WAZ-Serie: Im Chefsessel

Zwei Chefinnen bieten in Bottrop Schätze vergangener Zeiten

Inge Barth (links) und Martina Peukert führen ihren Second-Hand-Laden „Allerhand aus zweiter Hand“ seit 15 Jahren auf dem Eigen.

Inge Barth (links) und Martina Peukert führen ihren Second-Hand-Laden „Allerhand aus zweiter Hand“ seit 15 Jahren auf dem Eigen.

Foto: Joachim Kleine-Büning

Bottrop.   Seit 15 Jahren führen Martina Peukert und Inge Barth den Second-Hand-Laden „Allerhand aus zweiter Hand“. Ende 2018 übergeben sie die Schlüssel.

Die eine hatte immer schon ein Faible für alte Uhren, die andere für alte Sachen überhaupt. Viele Umwege, die letztlich keine waren, sind sie gegangen, um schließlich gemeinsam ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen: Seit 15 Jahren bieten Martina Peukert und Inge Barth in ihrem Second-Hand-Laden „Allerhand aus zweiter Hand“ im Eigen Schätze und Schätzchen aus längst vergangenen Zeiten an.

Wohnkultur aus 100 Jahren

„Wir haben Second-Hand salonfähig gemacht“, sind sich die beiden Chefinnen einig, die auch privat ein Paar sind. Denn, so erinnert sich Martina Peukert, anfangs hätten sich die Leute zunächst geschämt, wenn sie in den Laden kamen und sich für gebrauchte Sachen interessierten. „Und Kunden, denen wir Möbel lieferten, baten uns, mit einem unbeschrifteten Auto zu kommen“, fügt Inge Barth hinzu.

Schnell schafften es die beiden 59-Jährigen jedoch, Second-Hand mit ihrem damals noch nahezu einzigartigem Angebot an Wohnkultur aus den vergangenen 100 Jahren aus der Schmuddelecke herauszuholen. „Plötzlich waren die Kunden stolz, ein wunderschönes Schnäppchen zu gutem Preis gemacht zu haben“, so Martina Peukert. Geschirr, Teekannen, Emaille-Töpfe, Kristallgläser, stilvolles Porzellan, unzählige Lampen, Bilder, Uhren und Bücher, aber auch Mode und Möbel – mit seinem bunten Sortiment, zusammengetragen aus Haushaltsauflösungen und liebevoll dekoriert – macht der Laden seinem Namen „Allerhand aus zweiter Hand“ alle Ehre. All den Dingen aus Omas und Urgroßmutters Zeiten haftet „die besondere Patina des Alten an, sie haben einfach Charakter, sind nicht mehr perfekt und oftmals Unikate“, schwärmt Inge Barth. „Das ist Geschichte zum Anfassen.“

Unterschiedliche Berufswege

Es sei ein besonderes Gefühl, solche Dinge in die Hand zu nehmen. „Dieses Gefühl ist unverbraucht und stellt sich heute noch genauso ein wie früher“, so Barth und erinnert sich, wie es sie einst packte: „Ich war 18, als ich eine Schreibmaschine aus den 1920er Jahren entdeckte und einfach haben musste.“ Fortan ließ sie das Faible für alte Sachen nicht mehr los.

Doch zunächst kam es ihr nicht in den Sinn, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Im ländlichen Alpen groß geworden, wollte Inge Barth nur eines: weg! Nach dem Hauptschulabschluss machte sie eine Ausbildung zur Verwaltungswirtin, kam wenige Jahre später nach Münster – „für mich eine Großstadt.“ Währenddessen lebte Martina Peukert in Bottrop ihr Faible für alte Uhren: „Mein Opa war Bergmann und reparierte die aus Spaß in seiner Freizeit“, erinnert sie sich. „Ich liebte das Ticken und Schlagen der alten Schätzchen.“ Darum wollte sie Uhrmacherin werden. Doch mangels Lehrstellen in diesem Beruf wurde sie Tischlerin und später Geschäftsführerin der DKP-Fraktion.

Beide hatten schließlich – unabhängig voneinander – das Studium der Sozialpädagogik im Blick. Während Inge Barth dafür nachträglich ihr Fachabitur baute, absolvierte Martina Peukert mit dem Gesellenbrief der Tischlerin in der Tasche die Einstufungsprüfung fürs Studium an der Uni Duisburg-Essen. „Gleich am ersten Tag lernten wir uns kennen und lieben“, erzählt Martina Peukert. Zusammen studierten sie, machten 1993 ihren Abschluss und arbeiteten dann in der Beschäftigungsinitiative für Arbeitslose der Bottroper Gesellschaft Gedirec.

Der erste Laden wurde am 1. Dezember 2003 eröffnet

„Gemeinsam mit den Arbeitslosen führten wir damals schon Haushaltsauflösungen durch und gründeten den kleinen Second-Hand-Laden Sammelsurium im Torhaus von Prosper III“, erinnert sich Martina Peukert. Als sie durch die Entwicklungen bei der Gedirec mit Mitte 40 plötzlich beide ohne Arbeit dagestanden hätten, sei die Idee schnell da gewesen, sich mit einem Second-Hand-Laden selbstständig zu machen. Gesagt, getan: Am 1. Dezember 2003 eröffneten die beiden Frauen ihren ersten Allerhand-Laden an der Gladbecker Straße 282, wenige Meter vom heutigen Laden entfernt.

Ende 2018 wird der Ladenschlüssel weitergegeben

„Es war eine großartige Zeit und wir haben es sehr genossen“, sind sich die Frauen einig. Aber irgendwann müsse mal Schluss sein, die Arbeit – insbesondere die Haushaltsauflösungen – sei schwer und koste viel Energie. Zudem sei die Konkurrenz durch das Internet inzwischen riesig. Ende des Jahres wollen sie daher den Laden an eine langjährige Mitarbeiterin übergeben. Und wie geht’s für die beiden weiter? „Ich bin mit Leib und Seele auch immer Sozialpädagogin gewesen“, sagt Martina Peukert. Schon jetzt arbeitet sie als Bildungskoordinatorin bei der Stadt Oberhausen. Inge Barth wird weiter alte Schätzchen sammeln und in einem Online-Shop verkaufen – mit Schwerpunkt „Shabby Chic“. „So kann ich meine kreative Seite leben.“

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