Gesundheit

Organspende: Leber und Nieren schenkten neues Leben

„Ich habe meinen Organspendeausweis immer bei mir“, sagt die Kirchhellenerin Ingrid Hennesen. Ausgefüllt hat sie ihn schon vor Jahren, da lebte sie noch in Willich.

„Ich habe meinen Organspendeausweis immer bei mir“, sagt die Kirchhellenerin Ingrid Hennesen. Ausgefüllt hat sie ihn schon vor Jahren, da lebte sie noch in Willich.

Foto: Oliver Mengedoht

Bottrop.  Ingrid Hennesen berichtet, wie dank der Organe ihres plötzlich verstorbenen Mannes drei schwer Kranken geholfen wurde.

Die Zahl der Organspender erreichte in Deutschland mit knapp 800 im vergangenen Jahr einen Tiefstand. Gleichzeitig hoffen laut Deutscher Stiftung Organtransplantation rund 10 000 Menschen auf ein Spenderorgan. „Diese Diskrepanz ist unglaublich“, findet Ingrid Hennesen (72). Mit ihrer Geschichte möchte sie aufrütteln, ein Bewusstsein für das Thema wecken. Dreieinhalb Jahre ist es her, dass dank der Organe von Ingrid Hennesens plötzlich verstorbenem Mann drei schwer kranken Menschen ein neues Leben ermöglicht wurde.

Dialyse-Fall im Freundeskreis

Die Eheleute Hennesen waren ungefähr Mitte 50, als sie beide nach einem Gespräch mit dem Hausarzt einen Organspendeausweis ausfüllten. Beide kreuzten dort „Ja“ an – denn die Bedeutung einer Organspende war ihnen durch einen Fall im Freundeskreis bereits bewusst. „Der Mann einer Freundin hing mehrere Jahre an der Dialyse. Dann hat er eine Spenderniere bekommen. Wir haben gesehen, wie sich sein Leben dadurch positiv verändert hat“, erzählt die Kirchhellenerin. „Wenn man so einen Fall miterlebt, dann fördert das natürlich die eigene Entscheidung dafür.“

Dann kam jener verhängnisvolle Tag vor dreieinhalb Jahren. „Mein Mann war eigentlich kerngesund. Beim Check-up noch kurz zuvor hatte er Werte, da würde manch junger Mensch neidisch werden “, erzählt die 72-Jährige. Doch ein allergischer Schock habe wohl dazu geführt, dass nach Unwohlsein am Abend in der Nacht sein Kehlkopf zuschwoll, er nicht mehr atmen konnte. Zu lange sei in der Folge sein Gehirn ohne Sauerstoff gewesen; nicht die schnell herbeigeeilten Rettungskräfte, nicht die Ärzte im Krankenhaus konnten ihm mehr helfen. „Sie haben noch zwei Tage alles Menschenmögliche versucht“, berichtet die Seniorin, die damals noch in Willich wohnte. Letztlich konnten die Ärzte aber nur noch den Hirntod feststellen. „Und dann kommt durch die behandelnden Ärzte die Frage an einen heran: Wie ist es mit einer Organspende?“

Haltung des Mannes war bekannt

So geschockt und traurig sie war, war es in diesem Moment für Ingrid Hennesen doch eine Erleichterung genau zu wissen, wie ihr Mann zur Organspende stand. „Wenn von einer Stunde auf die andere das Leben auf dem Kopf steht und dann findet man sich auch noch vor so einer Frage…“ – da sei es gut, wenn alles vorher schon überlegt und geklärt worden sei. Daher wirbt sie auch dafür, den eigenen Willen beizeiten auf einem Organspendeausweis oder in der Patientenverfügung zu dokumentieren. „Nicht, dass es sonst über diese Frage vielleicht auch noch Diskussionen innerhalb der Familie gibt.“

Als die Zustimmung vorlag, seien die bis dahin behandelnden Ärzte einen Schritt zurückgetreten, „dann kamen die Ärzte der Organspendeorganisation dazu.“ Sie hätten der Familie alles genau erklärt. Etwa, dass Organspenden auch in einem höherem Alter zu hervorragenden Ergebnissen führen können, berichtet Ingrid Hennesen. Ihr Mann war 74 Jahre alt, aber seine Organe noch gesund.

Ein riesiger Trost

„Rund acht Wochen nach der Beerdigung meines Mannes erhielt ich einen Brief.“ Seither weiß sie: Die Leber ihres Mannes erhielt ein 51-jähriger Patient. Je eine Niere wurden zwei 68-Jährigen transplantiert, deren Lebensqualität zuvor durch Jahre an der Dialyse stark beeinträchtigt war. „Alle drei sind mit bestem Erfolg aus der Klinik entlassen worden. Das ist natürlich ein riesiger Trost, wenn man sieht, dass der ganze Irrsinn noch etwas Gutes hatte.“

Nur eine Unterschrift

Auf unseren Leser-Aufruf zur Organspende hat sich auch Thomas Göddertz gemeldet. Seit vielen Jahren trägt der SPD-Landtagsabgeordnete einen Spenderausweis bei sich. Den Anstoß habe seine Schwester gegeben: „Sie hat seinerzeit im Essener Klinikum auf der Unfallchirurgie gearbeitet.“ Für ihn sei es gar kein Thema gewesen, sich pro Organspende zu positionieren.

„Zum einen ist das für mich ein Akt der Nächstenliebe“, so Göddertz. „Zum anderen: Wenn ich definitiv tot bin, brauche ich die Organe nicht mehr. Ich vertraue darauf, dass das ärztlich einwandfrei festgestellt wird.“ Und: „Wenn ich mit einer einfachen Unterschrift bewerkstelligen kann, dass im Falle eines Falles einem anderen das Leben gerettet oder erträglicher gemacht wird, warum sollte ich das nicht tun?“ Auch Organspendeskandale in der Vergangenheit haben seine Einstellung nicht geändert. Dort sei es um Fragen der Verteilung gegangen. „Solche Verteilprobleme hätte man nicht, wenn man wesentlich mehr Spender hätte.“

Für viele ein Tabu-Thema

Heike Taut-Franci, in der Stadt als Leiterin der Selbsthilfegruppe für Angehörige Demenzerkrankter bekannt, trägt ihren Organspendeausweis immer bei sich. Das Modell der Widerspruchslösung, wie es jetzt in den Niederlanden etabliert wird, findet die Bottroperin „1a“: Künftig soll jeder volljährige Niederländer als Organspender registriert werden – es sei denn, er widerspricht.

In Deutschland gilt die Entscheidungslösung: Jeder Versicherte soll mit Informationsmaterial versorgt werden, sich mit dem Thema auseinandersetzen und dann eine bewusste Entscheidung für oder gegen eine Organspende dokumentieren. Doch: „Die Leute sind von Natur aus ignorant gegenüber einem Tabu-Thema“, ist Taut-Francis Erfahrung.

Viele Facetten

Zudem weist sie darauf hin, dass es dabei viele Facetten gibt. Eine Entscheidung pro Organspende möge leichter fallen, wenn man einen Organtransplantierten kennt. Andererseits hat sie noch eine Begebenheit von vor rund 30 Jahren im Sinn, als sie einen Freund nach der Diagnose Hirntod im Krankenhaus besuchte: „Man hatte die Geräte noch nicht abgestellt, weil seine Frau das alles noch nicht fassen konnte“, erinnert sich die 63-Jährige. „Er lag da, so frisch und rosig. Man dachte, das ist doch ein Irrtum, mach die Augen auf.“ In solch einer Situation sei es deutlich schwerer, sich pro Organspende auszusprechen.

Ganz anders könne das schon wieder aussehen, wenn der Patient etwa nach einem Unfall deutlich sichtbare Verletzungen aufweise, glaubt Heike Taut-Franci.

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