WAZ-Leser-Sommertour

Von Burgen des Adels zu Industrie- und Kommerz-Palästen

Teilnehmerinne und Teilnehmer der 2. WAZ Sommertour von WAZ und Vestischer lauschen den Erläuterungen von Holger Kröcher (3.v.r.) vor der „Emschersäule“ des Künstlers Hermann S. Richter.

Teilnehmerinne und Teilnehmer der 2. WAZ Sommertour von WAZ und Vestischer lauschen den Erläuterungen von Holger Kröcher (3.v.r.) vor der „Emschersäule“ des Künstlers Hermann S. Richter.

Foto: Thomas Gödde

Bottrop.  Bürgerhäuser und Mühlen in Bottrop, Arbeitersiedlungen und Herrensitze in Oberhausen: Die zweite WAZ-Lesertour zeigt die Bandbreite des Reviers.

An Kohle und Industrie kommen auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sommertouren nicht vorbei, die die Vestische zusammen mit der WAZ gerade wieder anbieten. Selbst wenn die zweite Fahrt unter dem Motto „Burgen, Schlösser und Industrie“ steht, lenkt Ulrike Carl den Bus, der grob gesagt der Route des SB 91 folgt, zumeist an Relikten des Bergbaus oder der Schwerindustrie vorbei. Ulrike Carl ist eine von rund 20 Fahrerinnen der insgesamt 250 Busführer, die ständig für die Vestische im Bereich Bottrop im Einsatz sind. Und auch für sie ist die Tour eine Premiere. Aber mit Stadtführer Holger Kröcher und Ann-Kathrin Göritz von den Verkehrsbetrieben neben dem Cockpit kann eigentlich nichts schiefgehen, auch wenn der Bus hin- und wieder kleine Umwege abseits der offiziellen Streckenführung macht.

Auch wenn es sich nicht um Schlösser oder adelige Rittersitze handelt: Kurz nach der Abfahrt vom ZOB gibt Holger Kröcher zumindest einen Crash-Kurs in Sachen Jugendstil und Art Deko, zwei Stile aus dem frühen 20. Jahrhundert, die in den alten Stadthäusern am Altmarkt und etwas weiter an der Osterfelder Straße zumindest zaghaft vertreten sind. Manches ist selbst für eingefleischte Bottroper neu. Das finden jedenfalls Maria und Norbert Reck, WAZ-Abonnenten seit 1974. „Wir haben uns immer wieder für die Sommertouren beworben und freuen uns, dass es jetzt zum ersten Mal geklappt hat“, sagt Maria Reck. Sie zog damals der Liebe wegen nach Bottrop. Und wie das bei Zugezogenen oft der Fall ist, kennen sie sich zuweilen schneller und besser in der Wahlheimat aus, als mancher Pohlbürger.

Natürlich ist ihnen der alte Adelssitz Burg Vondern ein Begriff. Wie Holger Kröcher wissen auch die Recks, dass es für das imposante Gebäudeensemble Ende der 70er Jahre sogar Abrisspläne gegeben hat. „Später, als die Stadt Oberhausen und der bis heute aktive Förderverein die Anlage saniert hatten, haben wir sogar einmal meinen Geburtstag dort gefeiert“, sagt Norbert Reck. Sicher, Vondern liegt bereits auf Oberhausener Stadtgebiet, aber wie das fast überall im Ruhrgebiet so ist: Man merkt oft gar nicht, wann die eigene Stadtgrenze erreicht ist und die Nachbarstadt beginnt. Ohnehin haben Bottrop und Osterfeld ja eine längere gemeinsame Geschichte. Und die letzten Adelsfamilien, denen Vondern gehörte, den Grafen von Nesselrode und bis 1937 der Familie Droste zu Vischering, hatten ihren Grundbesitz schließlich in der gesamten Region.

An der Emscher kam schon früher niemand vorbei

Heute liegt die Burg - auch ein beliebter Konzert- und Freizeitort - am Rande der Siedlung, die einst für Mitarbeiter der Gutehoffnungshütte errichtet wurde, hart an der Trasse der A 42. Vondern ist wegen seiner Lage natürlich eng mit dem Emscher verbunden. „Vondern oder Fundern bedeutete soviel wie Weg oder Steg über einen Wasserlauf“, so Holger Kröcher. „Und mit einer Burg sicherte man sich im Mittelalter Rechte an einem Fluss oder trieb von dort Zölle ein.“ Bis heute prägt die nahe Emscher die Gegend. Früher durch Fischreichtum, dann durch Überschwemmungen, die im 19. Jahrhundert bei stark anwachsender Bevölkerung und fehlender Kanalisation, oft große Seuchen auslösten. „Damals war die Kanalisierung und Umwandlung der Emscher in einen Abwasserfluss ein Segen“, so Kröcher. Heute sieht das natürlich anders aus - und die voranschreitende Renaturierung der Emscher durch die Emschergenossenschaft löst auch bei den Teilnehmern der Sommertour durchweg positive Reaktionen aus.

Zu Fuß gehen alle unter der Autobahnbrücke Richtung Skulpturenpark. „Brache Vondern“ heißt der Abschnitt bis zur Emscher - die gerade beim aktuellen Niedrigwasser noch etwas riecht „wie früher“. Aus Resten der Zeche Vondern wurde dort Kunst. Andere Arbeiten, wie Hermann S. Richters „Emschersäule“, der „Zauberlehrling“ oder die Rehberger-Brücke „Slinky Springs to Fame“ tragen sogar den Namen des Flusses: „Emscherkunst“.

Ein Hauch alter Schlossherrlichkeit aus vorindustrieller Zeit

Die Tour entlang der SB 91-Linie hat eindeutig Oberhausener Schwerpunkt. Immerhin: Nach den „Schlösschen“, der prächtigen Chef-Villen der alten Gutenhoffnungshütte im Grafenbusch oder dem schlossartigen alten Hauptlgerhaus der Hütte vom berühmten Peter Behrens, führt die Tour noch einmal an einem echten Schloss vorbei. Auch wenn Schloss Oberhausen ein Wiederaufbau der alten klassizistischen Anlage der Freiherrn von Westerholt-Gysenberg aus den 1950er Jahren ist: Der dreiflügelige Bau mit Nebengebäuden atmet noch etwas alter Schlossherrlichkeit der vorindustriellen Zeit.

Eisenheim, die denkmalgeschützte erste deutsche Arbeitersiedlung, ist ein Lieblingskind von Holger Kröcher. Fahrerin Ulrike Carl macht gerne den kleinen Umweg durch die kleinen Sträßchen der Backsteinidylle bevor sie vorbei am alten Rathaus Osterfeld geradewegs Richtung ZOB steuert. Auch Neu-Bottroper Wolfgang Kronenberg und Ehefrau Doris hat es gefallen.

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Bottroper Chöre ist vor einiger Zeit von Velbert zugezogen und seither ein echter Bottrop-Fan. „Bei der nächsten Radtour fahren wir langsamer und lassen das Gehörte noch mal Revue passieren.“ Das hören der Alt-Bottroper Josef Eickholt und Ehefrau Hermine natürlich gerne.

Übrigens: Stadtführer Holger Kröcher bietet auch Touren für Unternehmen oder Privatleute an. Kontakt: Tel.: 0177/9160980

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