Bergbau-Historie

Unglück auf Prosper: Grubenwehr rettet Leben und Liebesglück

Truppführer Günter Bialas durfte eigentlich noch nicht über die Rettung sprechen, doch der todtraurigen Ehefrau musste er einfach Trost spenden.

Foto: Ewa Pawlusiak-Bożek

Truppführer Günter Bialas durfte eigentlich noch nicht über die Rettung sprechen, doch der todtraurigen Ehefrau musste er einfach Trost spenden. Foto: Ewa Pawlusiak-Bożek

Bottrop.   1948 ereignet sich auf Prosper I ein Unglück. Die Grubenwehrtruppe haute eine enge Rettungsgasse vor und erreichte einen Verschütteten.

Das Paar hatte sich in der Lohnhalle der Schachtanlage Prosper I kennengelernt. Anna und Dieter standen in der Reihe und wollten ihre Lohntüten abholen. Als sich nach einem kurzen Gespräch zeigte, dass sie denselben schlesischen Dialekt sprachen, war das Eis gebrochen, und es begann eine Bottroper Liebesgeschichte.

Anna arbeitete als Köchin in der Werkskantine nahe dem Schacht I. Dieter malochte im Streb unter Tage. Das Paar traf sich fast täglich. Bevor Dieter in die Grube einfuhr, ging er zur Kantine, um Anna kurz begrüßen und anlächeln zu können. Es dauerte nur ein paar Monate, und das Paar beschloss zu heiraten. Das war im Jahr 1948.

Stempel brechen wie Streichhölzer

Einige Wochen nach der Hochzeit kam es in der Kohlengrube zu einem Unglück. Der Holzausbau an der Kreuzung von Ladestrecke und Strebeingang fing auf einmal an zu „singen“ und „tanzen“. Schlagartig war Gebirgsdruck aufgekommen. Die Holzkappen verbogen sich und brachen krachend durch, die Holzstempel spreizten sich, um dann wie Streichhölzer wegzuknicken. Nach wenigen Sekunden war von dem Grubenbau nur noch ein staubiges Gemisch aus zerbrochenem Holz und Tonschieferplatten übrig.

Die Bergleute hatten die Gefahrenzone noch rechtzeitig verlassen können. Viel Zeit war ihnen nicht geblieben, nur ein paar Sekunden, in denen bei einem Holzausbau der wachsende Gebirgsdruck eigentümliche Geräusche erzeugt. Aber Dieter Nowowiejski war nirgends zu sehen. Er musste irgendwo unter dem Bruch liegen. Die Kumpels brüllten seinen Namen in das Bruchgewölbe, aber außer einem vereinzelten Holzknacken herrschte Stille. Die Bergleute eilten zum Bruchort und begannen, mit bloßen Händen die Schiefertonberge beiseite zu räumen, um an den Vermissten heranzukommen.

Und dann fanden sie den verschütteten Dieter

Inzwischen war die Grubenwehrtruppe alarmiert. Liegend, kriechend und zeitweise unter Atmungsgeräten gelang es den Männern, in den Bruch eine enge Rettungsgasse vorzuhauen. Die Mannschaften wechselten sich ab, je nach Lage am Einsatzort. Als Truppenführer Günter Bialas mit seinen Leuten dran war, fanden sie den verschütteten Dieter. Er lag unter einer dicken Sandschieferplatte, die sich zum Glück mit einem anderen Bruchbrocken so verkantet hatte, dass sie kurz über dem Gesicht des Verunglückten hängen geblieben war.

Dieter war bei Bewusstsein und ansprechbar. Er klagte über starke Schmerzen in den Beinen, was in diesem Fall besser war, als hätte er gar nichts gespürt. Der Truppenführer befestigte seine Lampe an einem Stock, und mit der Lichtquelle voraus kroch er unter die Steinplatte, dicht neben den Verletzten, dessen Füße unter einer Holzkappe eingeklemmt waren.

Kampf gegen die Schwerkraft

Jetzt galt es, die eingekeilten und freihängenden Sandschieferplatten so anzuheben, dass der Verletzte lebend geborgen werden konnte. Es begann ein mühsamer, lebensgefährlicher Kampf gegen die Mächte der Schwerkraft, an dessen Ende es gelang, Dieter zu befreien und ihn aus der Gefahrenzone zu ziehen.

In der Stadt hatte der Satz „Unglück auf dem Pütt“ sofort die Runde gemacht. Männer, Frauen, Kinder, die Familien und Bekannten der Bergleute von Prosper I eilten zum der Zechengelände. Sie umklammerten die Stäbe des Eingangstores und erhofften sich Informationen, indem sie jeden auf dem Zechengelände laut herbeiriefen.

Günter Bialas und seine vier Grubenwehrmänner hatten ihre gefährliche Pflicht getan. Kriechend verließen sie den Einsatzort. Die nächste Rettungstruppe übernahm und legte den Verletzen auf einen Schließkorb, um ihn vorsichtig nach über Tage zu bringen.

Der Einsatzleiter reagierte barsch: "Für uns ist er tot!"

Bialas lieferte dem Einsatzleiter seinen Lagebericht. Der Gerettete habe Knochenbrüche erlitten, befinde sich aber nicht in Lebensgefahr. Der Einsatzleiter reagierte barsch: „Für uns ist er tot! Erst wenn Ärzte bestätigen, dass ein verunglückter Kumpel außer Lebensgefahr ist, dann lebt er.“ Auf bergmännisch hieß das: Die Grubenwehrmänner haben gefälligst die Schnauze zu halten und kein Wort über die Lage am Unglücksort preiszugeben. Doch ein Gerücht hatte sich schon selbstständig gemacht, noch bevor die Grubenwehrtruppe das Tageslicht erreichte. Vom Tod eines frisch vermählten Bergmannes war überall die Rede.

Die Rettungstruppe wurde direkt zur Werkskantine geschickt, um sich stärken zu können. Schon von Weitem erkannten die Männer, dass die Köchin weinend neben einem Strauch kauerte. Günter Bialas stand da, dreckig, verschwitzt, mit dem Atmungsgerät auf dem Rücken, und rief ihr zu: „Hör jetzt damit auf! Wir haben deinen Dieter rausgeholt. Er wird zwar die nächsten Fußballspiele von Schalke verpassen, aber du wirst mit ihm noch viel Spaß haben.“ Anna schaute der schwarzen Gestalt ungläubig in die Augen. Als der Grubenwehrmann sie anlächelte, wusste sie, dass sie keine Witwe ist. In ihrer weißen Küchentracht schmiss sie sich dem Grubenwehrmann dankbar an den Hals. Sie musste noch immer weinen, aber vor Glück.

>> DER GASTAUTOR

Mehrfach hat Gastautor Kornel Lichtenstein für die Bottroper WAZ Artikel aus der Geschichte des Bergbaus verfasst. Auch über gegenwärtige Ereignisse mit deutsch-polnischen Bezügen berichtete er bereits.

Auf dieser Seite nimmt er einmal mehr den 4. Dezember, den Tag der Heiligen Barbara, zum Anlass, an Vorgänge, anekdotische Geschichten und die mündlichen wie schriftlichen Überlieferungen aus dem Alltagsleben der Kumpel zu erinnern.

Nicht ohne Grund befürchtet Kornel Lichtenstein, dass bedeutende Erinnerungen ansonsten in Vergessenheit geraten. Der Autor kennt das Metier genau, ist er doch selbst ehemaliger Bergmann und zudem engagierter Heimatgeschichtler. Er kam 1980 aus Schlesien nach Bottrop.

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