Mitgliederschwund

Wie Geistliche den Mitgliederschwund ihrer Kirche bewerten

Erneut angestiegen ist 2018 die Zahl der Kirchenaustritte.

Erneut angestiegen ist 2018 die Zahl der Kirchenaustritte.

Foto: Michael Kleinrensing

Kreis Wesel/Münster.  2018 gab es erneut mehr Austritte als 2017. Wie Geistliche das bewerten und was sie zur Diskussion über Abschaffung der Kirchensteuer sagen.

Die Zahl der Kirchenaustritte ist im Kreisdekanat Wesel 2018 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen: 1403 Katholiken erklärten ihren Austritt, das waren 214 mehr als im Vorjahr (2017: 1189). Entsprechende Zahlen hat die Bischöfliche Pressestelle gestern bekannt gegeben.

Das sind die weiteren Zahlen

3049 Katholiken weniger verzeichnete das Kreisdekanat Wesel 2018: Die Zahl sank von 209.297 in 2017 auf 206.248.


Ebenfalls rückgängig waren die Anzahl von Taufen und Trauungen.

1381 Menschen wurden 2018 getauft, 2017 waren es noch 98 mehr, also 1479. 367 kirchliche Trauungen wurden vollzogen, 2017 waren es noch 22 mehr, also 389.


Minimal erhöht hat sich lediglich die prozentuale Anzahl an Katholiken, die sonntags an einem Gottesdienst teilnehmen: Sie stieg leicht von 6,27 auf 6,35 Prozent.

13.098 Personen nahmen 2018 sonntags an der hl. Messe teil, 2017 waren es sieben mehr (13.115).

Das sind die Reaktionen

Der Bischof von Münster, Dr. Felix Genn, erklärt zu den Zahlen im Bistum Münster (siehe Box): „Die Zahlen lassen sich nicht schönreden. Die Menschen stimmen mit den Füßen darüber ab, ob sie uns für glaubwürdig und vertrauensvoll halten und ob die Gemeinschaft in der katholischen Kirche ihnen grundsätzlich als notwendig für ein gutes und gelingendes Leben erscheint. Für viele gilt das leider nicht mehr. Wir haben an Relevanz für das Leben der Menschen verloren.“ Sicher seien auch die Ergebnisse der Studie zum sexuellen Missbrauch in der Kirche, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurden, bei vielen Menschen das auslösende Moment gewesen, um zu sagen: „Jetzt reicht es mir endgültig“, glaubt der Bischof.

Die Verbrechen, die Priester an Kindern und Jugendlichen begangen hätten, könne das Bistum nicht ungeschehen machen. „Wir können nur alles in unserer Macht Stehende tun, um die Vergangenheit schonungslos aufzuarbeiten und um Betroffene erfahren zu lassen, dass sie im Mittelpunkt der Aufarbeitung stehen.“ Auch müsse man alles tun, um sexuellen Missbrauch künftig zu verhindern: „von Anstrengungen im Bereich der Prävention bis hin zu Änderungen bei den systemischen Faktoren, die sexuellen Missbrauch in der Kirche begünstigen“.

Die Austritts-Zahlen zeigten: „Wenn wir nicht schon sehr bald nur noch eine kleine Minderheit sein wollen, bleiben große Herausforderungen, denen wir uns beherzt stellen wollen“, so der Bischof. Die Menschen müssten erfahren, „dass wir dialog- und veränderungsbereit sind, dass wir nicht uns selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern dass wir für sie da sein möchten. Wir wollen eine offene, lernfähige und auch demütige Kirche sein“. Dies müsse besser gelingen als in der Vergangenheit.

Wilhelm Kolks (Spellen), Dechant im Dekanat Dinslaken, bezeichnete die Zahlen auf NRZ-Nachfrage „als nicht überraschend“. Der Rückgang der Anzahl an Katholiken habe seines Erachtens nach „aber nicht nur mit den Austrittszahlen zu tun, sondern vor allem mit dem demografischen Wandel“.

Es sei eben so, dass mittlerweile häufiger beerdigt als getauft werde. „Wir stehen jetzt in der Tat in einer neuen Situation: Darauf muss Kirche versuchen, eine Antwort zu geben.“ Wie, das weiß er auch nicht näher zu beziffern. Fest steht für Kolks aber: „Ich bin kein Eventmanager, der den Leuten nur das bietet, was sie wollen.“

Angesprochen auf die Diskussion über eine Abschaffung der Kirchensteuer – die unter anderem der Kriminologe Christian Pfeiffer in Gang gebracht hatte, indem er auf die USA blickte – wo es keine Kirchensteuer gibt – und wo es dennoch „viel lebendiger“ sei, weil man es sich dort eben „nicht auf dem Ruhekissen der Kirchensteuer bequem machen könne“, gibt Kolks zu bedenken, was die Steuer hierzulande ermögliche: „Wir haben hier noch Gebäude, die für eine andere Form von Kirche gedacht waren – und dass wir diese erhalten, können wir uns eigentlich nur noch dadurch leisten, dass Kirchensteuer gezahlt wird. Wenn man will, dass der Kirchturm stehen bleibt, dann muss man eben auch bereit sein, dafür zu zahlen.“

Die Kirche in NRW gebe für den Denkmalschutz beispielsweise mehr aus als das Land, sagt Kolks. So leiste sie auch eine gewisse historische Arbeit.

Anstatt hinüber in die USA zu blicken, lohne sich ein nicht ganz so weiter Blick zu den niederländischen Nachbarn. „Auch dort gibt es keine Kirchensteuer“, sagt Kolks. Deshalb gebe es viele Gotteshäuser nicht mehr – oder aber sie seien entwidmet und würden zu anderen Zwecken genutzt.

Auch sei es ohne Kirchensteuer kaum noch möglich, das Engagement in den Gemeinden zu stemmen. „Unsere Gemeinden sind ja irgendwie auch Ehrenamtsagenturen, bei denen sich viele ehrenamtliche Kräfte engagieren, die durch wenige hauptamtliche Kräfte unterstützt werden“, sagt Kolks.

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