Habinghorster Abschleppdienst

Hier sind Schrottautos gern gesehen

Auf dem Sicherstellungsplatz an der Lippestraße 11 stehen derzeit mehr als 100 ausrangierte Fahrzeuge. Doch wo kommen die eigentlich her? Und was geschieht mit ihnen auf dem Hof?

Foto: Felix Püschner

Auf dem Sicherstellungsplatz an der Lippestraße 11 stehen derzeit mehr als 100 ausrangierte Fahrzeuge. Doch wo kommen die eigentlich her? Und was geschieht mit ihnen auf dem Hof? Foto: Felix Püschner

Habinghorst.  Wenn Mike Wolf mit seinem Abschleppwagen vom Hof fährt, geht es verwahrlosten Fahrzeugen an den Kragen. Wir haben ihn in Habinghorst besucht und erklären, warum er bei seiner Arbeit manchmal Schutzanzüge braucht - und welche besonderen Weihnachtsgeschenke er verteilt.

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Am Straßenrand abgestellte, verwahrloste Fahrzeuge ohne Kennzeichen – was den meisten Menschen ein Dorn im Auge ist, steht bei Mike Wolf hoch im Kurs. Wolf führt einen Abschleppdienst und ist Schrotthändler. Auf seinem gut 8000 Quadratmeter großen Sicherstellungsplatz, so nennt man es offiziell, stehen gut 100 Fahrzeuge. Alle ohne Kennzeichen. Alle nicht mehr besonders hübsch anzusehen und größtenteils auch nicht mehr fahrtüchtig. Viele sind verrostet, einige waren augenscheinlich in einen Unfall verwickelt – und bei manchen hat sogar schon grüner Schimmel das Lenkrad überzogen. Aber Wolf stört das nicht sonderlich.

Ausschlachten mit Schutzanzug

Bei solchen Fällen ziehen wir uns dann halt Schutzanzüge an“, sagt er. Dann zeigt er auf einen roten Opel Corsa. Den habe er gerade erst vom Haken gelassen. Die Stadt habe ihn damit beauftragt, nachdem das Fahrzeug unangemeldet über einen längeren Zeitraum an der Kampstraße stand.

Der frühere Halter scheint nicht gerade ein Ordnungsfanatiker gewesen zu sein – der Innenraum des Fahrzeugs gleicht eher einer Müllhalde. Alte Kartons und Kanister, Müllsäcke und Kleidungsstücke sind dabei. Die inzwischen deutlich veraltete Fernsehzeitschrift auf dem Rücksitz könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Besitzer seinem Fahrzeug schon vor langer Zeit den Rücken zugewandt hat. Ein Grund mehr, lieber die Finger von der Dose mit Sprühsahne zu lassen, die im Fußraum vor dem Fahrersitz liegt.

Opa war schon in den 30ern im Schrottgeschäft

Den kleinen Corsa wird in den nächsten Tagen das gleiche Schicksal ereilen wie seine Nachbarn: Erst geht es in die Zerlegehalle zum Ausschlachten. „Dann drück ich den mit dem Bagger kaputt und bringe ihn zur Schrottpresse. Da landet schließlich fast alles, was ich hole“, sagt Wolf und grinst.

Wolf führt sein Geschäft seit 31 Jahren. Damals hat er es von seinem Vater übernommen. Der Opa war schon in den 1930er-Jahren in der Schrotthandel-Branche. Ganz so alt ist Wolfs Oldtimer mit dem silbernen Stern noch nicht. Reichlich Erfahrung hat er allerdings schon, der große gelbe Abschleppwagen, der schon weit über Tausend Fahrzeuge aus dem Verkehr gezogen hat.

Eher Trabi als PS-Monster

Muss ein ziemliches PS-Monster sein, oder? „Nein, der dürfte vielleicht noch 90 PS haben. Er schafft aber immer noch elf Tonnen Gesamtgewicht. Man ist halt nur nicht mehr so schnell damit unterwegs. Eher so wie mit einem Trabi“, erklärt Wolf und klopft auf die Karosserie: „Gestern erst über den TÜV gekommen – für ein 33 Jahre altes Fahrzeug nicht schlecht, oder?“

In der Garage hat der Oldtimer, in dem alles rein mechanisch funktioniert, noch einen jüngeren, leistungsstärkeren Bruder. Doch auch der versprüht einen nostalgischen Charme. Zumindest wenn Wolf einen kleinen Schalter in der Fahrerkabine drückt – dann ertönt nämlich die vertraute Klüngelskerl-Melodie. Mit der sei sein Vater schon in den 1960er-Jahren durch die Gegend gefahren, um Haushaltsschrott einzusammeln.

Die Melodie der Schrottpresse

Mike Wolf tut das heute noch. Jeden Samstag. Quer durch Ickern. Einen der großen Container auf dem Hof bekomme er bei seiner Tour immer voll. Zwei Tonnen passen dort hinein. Und da ist dann tatsächlich das ein oder andere Mal auch etwas dabei, das nicht in der Schrottpresse landet – nämlich Fahrräder. „Wenn die nicht völlig hinüber sind, reparieren wir sie und verkaufen sie entweder für kleines Geld oder verschenken sie an Kinder“, sagt Wolf.

Verschenken will der Abschlepper und Schrotthändler bis Ende des Jahres passend zur Weihnachtszeit auch noch etwas ganz anderes: seine Dienste. Mit dem Ordnungsamt der Stadt hat Wolf einen großzügigen Deal vereinbart. Privatleuten, die ihr ausgedientes Auto loswerden wollen, stattet er einen Besuch ab und entsorgt das Fahrzeug für sie kostenlos. Keine Transportkosten, kein Schriftkram.

„Das tut mir nicht sonderlich weh“, sagt Wolf. Sein Geld verdiene er ohnehin eher mit dem Schrott als durch die Abschleppkosten. Da klingt das Geräusch der Schrottpresse für einen wie Wolf dann schon fast wie Musik in den Ohren. Ganz anders als die Melodie des Klüngelskerls. Die könne er inzwischen eigentlich nicht mehr hören. Aber sie gehöre eben zum Geschäft. Genauso wie die verwahrlosten Fahrzeuge am Straßenrand – auch die mit alten Sprühsahnedosen vor dem Fahrersitz und Schimmel auf dem Lenkrad.

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