Familie

Mit Kindern in der Omikron-Welle: Alltag im Corona-Irrsinn

| Lesedauer: 12 Minuten
Rund 58.500 Schülerinnen und Schüler in NRW sind infiziert oder in Quarantäne

Rund 58.500 Schülerinnen und Schüler in NRW sind infiziert oder in Quarantäne

Deutlich gestiegen ist die Zahl der infizierten Lehrer und Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen ebenso wie die derjenigen, die aktuell in Quarantäne sind. (Stand 17. Januar)

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Bottrop/Essen.  Warten auf Testergebnisse, Quarantäne, Unsicherheit: Unsere Autorinnen und Autoren schildern, wie ihre Familien die aktuelle Corona-Lage erleben.

Die Inzidenz unter den Schul- und Kita-Kindern ist so hoch wie nie. Quarantäne und das Warten auf Testergebnisse – für immer mehr Familien gehört das zum Pandemie-Alltag. Viele Schulen und Klassen melden positive Pooltests, nun warten die Familien auf die Auswertung der Einzelproben, mit deren Hilfe der oder die Infizierten herausgefunden werden sollen.

Doch die Labore sind am Limit, die Auswertung der Rückstellproben, die eigentlich fix erledigt sein soll – im Idealfall ohne einen Tag Unterrichtsausfall – sie zieht sich hin. Für die Familien eine zusätzliche Belastung. Hier schildern betroffene Autorinnen und Autoren aus unseren Redaktionen die Situation aus ihrer Sicht.

„Dienstags und donnerstags ist die Anspannung inzwischen größer“

Die Abende am Dienstag und am Donnerstag, da ist die Anspannung inzwischen größer als normal. Anders als sonst greift man häufiger zum Handy, kontrolliert Mails oder Nachrichten. Der Grund? An den Tagen steht bei dem Sechsjährigen in der Klasse der Pooltest an. Der entscheidet, ob der Alltag normal weiterläuft – wie es in einer Pandemie eben möglich ist – oder ob er ganz neu organisiert werden muss.

Diesen Dienstagabend war es dann so weit. Die WhatsApp-Gruppe der Klasse wurde unruhig, erste Eltern hatten schon die Nachricht erhalten, der Pool-Test war positiv. Bei uns kam gegen 23.30 Uhr eine SMS mit dieser Nachricht an – unbekannte Rufnummer, hoffentlich das Labor? Mitten in der Nacht gegen drei Uhr gab es dieselbe Nachricht dann auch noch als E-Mail.

Also geht es nun um die Rückstellproben, die ja jeder Schüler inzwischen abgegeben hat und die das Labor nun auswerten muss. Dafür haben wir einen QR-Code erhalten, um die Testergebnisse abzurufen. Bis zum nächsten Morgen sollen sie da sein – in der Theorie. Denn der Versuch am Mittwochmorgen ist ernüchternd. Die Anzeige auf dem Handy-Bildschirm: „Befund in Arbeit“.

Macht man sich Sorgen? Selbstverständlich. Schließlich möchte niemand, dass die eigenen Kinder sich infizieren. Doch mit dem Wissen, dass man sich an Vorgaben und Regeln hält und dass ein Schnelltest am Montag noch negativ war, ist die Beunruhigung zumindest nicht allzu groß. Nur: Bevor das Ergebnis der Einzelproben nicht da ist, darf der Große nicht in die Schule.

Am Mittwoch kein Schulbesuch

Irgendwann ist klar, Mittwoch wird es nichts mehr mit dem Schulbesuch, inzwischen hat sich auch der Schulleiter gemeldet. Er kann sehen, dass das Labor mit der Auswertung der Einzelproben noch nicht einmal angefangen hat. Wohlgemerkt, es ist sieben Uhr, an normalen Tagen wäre in einer halben Stunde Abmarsch zur Schule. Stattdessen stellt sich die Frage: Was machen wir mit dem kleinen Bruder? Guten Gewissens kann man den ja jetzt auch nicht zur Kita schicken. Also bleiben beide zu Hause. Zum Glück muss meine Frau an diesem Mittwoch nicht arbeiten, denn in so einer Situation lässt sich ja auch keine Betreuung organisieren.

Tatsächlich sind die Kinder nun noch einen Tag länger daheim. Denn auch bis Donnerstag waren die Einzeltests aus der Klasse nicht ausgewertet. Also ist weiter Improvisation gefragt, zumal an dem Tag beide Eltern arbeiten. Zum Glück gibt’s Überstunden und flexible Arbeitgeber. Derweil hat auch das Labor reagiert und lässt über die Schule ausrichten, dass bei positiven Pool-Tests nun generell 48 Stunden zur Auswertung der Einzeltests notwendig wären. Bedeutet also für Eltern, dass sie sich in so einem Fall auf zwei Tage ohne Schulbesuch einstellen sollten.

Für etwas Beruhigung sorgt da die Schublade im Wohnzimmer mit den Schnelltests für zu Hause. Die waren bei beiden Kindern am Morgen negativ. Also, leichte Entwarnung. Und trotzdem: E-Mails checken, Nachrichten prüfen – und vor allem Daumen drücken, damit der eh schon durchorganisierte Pandemie-Alltag nicht ins Wanken gerät. Matthias Düngelhoff

Wie viele Corona-Fälle in der Kita? Ich verliere den Überblick

Die Mail aus der Kita kam, als Mann und Sohn am Morgen gerade zur Tür heraus waren: Corona-Verdachtsfall in einer der Gruppen aus der oberen Etage, ein positiver Schnelltest. Wir möchten ab sofort doch bitte das Kind dreimal wöchentlich selbst testen und das negative Ergebnis auf beigefügtem Formular schriftlich bestätigen.

Der Vierjährige ist trotzdem in die Kita gegangen. Ich arbeitete weiter (im Homeoffice am Esstisch, klar), mein Mann ging ebenfalls zur Arbeit. Seit Monaten starten wir dreimal wöchentlich mit einem Lolli-Test in den Tag. Jetzt also noch Dokumentieren und Unterschreiben. Bitteschön. Aus Erzieherkreisen höre ich Stöhnen über den zusätzlichen Papierkram. Die allermeisten Eltern nehmen das Angebot der Selbsttests bereits wahr. Aber wer seine Kinder bislang nicht getestet habe oder nicht testen will – was hält denjenigen davon ab, den Bestätigungswisch einfach trotzdem zu unterschreiben?

Seit der Mail am Dienstagmorgen sind ein halbes Dutzend Info-Schreiben aus der Kita hinzugekommen, weitere positive Schnelltests gemeldet, mehrere Verdachtsfälle zu bestätigten Infektionen geworden. Ich stelle fest: Ich verliere den Überblick. Wie viele Fälle sind es nun gerade? Zwei, drei? Spielt das eine Rolle

Wo vor anderthalb Jahren noch große Sorge und Unsicherheit waren, hat sich eine Art Resignation breitgemacht. Wo wir 2020/21 unseren Sohn noch wochenlang vorsichtshalber aus der Kita gehalten haben, schicken wir ihn jetzt weiter. Wir sind kaum weniger unsicher, immer noch besorgt. Aber die Frage scheint inzwischen nicht mehr zu sein, ob Corona auch unsere Familie trifft – sondern nur: wann?

Zwei Jahre Corona – und noch immer mehr Fragen als Antworten

Alle Erwachsenen in der Familie sind geimpft und geboostert, auch der Freundeskreis ist durchimmunisiert. Beim Kind hoffen wir darauf, dass es wie so viele seiner Altersgenossen nichts oder nur leichte Symptome von einer Infektion spüren würde. Trotzdem sind da immer mehr Fragen als Antworten. In die Kita schicken oder nicht? Welche Kontakte sind notwendig, welche nicht? Den Vierjährigen „off-label“ impfen lassen, bis zum 5. Geburtstag warten, oder doch auf eine allgemeine Empfehlung der Stiko? Kann man sich richtig oder falsch entscheiden? Ich weiß es nicht.

Was ein bisschen tröstet und hilft: Allen anderen geht es offensichtlich genau so. Als wir die Kinder am Nachmittag aus der Kita abholen, gehen wir noch mit einigen Müttern ein Stück zusammen. Abschied. „Bis morgen“, sagt eine, stockt und zuckt mit den Schultern. „Oder auch nicht. Man weiß ja nicht, was morgen ist.“ Sarah Kähler

Mit Kita-Kind zu Hause: Unser einziger Kompass ist das Bauchgefühl

Das Wohnzimmer gleicht in dieser Woche wieder einem stürmischen Ozean. Unser Sohn sitzt in einer ausrangierten Pappkiste auf dem Boden und mimt den Piraten. „Mama, du bist der Kapitän. Los, zur Schatzinsel!“, ruft er. Dabei fiel es mir nie so schwer wie jetzt, den richtigen Kurs zu finden. Der Viereinhalbjährige ist mal wieder zu Hause, wie so oft seit Beginn dieser elenden Pandemie.

Lieblingsonkel und -tante waren am vergangenen Wochenende da, sogar über Nacht. Wir haben uns das zum ersten Mal nach über zwei Jahren getraut – weil wir alle geboostert sind und uns vorher negativ getestet haben. Das Kind ist glücklich, präsentiert stolz alle Weihnachtsgeschenke und fragt unsere Gäste Löcher in den Bauch. Danach rennen unsere Hasen beim Kinderspiel „Lotti Karotti“ um die Wette und findet der Jüngste im Spielerbund kein Ende beim „Schwarzen Peter“. Ob das ein zwingend notwendiger Kontakt war? Das Herz schreit ja (aber sowas von!), der Kopf sagt nein (doch nicht bei diesen Zahlen!).

Die Erzieherin ist dankbar, dass wir zu Hause bleiben

Am Montag klingelt das Handy. Ein erster Schnelltest beim Onkel war positiv, es geht ihm aber gut. Kein Halskratzen, kein Schnupfen, nichts. Wenig später macht er einen Termin für die PCR-Testung beim Arzt. Bei uns allen erscheint derweil beim Selbsttest nur ein Strich im Testfenster, zum Glück negativ. Dennoch entscheiden wir uns für eine freiwillige Quarantäne, bis das PCR-Ergebnis vorliegt. Das kommt am Donnerstagmorgen – positiv.

„Und jetzt geht der Junge wieder nicht in die Kita?! Aber Kinder brauchen Kinder und die stecken sich doch sowieso jetzt alle an. Dieses Omikron ist vergleichbar mit ‘ner Grippe, das sagen doch sogar die Wissenschaftler“, schimpft der Großvater abends am Telefon. Was hätten wir also tun sollen? Das Kind auf gut Glück schicken und hoffen, dass die PCR-Pooltestung, die es in unserer Kita zum Glück sogar gibt, negativ ausfällt? Die Erzieherin jedenfalls ist ganz dankbar, dass wir anders gehandelt haben.

Aber wie schützt man sein (ungeimpftes weil zu junges) Kind gerade mehr? Indem man es nach einer potenziellen Risikobegegnung immer wieder isoliert, um sich und natürlich auch andere zu schützen? Oder indem man eine – meistens, aber eben nicht immer mild verlaufende – Infektion einfach in Kauf nimmt?

Wir versuchen es gerade mit einer Mischung aus beidem, denn eine echte Sicherheit gibt es aktuell schlicht nicht. Richtig fühlt sich das alles nicht an. Corona ist und bleibt der Kapitän unseres Alltags. Der einzige Kompass ist das Bauchgefühl, das uns durch diese – hoffentlich letzten – anstrengenden Corona-Wochen trägt. Jennifer Schumacher

Verunsicherte Zwillinge (7): Vom Urlaub in Quarantänien

Sieben Schultage hat es gedauert, bis der Pool-Test meiner Zweitklässler-Zwillinge positiv war. Was folgte war eine Sozialstudie unter Siebenjährigen. Während Tochter eins im Angesicht der Nachricht fragte, ob sie dann morgen ausschlafen könne und sich wieder ihren Spielzeug-Tieren widmete, brach die andere zusammen und erblasste. Man sah förmlich, wie der Corona-Druck auf ihr lag.

Zwei Jahre hatten wir uns als Eltern Mühe gegeben, die Pandemie von ihnen fern zu halten, ihnen ein möglichst unbeschwertes Leben zu schenken. Trotzdem hatte sie nach unzähligen Tests begriffen: Mit dieser Krankheit ist nicht zu spaßen, der Test soll nicht positiv sein. Ihr Einzeltest war es auch nicht, der ihrer Schwester auch nicht. Doch sie weiß, es wird so kommen. Und ich weiß es auch. Kein schönes Gefühl.

Ich bin mir sehr unsicher, ob die Durchseuchung der nächsten Generation wirklich die pfiffigste Strategie ist. Ich habe den Zwillingen jetzt gesagt, dass wir dann Urlaub in Quarantänien machen und Überraschungspakete von all unseren Freundinnen geschickt bekommen (hoffentlich). Iris Müller

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