200 Jahre mit der Kohle

Der Rückzug des Bergbaus nimmt im Alltag immer mehr Raum ein

Die Schwarzkaue von Schacht 9 in Grafenwald: Rund 1500 Bergleute konnten sie nutzen. Nun wird sie nicht mehr gebraucht.

Foto: Thomas Gödde

Die Schwarzkaue von Schacht 9 in Grafenwald: Rund 1500 Bergleute konnten sie nutzen. Nun wird sie nicht mehr gebraucht. Foto: Thomas Gödde

Bottrop.   Noch ein gutes halbes Jahr wird Kohle gefördert. Doch schon jetzt sind viele Kumpel mit Rückbau beschäftigt. Einzelne Standorte stehen fast leer.

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Den Lichtschalter findet Michael Sagenschneider, Sprecher des Bergwerks Prosper-Haniel, nicht. Also bleibt es bei dem Dämmerlicht, und das lässt die Kaue von Schacht 9 in Grafenwald noch verlassener wirken. Rund 1500 Körbe hängen unter der Decke, könnten eigentlich sofort hinuntergelassen und mit den Klamotten der Bergleute befüllt werden.

Doch hier werden sich nie wieder Bergleute umziehen. Die Kaue in

Grafenwald hat das Bergwerk schon aufgegeben. Die Kumpel ziehen sich vor der Schicht nun alle am Schacht 10 am Alten Postweg um. Nur noch wenige Seilfahrten finden hier in Grafenwald statt. Die Kollegen werden dafür mit dem Bus hierher gefahren.

Ende einer Ära

Noch rund ein halbes Jahr fördert das Bottroper Bergwerk Kohle. Dann endet die Ära des Ruhrbergbaus. Doch schon jetzt ist das Bergwerk, das über vier Standorte in der Stadt verteilt liegt, auf dem Rückzug. Derzeit arbeiten weniger als 1700 Leute auf Prosper, Ende des Monats werden es 1650 sein, sagt Werksleiter Jürgen Kroker. „Ende 2018 sind wir dann bei rund 1400 Mitarbeitern.“ Aktuell wird noch auf zwei Abbaufeldern abgebaut. Das dritte, Haniel West, ist inzwischen aufgegeben worden. Dort wird jetzt aufgeräumt, die Maschinen abgebaut und alles aus der Grube ans Tageslicht befördert. Alles Elektro- und Gummimaterial muss raus, dasselbe gilt für öl- und fettbehaftete Objekte. Kroker: „Was da jetzt läuft ist quasi wie fegen unter Tage.“

Außerdem sind die Mitarbeiter schon dabei, die so genannte „Wasserewigkeit“ herzustellen. Heißt im Klartext: Sie arbeiten daran, dass das Grubenwasser künftig bis in alle Ewigkeit durch das unterirdische Grubengebäude laufen kann. Dafür wurde Prosper-Haniel extra mit dem alten Bergwerk Möller / Rheinbaben verbunden. So strömt das Grubenwasser künftig von Zollverein in Essen unter Bottrop hindurch zur Wasserhaltung am Schacht Hünxe.

Pro Tag 700 Schichten auf dem Bergwerk

Im Schnitt arbeiten pro Tag 700 Schichten auf dem Bergwerk. „Ein Drittel davon ist für den Rückzug tätig, zwei Drittel dienen der Produktion“, sagt Kroker. Zum Vergleich: Anfang 2017 dienten lediglich rund 20 bis 30 Schichten dem Rückzug, dagegen standen etwa 1200 für die Produktion.

Im September läuft dann der zweite Abbaubetrieb aus, so dass am Ende die Kohlen nur noch aus einem Feld gefördert werden. „Am Jahresende werden wir im Monatsschnitt des Jahres rund 7100 Tonnen gefördert haben“, sagt Kroker. Aktuell bringen die Männer noch rund 9500 Tonnen unter der Erde hervor.

Kaue in Grafenwald aufgegeben

Doch auch wenn der Rückzug von Prosper-Haniel in Grafenwald schon deutlich sichtbar ist, gebraucht wird der Standort nach wie vor. Und das gilt für alle Bereiche des Bergwerks, das sich über das gesamte Stadtgebiet von Süd nach Nord verteilt. Mögen sie oberirdisch unabhängig aussehen, unter Tage sind sie doch alle miteinander verbunden. Kroker beschreibt das so: „Jeder Standort hat seine Funktion für das unterirdische Grubengebäude.“ Anders ausgedrückt: Erst wenn die letzte Kohle gefördert und die Grube tatsächlich leergeräumt ist, können die Standorte aufgegeben werden. „Wir gehen davon aus, dass wir Ende November, Anfang Dezember die letzten Kohlen fördern. Danach beginnen alle Mann mit dem Rückzug.“

Auf Prosper II stehen Ausbildungsräume leer

Der Standort an der Knappenstraße ist der südlichste in der Stadt. Neben dem historischen Malakoffturm und dem Grusellabyrinth in der alten Kaue wird der Standort auch vom Bergwerk nach wie vor intensiv genutzt. Über den Schrägschacht werden hier die Kohlen ans Tageslicht gefördert. Über ein gigantisches Förderband, das ungefähr unterhalb der Firma Brabus auf dem Eigen beginnt, wird die Kohle an die Oberfläche geschafft. Der Förderberg ist ein Teil des jetzt noch 96 Kilometer langen Streckennetzes von Prosper-Haniel.

Standort für die Aufbereitung

Und der Förderberg wird auch noch so lange benötigt werden, wie das Bergwerk Prosper-Haniel Kohle abbaut. Hier sei man noch voll im Geschäft, beschreibt Bergwerksdirektor Jürgen Kroker den Stand an der Knappenstraße. „Das ist unser Aufbereitungsstandort, der wird auch noch bis Ende des Jahres benötigt.“ Zudem wird die Kohle hier verladen und dann weiter verschickt. Für die Mitarbeiter gibt es hier auch noch Kauen.

Freigezogen wird dagegen schon jetzt der Bereich, an dem bisher die Ausbildung untergebracht war. Im März wurden die letzten Auszubildenden des Bergwerks und des Bergbaus überhaupt losgesprochen, seitdem werden die Werkstätten und Büros nicht mehr benötigt. „Aktuell wird versucht, die Maschinen aus der Ausbildungswerkstatt zu verkaufen“, sagt Kroker.

Beispiel für die Nordwanderung

Am Standort Prosper II lässt sich die Nordwanderung des Bergbaus ablesen. Der Kohleabbau hatte im Süden der Stadt begonnen. Mit Schacht 10 ist man längst in der Kirchheller Heide und damit im Norden der Stadt angekommen.

Was die Aufgabe der Standorte angeht, das sei auch abhängig von der neuen Nutzung, sagt Kroker. Denn davon abhängig sei ja auch, wie man das Gelände dann hinterlassen muss. Zunächst gehen die Grundstücke an die RAG-Tochter Montan-Immobilien.

An Franz Haniel wird die Halde aufgeschüttet

Am Standort Franz Haniel auf dem Fuhlenbrock lieg nur ein kleiner Teil des Geländes in der Verantwortung des Bergwerks und zwar direkt an den Schächten. Für das restliche Gelände sei der Servicebereich Technik und Logistik verantwortlich, erklärt Bergwerksdirektor Jürgen Kroker. Nichtsdestotrotz ist auch der Fuhlenbrocker Standort mit dem charakteristischen Doppelbock-Gerüst für das Bergwerk von Bedeutung. Schließlich betreibt es hier zwei Halden.

Auf einer davon, der Schöttelheide, wird bis zum Ende des Jahres Bergematerial aufgeschüttet. „Ab 2019 beginnen wir dann damit, Boden und Pflanzen aufzubringen“, so Kroker. Wenn das erledigt ist, geht die Halde wieder zurück an den Regionalverband Ruhr (RVR), die Fläche ist nämlich lediglich gepachtet. Anders sieht es bei der Halde Haniel aus. Sie ist Teil eines Pakets, das die RAG an den RVR übergeben will. Gegenwärtig werden die Bedingungen ausgehandelt.

Bergwerk bunkert Butterboden für die Halde

Eine Besonderheit noch zur Halde Schöttelheide: Den Mutterboden dafür hat das Bergwerk bereits gebunkert. Er liegt, verteilt auf mehreren Bodenmieten, unter anderem am Standort Grafenwald. Es ist der Boden, denn das Bergwerk abgetragen hatte, als die Arbeiter den Standort für die Halde vorbereitet haben. Schließlich muss das Bauwerk nach unten dicht abgeschlossen sein.

Standort Grafenwald ist schon fast leergezogen

Die Türen sind abgeschlossen, ein Teil der Besucherparkplätze mit Bauzäunen verrammelt – hier am Schacht 9 in Grafenwald ist am ehesten zu beobachten, dass sich der Bergbau zurückzieht. Abgesehen von gelegentlichen Seilfahrten, für die die Kumpel mit dem Bus von Schacht 10 zum Vossundern gefahren werden, hält noch ein Pförtner die Stellung.

Nichtsdestotrotz erfüllt der Standort für das Gesamtbergwerk eine wichtige Funktion. „Das ist unser Hauptwetterschacht für Prosper-Haniel“, erläutert Jürgen Kroker die Bedeutung von Schacht 9. Über große Grubenlüfter werden hier die Abwetter aus dem Bergwerk gesogen. Dazu steht an dem Standort auch die Absauganlage für das Grubengas. Beide Anlagen werden noch so lange gebraucht, wie Menschen unter Tage arbeiten. Das heißt, dass sie selbstverständlich noch so lange im Einsatz sind, bis die Grube komplett geräumt ist.

Kauekapazität an Schacht 10 reicht

Dafür konnten aber schon Kaue und Büros an dem Standort aufgegeben werden. Zum Ende des vergangenen Jahres ist bereits der Verwaltungstrakt aufgegeben worden. Inzwischen seien die Kapazitäten am Alten Postweg ausreichend, sagt Kroker. Das zeige sich vor allem bei der Kaue. Bisher war die Kaue am Schacht 10 zu klein für alle Bergleute von Prosper. Doch inzwischen ist die Zahl des Personals soweit zurückgegangen, dass die Kapazitäten in der Heide für alle Mitarbeiter wieder ausreichen.

In der Heide fahren die Bergleute ein

Schacht 10 am Alten Postweg – hier sitzt die Verwaltung des Bergwerks, und hier läuft auch noch der ganz normale Betrieb. „Das bleibt bis Ende 2019 unser Standort“, kündigt Kroker an. Denn mit dem Ende der Förderung wird der Schacht keineswegs stillgelegt. Das unterirdische Grubengebäude muss geräumt werden. Dafür wird Schacht 10 benötigt. „Durch den Umzug der Leute von Schacht 9 zu Schacht 10 ist auch die Kaue wieder gut gefüllt“, sagt der Bergwerksdirektor.

Hier am alten Postweg fahren die Männer ins Bergwerk ein. Ein Großteil der Personenseilfahrt – so heißt der entsprechende Fachausdruck – findet hier in der Kirchheller Heide statt. Der Umzug der Mitarbeiter von Grafenwald um Alten Postweg habe einen weiteren Grund gehabt, sagt Kroker. An Schacht 9 wären Instandsetzungsarbeiten nötig gewesen. Das war zum Ende des Bergbaus nicht mehr wirtschaftlich. Es passe gut, dass die Kapazitäten an Schacht 10 nun für alle Mitarbeiter ausreichten.

Anlaufstelle für Besuchergruppen

Der Schacht in der Heide ist zugleich die Anlaufstelle für die zahlreichen Besuchergruppen, die nun noch eine der begehrten Grubenfahrten ergattern konnten. Derzeit führen täglich Gruppen hinunter, sagt Bergwerkssprecher Michael Sagenschneider.

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