Stadthistorischer VHS-Vortrag

Stadthistorie: Zur Arbeit nach Voerde verschleppt

Lagerbaracken zum Ende des Zweiten Weltkriegs am Buschmannshof in Voerde.

Lagerbaracken zum Ende des Zweiten Weltkriegs am Buschmannshof in Voerde.

Foto: privat

Voerde.   Rüdiger Gollnick beschäftigte sich in seinem stadthistorischen Vortrag mit dem Schicksal von Zwangsarbeitern. Volkshochschule hatte eingeladen.

Es dauert eine Weile, bis Rüdiger Gollnick bei seinem stadthistorischen Vortrag im Rahmen des Programms der Volkshochschule Dinslaken-Voerde-Hünxe über die Zwangsarbeiter und so genannte „displaced persons“ auf die Stadt Voerde zu sprechen kommt.

Das liegt wohl daran, dass Gollnick, der aktuell noch zu der Thematik geforscht hat, sehr tief im Thema steckt und seinen Zuhörern im Saal des Rathauses den historischen Kontext näherbringen möchte. Und so erfahren diese erst einmal etwas über die Oktoberrevolution, die Konferenz von Jalta und den Umgang mit ehemaligen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, die wieder in die UdSSR zurückkehrten und die Anzahl der betroffenen Menschen in Deutschland. Am Ende des Zweiten Weltkrieges befanden sich wohl um die elf Millionen „displaced persons“, von Kriegsgefangenen bis hin zu Zwangsarbeitern, in Deutschland.

In Voerde waren sie im Durchgangslager in Friedrichsfeld, in einem Lager auf dem Babcockgelände, und Kinder von Zwangsarbeiterinnen der Firma Krupp in Essen im Lager Buschmannshof untergebracht. Anhand von Berichten ehemaliger Zwangsarbeiterinnen schildert Rüdiger Gollnick die Verhältnisse. Oft wurden die Frauen aus ihrer Heimat verschleppt, in Zügen wie Vieh nach Deutschland transportiert und an ihren Zielorten quasi an ihre neuen „Herren“ verkauft. „Da ging es zu wie auf Sklavenmärkten“ erklärt Rüdiger Gollnick. Die Zustände im Lager auf dem Babcock-Gelände vergleicht eine der dort untergebrachten Frauen mit jenen in einem Konzentrationslager. „Das Arbeiten war eine unerträgliche Qual“, zitiert Gollnick aus einem Brief, den die Frau ihrem Sohn diktierte. Als Nahrung gab es für sie Abends eine zähflüssige Masse aus Zuckerrüben und Sägemehl.

Einige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen lebten auch bei Familien in den Stadtteilen von Voerde, zum Beispiel in Spellen, freundeten sich teilweise mit Familienmitgliedern an. „Als ich nach Russland zurück musste, haben wir beide geweint“, erzählt eine Zwangsarbeiterin über sich und die 14-jährige Tochter der Familie, bei der sie wohnte. „Ich hatte die Chance zu überleben“, schildert ein Zwangsarbeiter, der bei einer Familie in Eppinghoven untergekommen war, seine Lage. „Wir haben festgestellt, dass bei vielen der Zwangsarbeiter das Bild von Deutschland eher positiv war – trotz aller Dinge, die sie hier erlebt haben“, erzählt Rüdiger Gollnick.

Das mag auch daran gelegen haben, dass die Zwangsarbeiter gerade im russischen Einzugsgebiet, wohin sie zwangsläufig zurückgeschickt wurden, nicht freundlich empfangen wurden. „Die Rückkehrer wurden als Feinde Russlands angesehen und man sprach in den Familien nicht darüber“, erzählt Rüdiger Gollnick. „Wir wurden beschimpft und verfolgt“, berichtet eine der zurückgekehrten Zwangsarbeiterinnen von ihren Erlebnissen nach 1945. Teilweise fürchteten die Betroffenen um ihr Leben und einige wurden sogar umgebracht. Erst Ende der 1950er-Jahre gab es in Russland für die Betroffenen eine gewisse Rehabilitation und es dauerte bis Mitte der 90er-Jahre, bis der von Verfolgung, Verachtung und Gewalt geprägte Umgang mit ihnen nach dem Krieg für Unrecht erklärt wurde. „Das Schicksal dieser Menschen geht sicher an niemandem hier spurlos vorbei“, sagt VHS-Leiter Werner Schenzer am Ende des Vortrages.

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