Interview

Michael Gerdes (SPD): „Bürger beim Klimaschutz mitnehmen“

| Lesedauer: 9 Minuten
Michael Gerdes tritt zum vierten mal bei der Bundestagswahl für die SPD an.

Michael Gerdes tritt zum vierten mal bei der Bundestagswahl für die SPD an.

Foto: Thomas Gödde / FUNKE Foto Services

Bottrop/Gladbeck.  Michael Gerdes (SPD) kandidiert für Bottrop, Gladbeck und Dorsten für den Bundestag. Ein Gespräch über das Klima und die Zukunft der Region.

Michael Gerdes kommt zum Gespräch in Jeans und blauem Sakko, angeheftet den Bundesadler, darunter ein T-Shirt der Gladbecker Firma „Grubenhelden“, die Bergarbeiterstoff verarbeitet – eine Verbindung seiner Vergangenheit und Gegenwart. Gerdes war Elektrohauer auf Prosper Haniel, seit 2009 sitzt der Sozialdemokrat für Bottrop, Gladbeck und Dorsten im Bundestag.

Zur Wahl am 26. September tritt er erneut für die SPD an. Das letzte Mal? Da ist er sich noch nicht sicher. Wir sprachen mit ihm über den Klimaschutz, die Zukunft der Innenstädte und die Einschränkungen für Ungeimpfte. Zwischendurch, das sei sein Laster, nimmt der 61-Jährige immer wieder eine Nase seines Schnupftabaks.

Man hätte es kaum noch erwartet, aber nach jüngsten Umfragen hat Olaf Scholz realistische Chancen, Bundeskanzler zu werden.

Ich gebe nicht viel auf Umfragen. Ich schaue lieber: Wie ist die Stimmung bei den Menschen. Ich bin froh, dass ich wieder rausgehen und mit Menschen in Kontakt kommen kann.

„Viele sagen, dass sie gerne Olaf Scholz als Kanzler hätten“

Und was sagen die Menschen, mit denen Sie reden?

Viele sagen, dass sie gerne Olaf Scholz als ihren Kanzler hätten. Denen kann ich nur sagen: Ihr könnt nur dann Scholz als Kanzler haben, wenn ihr euer Kreuz bei der SPD macht. Vor einigen Wochen wussten viele noch gar nicht, wen sie wählen sollten, aber das hat sich jetzt ein bisschen gewandelt. Die Flut, so traurig, wie die Situation ist, war ein Spotlicht auf die drei Kanzlerkandidaten. Und da hat sich Olaf Scholz aus meiner Sicht gut dargestellt, ist ehrlich und kompetent rübergekommen.

Die Flut hat auch noch einmal deutlich gezeigt, dass der Klimawandel vor unserer Tür angekommen ist.

Ja, und wenn die AfD immer noch hingeht und den Klimawandel leugnet, sollen sie mal dorthin fahren und sich angucken, was da passiert ist. Das ist unfassbar.

Wir müssen bei den Klimaschutzzielen die Messlatte hoch ansetzen, aber wir müssen Klimaschutz so umsetzen, dass er von den Menschen bezahlbar bleibt. Das unterscheidet uns von den Grünen. Wir dürfen unsere Bürgerinnen und Bürger nicht über Gebühr belasten.

Bottrop hat mit der Innovation City gezeigt, dass es möglich ist, die Menschen mitzunehmen und Klimaschutz bezahlbar umzusetzen. Wie lässt sich das auf ganz Deutschland übertragen?

Das ist eine schöne Blaupause. Gladbeck macht ja jetzt auch Innovation City, auch andere Bundestagskollegen von mir wollen das in ihren Wahlkreisen ausrollen. Das Schöne war, dass das nicht von oben herab auf die Bürger geschüttet wurde, sondern die Bürger mitgenommen worden sind. Jetzt muss es weitergehen: Es ist richtig, die Klimastadt Bottrop auszurufen (Anm. d. Red.: Bottrop will klimaneutral werden). Wenn wir das ausrollen, müssen wir bei den Menschen das Bewusstsein entwickeln, dass sie effektiv etwas für den Umweltschutz, aber auch für ihr Portemonnaie tun.

Nicht funktioniert hat das bei dem Windrad auf der Mottbruchhalde in Gladbeck. Dagegen gibt es weiterhin massive Proteste.

Die Akzeptanz der Bevölkerung ist nicht da, weil das im ganzen Planungsverfahren an den Bürgerinnen und Bürgern vorbeigegangen ist. Hätte man im Vorfeld ordentlich kommuniziert, vielleicht ein Bürgerprogramm daraus gemacht, bei dem zum Beispiel einzelne Bürger Aktien hätte kaufen können, wäre die Akzeptanz größer gewesen.

Region Emscher-Lippe: Bottrop und Gladbeck nicht zulasten des anderen stärken

Sie haben vor zwei Jahren im Interview mit der WAZ als eine der großen Herausforderungen definiert, Ersatzarbeitsplätze nach dem Bergbau-Aus zu schaffen. In Bottrop liegt die Arbeitslosenquote bei gut acht Prozent, in Gladbeck deutlich schlechter bei über zwölf Prozent. Warum unterscheidet sich der Markt so deutlich?

Ich glaube, die Städte unterscheiden sich gar nicht so sehr. Wenn ich von Bottrop nach Gladbeck fahre, merke ich nur, dass ich in einer anderen Stadt bin, weil sich das Ortsschild hat. Gladbeck hat aber schon den zweiten Strukturwandel hinter sich: vom Bergbau in die Industrie und jetzt wieder die Abwanderung der Großindustrie. Jetzt steht Gladbeck in Konkurrenz mit allen anderen Städten und versucht, Handel und Gewerbe zu stärken.

Im Bereich Handel ist Gladbeck das gelungen. Während in Bottrop noch viele Geschäfte geschlossen sind, ist Gladbeck wieder eine schöne Einkaufsstadt geworden. Die haben viel Geld in die Hand genommen und die Bürger gefragt, was sie eigentlich wollen.

Aber was wir eben auch brauchen, sind Arbeitsplätze. Viele Flächen in Bottrop und Gladbeck sind schon belegt, aber wir haben in Bottrop die Möglichkeit, die Bergbauflächen wieder zu beleben. Aber ich will davon weg, dass wir uns Gedanken machen, wie wir Bottrop oder Gladbeck zulasten des anderen stärken. Wir müssen eine Region Emscher-Lippe werden. Wir müssen Arbeitsplätze in die Region bringen, nicht in die einzelnen Städte.

Attraktivität der Innenstädte durch Nahversorgungsangebote stärken

Thema Einkaufen: In Bottrop entbrennt eine Diskussion um den Einzug von Netto in die ehemaligen Althoff-Arkaden. Ist das der richtige Weg für eine attraktive Innenstadt, einen Discounter in so eine exponierte Lage zu holen?

Ich glaube, erstmal ja. Corona hatte auch etwas Positives, es hat uns gezeigt, dass wir nicht mehr so viele Büroräume in den Innenstädten brauchen. Und wenn die Leute hier wohnen, brauchen sie auch einen Discounter. Wir müssen die Attraktivität in den Innenstädten auch durch Angebote der Nahversorgung stärken.

Die Grünen kritisieren, dass Netto konträr zu den Bemühungen steht, das Marktviertel zu verschönern.

Nein, das belebt sich eher. Das Angebot von Netto ist nicht das, was ich auf dem Schwarzmarkt finde und umgekehrt. Ich war sehr skeptisch, als die Gastromeile propagiert wurde. Aber jetzt sehe ich, dass die Leute das annehmen und die Lokale sich gegenseitig beleben.

In Gladbeck hat eine Umfrage unter jungen Leuten ergeben, dass sie sich vor allem Begegnungsorte wünschen und kleine Geschäfte. Trägt denn dieser Wunsch? Es gibt ja Gründe, warum die kleinen, inhabergeführten Geschäfte aus der Innenstadt rausgehen.

Gerade junge Leute gehen gerne ins Centro, weil sie dort einkaufen können und Erlebnisgastronomie haben. Ich persönlich würde lieber in der Bottroper Innenstadt einkaufen oder in den kleineren Läden in Gladbeck. Man muss schauen: Wie ist das Publikum, wie ist das Einkaufsverhalten. Leute meiner Generation oder darüber, die wollen nicht ins Centro. Aber wenn es kein Angebot gibt: Wo sollen die dann hin?

Jan-Gerd Borgmann, Vorsitzender des Bottroper Einzelhandelsverbands, hat vor einigen Wochen gesagt, man müsse sich mehr auf Menschen mit Migrationshintergrund und Senioren konzentrieren, weil die in der Innenstadt leben. Was halten Sie davon?

Er hat Recht, weil der Einzelhandel muss sehen, wer seine Klientel ist. Ob das Zugereiste sind, ob es die ältere Generation ist. Aber zwölf Optiker sind nicht die Lösung. Man muss ein Angebot schaffen für die, die nicht nach Oberhausen oder Essen wollen. Und Politik muss dafür die Rahmenbedingungen schaffen.

„Es müssen sich noch mehr Menschen impfen lassen“

Aktuell steigen die Infektionszahlen, in Gladbeck noch deutlicher als in Bottrop. Es wird diskutiert über Beschränkungen für Ungeimpfte, ab Oktober müssen sie ihre Corona-Tests selbst bezahlen. Sind Sie für eine Impfpflicht?

Es müssen sich noch mehr Menschen impfen lassen. Die nächste Corona-Welle wird eine Welle der Ungeimpften. Mir ist das völlig egal, aus welchen Gründen sich jemand nicht impfen lässt. Für mich ist wichtig, dass er sich impfen lässt, weil er sich selbst und andere schützt. Ich bin aber ein Gegner davon, finanzielle oder materielle Anreize fürs Impfen zu schaffen. Wir müssen noch mehr mobile Impfaktionen machen.

Diejenigen, die sich partout nicht impfen lassen wollen, werden wir nicht packen. Müssen wir auch nicht, das ist deren persönliches Lebensrisiko. Aber sie sind auch eine Gefahr für die anderen. Wir haben zeitlich begrenzt aus Pandemie-Gründen die Grundrechte eingeschränkt. Und die Geimpften werden jetzt nicht belohnt, die werden nicht besser gestellt, sondern sie bekommen einfach ihre Grundrechte wieder. Das halte ich für richtig, genauso, dass Ungeimpfte ihren Test ab Oktober selbst zahlen und mit Einschränkungen leben müssen.

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