Schadstoffe im Bottroper Süden

Streit um Bottroper Kokerei: Die Politik sitzt mittendrin

Auf dem Berliner Platz und später vor dem Rathaus fordern Bürger saubere Luft iim Bottroper Süden.

Auf dem Berliner Platz und später vor dem Rathaus fordern Bürger saubere Luft iim Bottroper Süden.

Foto: Joachim Kleine-Büning / Funke Foto Services GmbH

Bottrop.  Vor dem Rathaus fordern Bürger lautstark saubere Luft im Bottroper Süden. Drinnen klagen Beschäftigte der Kokerei über eine „Hetzjagd“.

In einer gemeinsamen Sitzung haben sich Politiker des Gesundheits- und des Umweltausschusses mit der Schadstoffbelastung durch die Kokerei an der Prosperstraße beschäftigt. Kokereichef Jörn Pufpaff sowie Vertreter von Landesumweltamt, Bezirksregierung und Stadtverwaltung berichteten so umfassend wie selten zuvor, was an Untersuchungen und Verbesserungen schon gemacht worden ist. Dennoch blieben viele Fragen offen.

Die Sitzung hat eines allerdings deutlich gezeigt: Wie dieses Thema inzwischen polarisiert in der Stadt. Seit 14 Uhr hatten Bürger erst auf dem Berliner Platz und dann vor dem Rathaus lautstark saubere Luft für den Bottroper Süden gefordert und die Kokerei für die Schadstoffbelastung verantwortlich gemacht. Drinnen dagegen standen Mitarbeiter der Kokerei und spendeten einem Kollegen lautstark Beifall, der eine „Hetzjagd in den sozialen Medien“ beklagte. Ebenso wie Peter Pausch, einem der Sprecher der Bürgerinitiative „Saubere Luft“, hatten die Politiker ihm ein Rederecht eingeräumt.

„Wir haben eine erhöhte Belastung gefunden“

Katja Hombrecher vom Landesumweltamt skizzierte die Untersuchung, die zu der Empfehlung geführt hatte, Gemüse und Obst aus den Gärten in Batenbrock, der Welheimer Mark und Welheim besser nicht zu essen: „Wir haben eine erhöhte Belastung an PAK gefunden“, den polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen also, die als krebserregend gelten, wie Amtsarzt Christian Marga erneut betonte. Wie genau sich die Belastungen verteilen, sollen neue Untersuchungen des Landesumweltamtes zeigen.

Jetzt folgen Bodenproben

Nach den Ergebnissen der Untersuchungen von Grünkohl an neun Standorten untersucht die Stadt jetzt an den besonders belasteten Standorten den Boden. Erste Ergebnisse darüber könnten im Juli bei der geplanten Anwohnerinformation vorliegen, sagt Dezernent Klaus Müller. An Stellen, wo Belastungen an Pflanzen und Boden gleichermaßen hoch sind, sagt Müller, „macht es Sinn, sich das Wasser anzusehen.“ Allerdings gibt es bisher keine Hinweise auf Belastungen: „Im Grundwasser haben wir bisher keine Auffälligkeiten gefunden.“

Amtsarzt Marga berichtete von Recherchen beim Landeskrebsregister. Für Männer gebe es in Bottrop in der Tat ein erhöhtes Krebsrisiko, bei den Frauen gebe es sowohl Über- als aus Unterschreitungen der NRW-Quote der Krebshäufigkeit. Aber: „Eine Erhöhung der Krebsneuerkrankungsrate oberhalb des Landesdurchschnitts findet sich im Übrigen in vielen Städten des Ruhrgebiets.“ Außerdem gebe die Statistik keine Hinweise auf mögliche Krebsursachen.

Kokereichef berichtet über Aktionsplan

„Die Diskussionen der letzten Monate führen zu großer Verunsicherung unser Mitarbeiter“, sagt Kokereichef Jörn Pufpaff und sagt: „Wir haben sehr weitreichende Aktionspläne, um die Schadstoffbelastung zu senken.“ 700 Menschen arbeiten nach seinen Angaben auf der Kokerei, weitere 5000 Arbeitsplätze seien mitelbar von der Kokerei abhängig.

Die Sanierung des Löschturms Ost im vergangenen Jahr habe bereits zu 50 Prozent den Staub reduziert. Derzeit arbeitet die Kokerei am Kohlemischbett, wo Kohlenstaub entsteht. Pufpaff: „Wir haben die Befeuchtung verdoppelt und mischen jetzt ein Bindemittel bei.“

„Nicht alles kommt von der Kokerei“

Der Kokereichef legt erneut eigene Messergebnisse der Kokerei vor, die nach seiner Einschätzung belegen, dass es im Bottroper Süden oder im Essener Norden weitere Belastungsquellen geben müsse: „Es ist mitnichten richtig, dass alles von der Kokerei kommt.“ Bei der PAK-Belastung zeige sich allerdings ein „leichter Trend nach oben: Das arbeiten wir jetzt ab.“ Zum Beispiel an den Öfen: „146 Türen müssen wir möglichst dicht bekommen.“ Er geht davon aus, dass die nächsten Messergebnisse weitere Rückgänge der PAK-Werte zeigen werden. Unabhängig davon werde die Kokerei ihren Aktionsplan bis zum Ende der mit der Bezirksregierung vereinbarten Liste fortsetzen: „Wir garantieren die konsequente Umsetzung aller Maßnahmen.“

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