Kriminalität

Netzwerk öffnet Büro zum Krebsskandal

Das Correctiv-Team vor ihrem neuen Büro an der Hansastraße: von links Michel Weigelt, Hüdaverdi Güngör, Bastian Schlange, Anna Mayr und Marcus Bensmann. Der Name der Apotheke ist aus rechtlichen Gründen unkenntlich gemacht.

Das Correctiv-Team vor ihrem neuen Büro an der Hansastraße: von links Michel Weigelt, Hüdaverdi Güngör, Bastian Schlange, Anna Mayr und Marcus Bensmann. Der Name der Apotheke ist aus rechtlichen Gründen unkenntlich gemacht.

Foto: Michael Korte

Das Rechercheteam von „Correctiv“ bietet im Ladenlokal an der Hansastraße Rechts- und Medizinberatung für Opfer und Angehörige an.

Eine ungewöhnliche Neueröffnung wird am Montag an der Hansastraße in der Fußgängerzone stattfinden. Das Recherchenetzwerk „Correctiv“ hat das leer stehende Ladenlokal neben der Parfümerie Pieper angemietet, um dort aus ihrer Sicht „einen der größten Medizinskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte“ aufzuarbeiten. Das Team will dort Opfern des Apothekers, der in mehr als 60 000 Fällen Krebsmedikamente zu gering dosiert oder verunreinigt haben soll, auch Beratung anbieten in medizinischen und Rechtsfragen. Dabei sucht „Correctiv“ den Schulterschluss mit den Selbsthilfegruppen, die selbst bereits eine Arbeitsgruppe zum Skandal gebildet haben.

Manchmal müssen sie nur zuhören

Das Recherchebüro hat am Freitag noch gar nicht alle Kisten ausgepackt und Möbel aufgestellt, da stehen schon die ersten Besucher in der Tür. So wie der Mann, der „einfach etwas loswerden will“, was ein mögliches Opfer des Arzneiskandals betrifft. „Das passierte in den letzten Tagen bis zu zehnmal am Tag“, sagt Bastian Schlange vom Recherchenetzwerk. Das Team kennt aus seiner geschlossenen Facebook-Gruppe das Bedürfnis der Betroffenen, einfach mal zu reden über den Skandal, die gesundheitlichen Folgen und die Schwierigkeiten der juristischen Aufarbeitung.

Vorwurf: Kassen um 56 Millionen Euro geschädigt

Neben der Beratung in Einzelfällen geht es dem „Correctiv“-Team um das Aufzeigen von grundsätzlichen Problemen bei der Kontrolle von Apothekern. Geschäftsführer David Schraven sagt: „Wir wollen am Bottroper Beispiel zeigen, was strukturell nicht funktioniert bei der Überwachung des Medikamentenmarkts.“ Bastian Schlange sagt es so: „Das Kontrollverhältnis basiert nur auf Vertrauen. Das ist schwierig, wenn so viel Geld im Spiel ist.“ Die Staatsanwaltschaft wirft dem Bottroper Apotheker vor, allein die gesetzlichen Krankenkassen um rund 56 Millionen Euro geschädigt zu haben.

Nach der Eröffnung an der Hansastraße 1 am Montag will sich das Team am Dienstag, 15. August, ab 18.30 Uhr allen Interessierten vorstellen. Für Dienstag, 22. August, hat Correctiv ab 18.30 Uhr die Opferanwälte Sabrina Diehl und Lars Volkenborn eingeladen. Zu medizinischen Fragen nimmt am Donnerstag, 24. August, ab 18.30 Uhr Dr. Wolf Köster Stellung, Leiter der Onkologie des Gemeinschaftskrankenhauses Witten/Herdecke.

Austauschtreffen der Selbsthilfegruppen

Aus Anlass des Skandals um Krebsmedikamente einer Bottroper Apotheke haben sich die Krebsselbsthilfegruppen des Paritätischen in Bottrop zu einer Arbeitsgruppe „Medikamentensicherheit“ zusammengeschlossen. Sie hat sich das Ziel gesetzt, die Regularien und Überprüfungsmechanismen bei der Herstellung von Krebsmedikamenten in Apotheken zu recherchieren. Ein erstes Austauschtreffen von Betroffenen hat gezeigt, „dass der Beratungsbedarf zu rechtlichen Möglichkeiten in diesem Zusammenhang sehr groß ist“, sagt Andrea Multmeier, Geschäftsführerin der Paritätischen-Kreisgruppe Bottrop. Deshalb habe die Gruppe sich entschieden, zum nächsten Treffen einen Juristen zur Beratung hinzu zu ziehen. Als Referent konnte Tobias Degener, Rechtsanwalt und Außenstellenleiter des Weißen Rings in Essen, gewonnen werden.

Das nächste Austauschtreffen findet am Mittwoch, 16. August, um 17 Uhr im Katholischen Stadthaus (Seiteneingang), Paßstraße 2, im Raum 0.09 statt. Alle, die sich von dem Skandal betroffen fühlen, sich über die rechtlichen Möglichkeiten informieren und mit anderen Betroffenen austauschen möchten, sind herzlich eingeladen. Die Arbeitsgruppe hofft auf weitere Betroffene, die schon erste Erfahrungen mit dem „Rechtsweg“ gemacht haben und bereit sind, diese Erfahrungen zu teilen.

Die Arbeitsgruppe bittet um Anmeldung im Selbsthilfe-Büro, 23 019. Dort gibt es auch weitere Informationen.

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