Theater

Kathrin-Türks-Preis-Siegerstück feiert Premiere in Dinslaken

Ausgelacht von ihren eigenen Grübeleien: „Charlie“ (Lisa-Marie Gerl) und der Chor ihrer eigenen Gedanken.   

Ausgelacht von ihren eigenen Grübeleien: „Charlie“ (Lisa-Marie Gerl) und der Chor ihrer eigenen Gedanken.  

Foto: Burghofbühne Dinslaken

Dinslaken.   Anna Scherer inszenierte „Die Kinder von Nothingtown“, das Siegerstück des Kathrin-Türks-Preises 2018, für die Burghofbühne Dinslaken.

Charlotte, genannt Charlie, wird 18. Kein normaler Geburtstag. 18 bedeutet Volljährigkeit. Jetzt ist man kein Kind mehr, sondern erwachsen. Glaubt man wenigstens. Man selbst vielleicht nur ein bisschen. Aber die Gesellschaft auf jeden Fall. Aber wer ist man überhaupt, für wen halten einen die anderen, für wen hält man sich selbst? Dies ist die noch viel beklemmendere Frage, mit der sich Charlie in den Stunden vor der großen Party konfrontiert sieht.

Gesammelte Gedanken und Empfindungen von Jugendlichen

Lisa Danulat hat in ihrem Stück „Die Kinder von Nothingtown“ gesammelte Gedanken und Empfindungen von Jugendlichen zu einer poetischen, fantastischen Reise ins Erwachsenwerden in einer oberflächlichen, konsumorientierten und zugleich (über-)fordernden Welt verarbeitet. Dafür erhielt sie 2018 den renommierten, von der Burghofbühne Dinslaken, der Niederrheinischen Sparkasse Rhein-Lippe und der Stadt Dinslaken ausgelobten, Kathrin-Türks-Preis. Am Freitag fand im feierlichen Rahmen die Uraufführung statt.

Ein grell-bunter Alptraum

Anna Scherer, Leiterin des Kinder- und Jugendtheaters der Burghofbühne, inszenierte die „Kinder von Nothingtown“ als einen grell-bunten Alptraum, eine surreale Studie in Pink. Bunte Lichter tanzen über die Decke und die Wände der ausverkauften Remise im Tenterhof, es ist der Kosmos mit all seinen Farben. Von dort geht es im Sturzflug nach Nothingtown: Und dort, in diesem „Legokaff“, ist für Charlie dennoch alles überlebensgroß. Jörg Zysik entwarf die Bühne und die Kostüme, die vor allem eins sind: bunt, überfrachtet, überdreht. Es ist die moderne Reizüberflutung der digitalen Plastikwelt, unecht, aber in HD und mit übersättigten Farben.

Ermahnungen und Selbstzweifel

Aufblasbare Flamingos repräsentieren die rosa Welt des Mädchens Charlotte genannt Charlie. Man kann mit ihnen schwimmen, aber in diesen Reifen auch gefangen sein. Zwei Erfahrungen, die nicht nur Charlie (Lisa-Marie Gerl), sondern auch die skurrilen Gestalten machen, die das Geburtstagskind in der Stunde vor der großen Party heimsuchen.

Da sind Charlies eigene Gedanken, losgelöst von ihr zu einem maskierten Chor. Ermahnungen der Eltern, Selbstzweifel bezüglich des Aussehens und des Beliebtseins, die Anforderungen künftiger beruflicher Erfolge, das Nutzen von Beziehungen. Phrasen, alles Phrasen, die nur entwickelt wurden, Menschen als Konsumenten zu perfektionieren.

Die Ausgeburten der heutigen Welt, in Charlottes Fantasie nehmen sie gespenstisch-groteske Gestalt an. Denn längt ist klar, das ist nicht mehr die Realität, sondern ein Traum. Maurice (Philip Pelzer), ist der „Kinderkönig“. Ein unreifes Ding, dem Feen den Lolli in den Mund stecken, der aber das Spielzeug konfisziert. Noch schlimmer sind die „toten Prinzessinnen“ begleitet von Jan Exner hervorragend getroffenen, düsteren Electro-Klängen: Es sind Party-Zombies, die Charlie mit Prosecco locken. Und immer wieder: „Charlie, bring den Müll herunter“. Müll, der sich auf der Seele der 18-Jährigen türmt.

Selbst die Telefonseelsorge ist ein Bot

Die Telefonseelsorge ist ein Bot, der Jugendpsychiater denkt nur ans Geld. Gibt es überhaupt noch echte Menschen in Nothingtown. In ihrem Traum erscheint Charlie das Waisenkind Kyara (Laura Götz), die treue, aber unscheinbare Freundin, die sie einfach vergessen hat und Georg (Sebastian Menges), der in immer neue Rollen schlüpft, um in der Welt zu bestehen: „In diesem Legokaff muss man doch sein ganzes Glück zur Schau stellen.“

Irgendwann bricht alles über Charlie zusammen. Doch es ist nicht jener „blinde Fleck mit Federn“, der die Seifenblase Nothingtown platzen lässt, sondern nur der Wecker, der sie aus ihrem Traum reißt. Charlie ist ein Stück erwachsener geworden, sie wirft die 30 aufblasbaren Flamingos hinter die Bühne. Aufräumen, den Müll rausbringen. Zum Schluss ist da Georg, der Junge hinter den schillernden Rollen. Ist da doch noch was in Nothingtown? Die Musik spielt. „Baby don’t hurt me no more“.

Viel Applaus von den Premierengästen, darunter der stellvertretende Bürgermeister Eyüp Yildiz, der zuvor die Einführung hielt, ein Gesellschaftsporträt, so laut, grellbunt und oft durch Überzeichnung treffend, dass es schmerzte.

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