Serie: Die Zeche Erin - Teil 2

Wie ein Förderverein die Fördertürme rettete

Castrop-Rauxel.  Vor genau 150 Jahren wurde in Castrop-Rauxel zum ersten Mal Kohle gefördert – auf Erin, der ersten und letzten Zeche der Stadt. Mit dem Fördergerüst am einstigen Schacht VII und dem Hammerkopfturm sind noch sichtbare Spuren der Bergbau-Ära erhalten. Doch wem ist das überhaupt zu verdanken? Das klären wir in der zweiten Folge unserer Erin-Serie.

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Viele Jahre war Klaus Michael Lehmann als Fotograf für das Landesdenkmalamt tätig und dokumentierte dabei vor allem das Leben und die Kultur im Ruhrgebiet. Als die Zeche Erin schloss und dem Fördergerüst an Schacht VII der Abriss drohte, tat Lehmann allerdings noch viel mehr, als nur zu fotografieren. Ohne Lehmann und seine sechs Mitstreiter, die im Jahr 1984 den „Erin Förder-Turm-Verein“ gründeten, gäbe es heute wahrscheinlich kaum mehr Spuren des Bergbaus in Castrop-Rauxel.

„Eigentlich habe ich zuerst dieses Gebäude dort drüben gerettet. Da gab es noch gar keinen Förderverein“, sagt Lehmann, während er auf den Hammerkopfturm am ehemaligen Schacht III zugeht und sein Blick das alte Bergbeamtenhaus ein paar Meter weiter streift. Noch vor der Schließung von Erin am 23. Dezember 1983 habe die Zeche das hübsche alte Haus, in dem einst der Steiger wohnte, abreißen wollen. Ein Parkplatz für die Mitarbeiter sollte an der Stelle entstehen. Ein Unding, fand Lehmann – und kontaktierte das Amt für Denkmalpflege in Münster. Das stoppte das Vorhaben der Zechenbosse prompt. Das Bauwerk sei zu wichtig, hieß es.

Der Abriss drohte - und später dankte Johannes Rau

Lehmann ist so etwas wie der Denkmalvater. Oder wie er sagt: „Die Lokomotive“ des Fördervereins. Weil er eben den Anstoß zur Gründung im Jahr 1984 gegeben habe. „Ganz allein hätte ich das aber natürlich nicht geschafft.“ Heute ist er stellvertretender Vorsitzender des gut 100 Mitglieder umfassenden Vereins, hat sein Amt als erster Vorsitzender inzwischen an einen jüngeren Nachfolger abgegeben.

Nachdem die Zeche einen Tag vor Heiligabend im Jahr 1983 die Kohleförderung eingestellt hatte und dem Hauptförderschacht VII der Abriss drohte, suchte Lehmann händeringend nach Mitstreitern für sein Vorhaben - den Erhalt des Turms. Er fand sechs Gleichgesinnte. Genug für die Gründung eines Vereins. Genug, um dem gemeinsamen Interesse Nachdruck zu verleihen. Und das taten die Sieben so erfolgreich, dass sich sogar der damalige Ministerpräsident Johannes Rau schriftlich bei ihnen für ihr Engagement bedankte. Nach eineinhalb Jahren Überzeugungsarbeit wurde das Fördergerüst schließlich zum Denkmal erklärt. Genauso wie anschließend das Schachtgerüst der Zeche Teutoburgia in Herne und der Wetterschacht Erin III. Beides ebenfalls unter Mitwirkung des Fördervereins.

Wenn Opa mit dem Enkel vor dem Turm steht

Für die Mitglieder war ihr Einsatz eine Notwendigkeit. Sie sahen sich fast schon verpflichtet, die Spuren der Vergangenheit zu bewahren. „Erin ist für die Geschichte der Stadt immerhin von entscheidender Bedeutung. Castrop-Rauxel war bis zur Gründung der Zeche ein Ackerbaustädtchen. Mit Erin änderte sich ab 1867 vieles. Die Straßenbahn, neue Geschäfte, der Marktplatzbau... alles hatte mit Erin zu tun“, sagt Lehmann. Die Fördertürme sollen aber nicht nur als Zeugnis der Bergbautradition dienen, sondern auch von ihr „erzählen“, zumindest indirekt. „Vieles kann man nur begreifen, wenn man es wirklich sieht“, so Lehmann. Sein Wunsch: Die Geschichte, die sich hinter den Fördertürmen verbirgt, sollen die Menschen von einer Generation an die nächste weitergeben. Wenn Opa oder Papa mit Enkel oder Sohn vor einem der Türme stehen und erzählen, wie das früher einmal war auf dem Pütt, dann ist das eine Genugtuung für Lehmann und seine Mitstreiter.

Dann sehen sie sich in ihrer Arbeit bestätigt, für ihr Engagement belohnt. Wichtig ist ihnen allerdings, dass nicht nur von den guten Dingen berichtet wird, nicht nur von der besonderen Kameradschaft unter den Kumpeln – der positiven Etikette, die dem Bergbau bis heute anhaftet und die die meisten ehemaligen Bergleute wohl auch so bestätigen würden. Lehmann möchte, dass die schlechten Aspekte ebenfalls Erwähnung finden. Es soll auch an die Zeiten erinnert werden, in denen die Arbeiter unter Tage regelrecht ausgebeutet wurden, an schlimme Staublungen und kaputte Rücken. Sieht man von dem historischen Wert der Fördertürme einmal ab, dann erfüllen sie laut Lehmann noch eine ganz andere wichtige Funktion. Die Türme seien auch heute noch eine Art Identifikationssymbol, ein Heimatschild. „Als ich einmal im Zug saß und hörte, wie ein junges Mädchen zu ihrer Freundin sagte ‚Guck mal, der Förderturm! Ich bin wieder zuhause‘ - das war ein tolles Gefühl für mich“, sagt Lehmann.

Hoch über den Baumkronen

Gelegentlich erklimmt der 80-Jährige sogar noch eines dieser gigantischen Heimatschilder - so wie heute: Turm 3, den ehemaligen Wetterschacht. 132 Stufen sind es bis ganz nach oben. In dem großen Raum hoch über den Baukronen ist die obere Hälfte des riesigen Förderrads zu sehen. Davor eine kleine Kabine mit Sitz und mehreren Hebeln, durch die Räder, Seile und Körbe gesteuert werden konnten. „Hier wurden bis zu 500 Arbeiter pro Schicht hinuntergeführt. Die waren vor allem für Reparaturarbeiten zuständig“, erklärt Lehmann.

„Es gab hier noch eine Besonderheit: Der Turm stand einst auf der Zeche Tremonia in Dortmund, wurde dort abgebaut und in Castrop-Rauxel wieder aufgebaut. Das war für die damalige Zeit sicher nicht üblich. Eine spannende Geschichte...“ Wenn es nach den Mitgliedern des Fördervereins geht, soll die noch über viele Generationen erzählt werden. Das passende Anschauungsmaterial dafür ist in Castrop-Rauxel jedenfalls vorhanden.

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