am 29. Juli wurde Amri in Friedrichshafen aus einem Fernreisebus geholt, er hatte zwei verfälschte italienische Dokumente und mutmaßlich Drogen bei sich. Der 24-Jährige wurde in Ravensburg inhaftiert, da eine Abschiebehaft keine Aussicht auf Erfolg gehabt habe, wurde er am 1. August 2016 aus der Haft entlassen.

Am 10. August kam es im Umfeld des Predigers Abu Walaa zu Durchsuchungen, unter anderem in Dortmund, hier taucht Amri am 11. August und zuletzt noch einmal am 18. August auf. "Das", so Dieter Schürmann, "war der letzte polizeibekannte Aufenthalt in Dortmund."

Nachbarn von Boban S. in Dortmund geben indes an, Amri einen Tag nach der Verhaftung seines Gastgebers in Dortmund, also am 9. November, gesehen zu haben. Burkhard Freier konnte das auf Nachfrage nicht bestätigen. Aus Sicherheitskreisen heißt es, es habe vor dem Fall Amri fünf bis sechs Gefährder in Dortmund gegeben. Inzwischen sind es zwei weniger. Boban S. sitzt nach wie vor in Haft, Anis Amri ist tot.

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