Bürgermeister-Interview

Tischler: Für Gewerbe wird kein Naturraum mehr angetastet

Perspektiven für die Stadt Bottrop: Die Redaktion der WAZ Bottrop lud Oberbürgermeister Tischer zum großen Interview ein.

Perspektiven für die Stadt Bottrop: Die Redaktion der WAZ Bottrop lud Oberbürgermeister Tischer zum großen Interview ein.

Foto: Heinrich Jung

Bottrop.   Das Erbe von Innovation City, die Bergbauflächen, die Zukunftsstadt 2030. In der WAZ-Runde spricht der Oberbürgermeister bedeutende Projekte an.

Wenn Bernd Tischler den Zustand der Stadt in einem Satz zusammenfasst, dann so: „Es läuft gut für Bottrop“. Der Oberbürgermeister kann dafür einige Gründe anführen: ein aktives Baugeschehen, hohe öffentliche wie private Investitionen, gestiegene Gewerbesteuereinnahmen, gesunkene Arbeitslosenzahl und so mancher Pluspunkt mehr.

Darunter fällt auch das hohe ehrenamtliche Engagement innerhalb der Stadtgesellschaft, für das sich Tischler immer wieder bedankt. Andererseits lastet auf der Stadt ein Schuldenberg, der äußerste Ausgabendisziplin abverlangt und keinen Spielraum für Luftschlösser bietet.

Das gerade begonnene Jahr hält zudem einige Herausforderungen bereit wie die Renovierung des Rathauses oder die Abwicklung von zwei Wahlen.

Bei einem Besuch in der WAZ-Redaktion sprach Bernd Tischler mit den Redakteuren Michael Friese, Dirk Aschendorf, Matthias Düngelhoff, Norbert Jänecke, Max Lazar und Nina Stratmann.


Innovation City hat dieser Stadt einen Schub verliehen wie keine anderes Projekt. In drei Jahren läuft es aber aus. Was passiert danach?
Tischler: Das Projekt wird auch nach 2020 weiter ausgerollt. Davon profitiert die Region wie auch viele weitere deutsche Städte. Für uns in Bottrop wird Innovation City auf Kirchhellen und Fuhlenbrock ausgeweitet, und es werden dafür neue Förderinstrumente zusammengestellt. Deshalb gehe ich davon aus, dass die energetische Sanierung, bei der wir den Spitzenplatz einnehmen, sich weiter fortsetzt mitsamt der Wertschöpfungskette, die daran hängt.


Dauerbaustelle Hansa-Zentrum im Stadtkern: Hier geht es darum, Ausbau und Belegung dem innerstädtischen Kontext anzupassen. Foto: Hans Blossey Zum Thema Klimaverbesserung gehört auch die aktuelle Diskussion um Dieselfahrzeuge, die bis hin zu Fahrverboten reicht. Müssen wir in dieser Stadt damit rechnen?

Ich bin dagegen, denn solche Auflagen würden zu große Einschränkungen auch für die Wirtschaft nach sich ziehen. Wir haben in Bottrop andere Dinge gemacht und uns breiter aufgestellt, um die Luft zu verbessern. Ziel war es, bis 2020 den CO2-Ausstoß zu halbieren. Bei 40 Prozent sind wir schon angekommen, der Rest wird uns auch noch gelingen.


Der Bergbau beendet 2018 seinen aktiven Kohlenabbau, und er besitzt große Flächen in dieser Stadt. Immer wieder ist auch von Ihnen zu hören, dass man auf sie setzt. Gleichzeitig kritisierte Bürgermeister Strehl kürzlich, dass es in der gemeinsamen Flächenentwicklung mit Essen nur schleppend voran gehe. Können wir Bergbauflächen tatsächlich schon einpreisen?

Was die gemeinsame Flächenentwicklung mit Essen angeht, muss man sich die Grenze wegdenken und den Planungsraum sehen. Das Gebiet ist schwer zu erschließen, das kann eine Stadt alleine nicht. Natürlich gibt es den Wunsch, zügig voranzukommen. Deshalb verfolgen wir die Strategie, einzelne Flächen zu betrachten und schon einmal kleinere für die Ansiedlung zu entwickeln.

Es ist richtig, dass wir gegenwärtig einen gewissen Engpass an Gewerbeflächen haben. Andererseits ist es uns dennoch gelungen, zum Beispiel Ikea anzusiedeln. Eines macht mich für den künftigen Zugriff auf die Bergbauflächen sehr zuversichtlich: Es besteht eine Abmachung zwischen dem Land, dem Bergbau und den Städten, nach der die Entwicklung von Gewerbeflächen im Schwerpunkt über die Reaktivierung von Bergbauflächen geschieht. Daran werden wir uns halten. Es kommt für mich nicht in Frage, dafür weiteren Naturraum aufzugeben.


Ist der Eindruck richtig, dass mit der „Zukunftstadt Bottrop 2030“ und der Suche nach Perspektiven für die nächsten Jahre in der Bürgerschaft ein neuer Leuchtturm geschaffen werden soll?

Durchaus. Die Entwicklung einer Stadt endet ja nicht. Deshalb wurde in einem sehr breiten Beteiligungsprozess auch nach Themen gesucht, die unsere Stadt voranbringen. Dabei stößt man übrigens auch immer auf das, was die Bürger direkt angeht und was ihnen wichtig ist. Es hat sich gezeigt, dass ein Schwerpunkt auf den Befindlichkeiten im Quartier, im direkten Wohnumfeld liegt. Das führt zu einer etwas anderen und neuen Betrachtungsweise: Es geht künftig verstärkt um die Stadterneuerung auf Quartiersebene. Darauf werden wir auch das Förderinstrumentarium abstimmen.
Die Stadt hat in diesem Jahr rund 2000 Flüchtlinge aufgenommen. Nicht alle besitzen einen Bleibestatus. In jüngster Zeit wird die Forderung nach konsequenter Rückführung lauter. Wie halten wir es damit in Bottrop?

Ein Großteil der Fälle befindet sich im Bewertungsverfahren. Abgelehnte Anträge führen zu einer Rückführung. Das ist nun einmal die Kehrseite der Medaille des Asylrechts. Wir betreiben dies mit dem gebotenen Augenmaß und der nötigen Konsequenz.


Der Anschlag in Berlin hat die Diskussion um mehr Überwachung im öffentlichen Raum aufflammen lassen. Es fallen die Stichworte erhöhte Polizeipräsenz, Video-Überwachung, Absperrpoller oder Absperrfahrzeuge. Wie stehen Sie dazu?

Wir haben uns in dieser Frage sehr eng mit der Polizeipräsidentin und der örtlichen Polizei abgestimmt. Dabei wurde deutlich, dass zwar eine verstärkte Aufmerksamkeit geboten ist, aber Videokameras und Absperrpoller nicht benötigt werden. Diese Einschätzung führte auch dazu, dass wir bewusst den Weihnachtsmarkt auf dem Ernst-Wilczok-Platz nach dem Berliner Anschlag fortgesetzt haben.

Der OB sucht für den Saalbau die breite Übereinstimmung unter den Parteien  

Aus der Nachbarstadt Essen werden zunehmend Probleme mit sozialen Randgruppen gemeldet, nicht selten mit Zuwanderungsgeschichte. Die AfD scheint dort momentan Zugewinne zu machen, die SPD Verluste. Sehen Sie ähnliches auf Bottrop zukommen?
Die Situation hier ist ganz anders als in Essen. Das liegt auch an den unterschiedlichen städtebaulichen Strategien. In einer Stadt wie Essen gibt es Häuserzeilen, die bestimmte Bewohner anziehen. Das haben wir hier nicht. Und wo sich etwa in acht- bis zehngeschossigen Hochhäusern ein solcher Weg abzeichnete, haben wir zurückgebaut. Der soziale Wohnungsbau in Bottrop ist gut belegt.

Der Rat hat ein Wohnbauflächenkonzept verabschiedet. Große Flächen gibt es vor allem in Kirchhellen. Wo sind da ihre Favoriten?

Ich bin ein Verfechter der Flächenentwicklung in Grafenwald, auch um den Stadtteil weiter nach vorne zu bringen. Als Zielgruppe sehe ich Familien. An der Brandenheide bleibt es aber dabei, Gewerbe anzusiedeln. Wir haben in Kirchhellen gute Erfahrungen gemacht mit solchen eher kleineren Flächen für Handwerksbetriebe. Außerdem sind in Kirchhellen weitere Bauabschnitte im Wohngebiet Schultenkamp geplant. In Feldhausen ist der Gertskamp nach bisherigem Stand die letzte Wohnbebauung.

Beim Saalbau-Gelände ist die SPD für einen Investorenwettbewerb, die CDU und andere Parteien sprechen sich dafür aus, dass die Stadt selbst dort bauen soll. Wo steht der Oberbürgermeister in der Diskussion?

Ich glaube, dass die Positionen gar nicht so weit auseinander liegen. Wir sollten in der Frage, was an diesem bedeutenden Standort in der Stadt passiert, eine große Übereinstimmung herstellen. Wenn wir als Stadt einen Wettbewerb einleiten, haben wir alle Fäden in der Hand und auch unzählige Möglichkeiten. Denkbar ist auch ein gemischtes Modell, in dem ein Teil von einem Investor gebaut wird, ein anderer Teil von der Stadt.

Wie realistisch ist die Idee der CDU, in diesem Komplex einen Veranstaltungssaal für rund 400 Leute unterzubringen?

Säle in dieser Größenordnung gibt es in der Stadt einige. Was eher fehlt ist eine Größenordnung von 600 bis 700 Plätzen. Aber ich glaube nicht, dass wir als Stadt uns den Bau eines solchen Saales im Moment leisten können und leisten sollten. Wenn sich das ändert, sehe ich ein solches Projekt eher am Kulturzentrum.

Während der Sanierung des Rathauses ziehen Sie ins RAG-Gebäude am Gleiwitzer Platz. Will die Stadt das Haus nach dem Ende des Bergbaus kaufen, um dort Büros zu schaffen?

Ich hätte lieber ein schönes und energieeffizientes Gebäude am Rathaus. Das Haus am Gleiwitzer Platz gehört nicht der RAG, sondern einem israelischen Fonds. Und warum sollen sich nicht auch private Investoren Gedanken über die Zukunft ihrer Gebäude machen?

Im Karstadt-Haus sind die Abrissarbeiten im Gange. Wie geht es weiter?

Ich war überrascht, wie viel schon im Haus passiert ist und wie weit die Abrissarbeiten sind, von denen man draußen kaum etwas mitbekommt. Gleichwohl dauert die Bauphase noch lange. Zählungen der Passanten zeigen, dass Frequenz fehlt. Als Verwaltung begleiten wir die Baustelle und unterstützen, wo es möglich ist. Gleichzeitig haben wir ein Baustellen-Marketing ins Leben gerufen, um die Innenstadt während der Bauphase attraktiv zu halten.

Wie steht es um die gegenüberliegende Baustelle Hansa-Zentrum?

Wir müssen aufpassen, dass die Entwicklung in den Bottroper Kontext passt. Das Hansa Center wird nicht nur Einzelhandel, sondern auch Wohnungen, Praxen und Restaurants unterbringen müssen. Es dürfte noch einige Zeit dauern, bis solche Mietverträge vorliegen. Ich rechne damit, dass wir 2017 ein Konzept und eine Zeitplanung sehen.

Es gibt Signale der RAG-Stiftung, das Haldentheater weiter zu unterstützen 

An das Hansa-Zentrum grenzt der Berliner Platz. Immer wieder gibt es Diskussion zur Sicherheit dort. Wie nehmen Sie das wahr?

Die Diskussionen gibt es ja nicht nur beim Berliner Platz. Wir haben reagiert und den Kommunalen Ordnungsdienst aufgestockt. Gleichwohl ist Sicherheit immer auch ein subjektives Gefühl.

Das Haldentheater konnte bislang nur mit Unterstützung des Bergwerks bespielt werden. Muss Bottrop demnächst auf dieses Alleinstellungsmerkmal verzichten?

Wir sollten Wege finden, die Bergarena zu halten und zu bespielen, auch wenn wir nicht jedes Jahr eine eigene Operninszenierung wie den Fliegenden Holländer stemmen können. Aber es gibt auch Signale der RAG-Stiftung, diesen spannenden Spielort weiter zu unterstützen.

Zur Erweiterung des Museums Quadrat tragen Bund, Land, Stiftungen und Sponsoren die Kosten. Aber es gibt noch keinen Ratsbeschluss. Die entstehenden zusätzlichen Kosten lassen Politiker zögern.

Wir haben die zehn Millionen Euro für die Erweiterung zugesagt bekommen. Aber es gibt eine klare politische Definition: Wir müssen beim Museum auf die Kosten und die Folgekosten achten. Diese Vorgabe hat meines Erachtens die Verwaltung erfüllt. Ein Vertragspartner finanziert dabei zum Beispiel die Stelle der Kunstvermittlung mit. Das Thema Folgekosten halte ich damit für fast gelöst. Es wird durch die Museumserweiterung keine großen Erhöhungen im Kulturetat geben müssen.

Zwei wichtige Stelleninhaber erreichen die Pensionsgrenze: Kulturamtsleiter Wollek geht wohl 2017, Museumsdirektor Liesbrock ist im gleichen Alter. Sucht man schon nach geeigneten Nachfolgern?

Wir müssen sehen. Die Stellen müssen gut neu besetzt werden...

Im Falle Liesbrock fiele die Pensionierung mit der Neubauphase und den Planungen für ein dann größeres Haus zusammen...

Ich könnte mir da auch eine Übergangsphase vorstellen.


Es gibt weniger Vereine und auch darin aktive Sportler. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein? Ich glaube, dieser Trend setzt sich fort. Möglicherweise wird es auch im Fußball weniger Vereine geben.


Stehen deshalb Sportanlagen zur Disposition?

Wenn auf einer Anlage kaum gespielt wird, muss man darüber nachdenken, was dort passiert. In Feldhausen gab es diese Gedanken schon, dort ist das Thema – auch durch die gute Jugendarbeit – erst einmal vom Tisch. Die Welheimer Mark haben wir aber im Blick. Dort spielt auch die Wohnbauentwicklung eine wichtige Rolle.


Kunstrasenplätze bleiben ein Thema. Der VfB Kirchhellen hat gezeigt, wie es laufen könnte. Werden weitere Vereine folgen?

In Kirchhellen hätte es eh einen neuen Platz geben müssen, der VfB hat dann – in einem beeindruckenden Projekt – die Mehrkosten gestemmt. Das können wir jetzt aber nicht beliebig oft an anderen Plätzen wiederholen. Rhenania hat sogar schon einen Kunstrasenplatz. Deshalb müssen wir mit diesem Thema behutsam umgehen.


Behutsam sollen auch die Leistungssportler aufgebaut werden. Bottrop geht mit seinem Förderprojekt einen neuen, außergewöhnlichen Weg. Sie sind direkt beteiligt, wenn die Zuschüsse an die Sportler vergeben werden. Wie fällt Ihr Fazit nach dem ersten Halbjahr aus?

Wir müssen mit unserem System Erfahrungen sammeln. Deshalb werden wir halbjährlich über die zu Zuschüsse entscheiden. Es ist externes Geld, das von Sponsoren gezahlt wird. Daher behalten wir die Entwicklung der Sportler im Auge. Wir wollen für Kontinuität sorgen. Andere Städte schauen bereits auf uns.


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