Interview

Als es in Castrop-Rauxel noch elf Hauptschulen gab

Lothar Schledz, heute 78, früher Lehrer und Rektor an verschiedenen Hauptschulen in Castrop-Rauxel.

Foto: Tobias Weckenbrock

Lothar Schledz, heute 78, früher Lehrer und Rektor an verschiedenen Hauptschulen in Castrop-Rauxel.

Castrop-Rauxel.  Er war nur einer der Ex-Lehrer, die Mittwoch zusammen das Ende der Hauptschule in Ickern begingen. Aber einer, der viele Schulen erlebt hat: Lothar Schledz. Wir sprachen mit ihm.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Er ergriff seinen Beruf, als es die Volksschule noch gab: eine Schule, die Grund- und Hauptschule vereinte. Im Interview mit unserer Redaktion lässt Lothar Schledz, einst auch Rektor der Franz-Hildebrand-Hauptschule, durchblicken, dass er ein Verfechter der integrierten Schule ist. Wir sprachen mit ihm über die Schullandschaft in Castrop-Rauxel, die Sekundarschulen und was er eigentlich von Gesamtschulen hält.

Herr Schledz, Sie sind am Mittwoch auf viele ehemalige Weggefährten getroffen, um Abschied von der letzten Hauptschule der Stadt zu nehmen. Wie war’s?

Eine sehr gute Veranstaltung, die Herr Braukmann geplant hatte. Es waren ehemalige Schulleiter verschiedener Castrop-Rauxeler Hauptschulen da – vor 50 Jahren waren das ja allein elf. Dann waren es sechs, später zwei. Herr Wittkopp, Herr Winkelmann, Herr Uding – wir saßen zusammen in der Mensa, auch ehemalige Kollegen der letzten Hauptschule und einige Elternvertreter. Die anwesenden Schulleiter hatten dann Gelegenheit, jeder einige Minuten über ihre Hauptschule zu berichten.

Da wird ja viel Positives darunter gewesen sein...

Klar, es waren vor allem die positiven Dinge, die die Hauptschulen den Schülern gegeben haben. Es war irgendwo eine Feierstunde, allerdings aus einem traurigen Anlass. Wir waren nicht stolz, aber doch zufrieden, dass wir in den 50 Jahren sehr viel für die jungen Menschen getan haben. Obwohl das Arbeiten in den letzten Jahren immer schwieriger wurde.

Warum?

Vor 50 Jahren gingen 50 Prozent aller Grundschüler zur Hauptschule. Zuletzt waren es nur noch etwa 5 Prozent, die übrig geblieben sind.

Wie kommt das aus Ihrer Sicht?

Andere Schulformen werden von den Eltern favorisiert.

Aber dann kann doch nicht alles gut gewesen sein auf den Hauptschulen, oder?

Es lag nicht an der Arbeit an den Hauptschulen. Es begann eine Zeit, in der Lehrstellen weniger wurden und die Eltern qualifiziertere Abschlüsse für ihre Kinder wollten. Dabei haben wir Schülern in der 10b ja auch die Mittlere Reife bescheinigt. Es gab verschiedene weitere Faktoren, zum Beispiel die Gründungen der zwei Gesamtschulen.

Von denen gerade erst auch eine geschlossen wurde...

Ja, aber damals sind viele zur Gesamtschule gegangen, zum Teil auch zur Realschule. In ganz NRW ist die Tendenz weg von der Hauptschule gegangen. Ich war jahrelang Vorsitzender der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, d. Red.) im Stadtverband. Wir haben gerade in den 60er-Jahren sehr für die neue Schulform Gesamtschule gekämpft.

Sie waren also für die Einführung?

Als Hauptschulmann war ich für die Einführung der Gesamtschule, ja, weil es für Schüler nach der 4. Klasse gut war, noch alles offen zu halten. Viele Schüler kamen ansonsten später von der Realschule zu uns, wenn sie zweimal sitzen geblieben sind. Wir haben sie dann aufgefangen und ihnen neues Selbstvertrauen gegeben.

Die Sekundarschule soll offener sein. Aber ist es nicht nur ein neuer Name für dasselbe?

Das sehe ich auch so. In Castrop-Rauxel kam ja noch der Bürgerentscheid dazu, dass die Realschule bestehen bleiben sollte. Wir in Ickern haben eigentlich gehofft, dass es für Castrop-Rauxel nur noch die Sekundarschule gibt. Aber das wäre auch nur ein mäßiger Kompromiss gewesen.

Welcher Kompromiss?

Ich hielte ein System mit Gesamtschule und Gymnasium für ausreichend. Die Schüler, die in der Grundschule positiv auffallen, sollten ans Gymnasium, die anderen an die Gesamtschule. Dabei war ja in den 60er-Jahren die Idee, nur noch Gesamtschulen zu haben. Man setzte damals voll auf die Durchlässigkeit. Es wären aber Mammutschulen gewesen – und das wollten wir als Gewerkschaft damals nicht. Das Arbeiten an der Hauptschule war immer einfacher, weil man nur 20 bis 24 Schüler in einer Klasse hatte. Und es gab nur Zweizügigkeit, also konnten sich die Lehrer besser kümmern. Der Kontakt war intensiver als an einer Schule mit 1200 Schülern.

Welche Schullandschaft hätten wir dann heute in Castrop-Rauxel?

Eine große Gesamtschule, die nach Klasse 10 zum Abitur führt. Zwei kleinere Gesamtschulen bis zum 10. Schuljahr. Von dieser Idealvorstellung haben wir uns aber gelöst.

Bekommen Sie heute noch mit, wie die Arbeit an Sekundarschulen ist?

Die Sozialarbeit hat dort heute Priorität, das geht aus Gesprächen, die ich ab und an geführt habe, schon hervor. Das wäre aber bedauerlich, wenn die Hauptschule die Arbeit beendet und dann nur noch die sogenannten Restschüler – das Wort möchte ich so eigentlich gar nicht benutzen – nur in die Sekundar- oder Realschule gehen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik