Verseucht

Kleingärtner im Bottroper Süden werfen ihr Gemüse weg

Tim Kaprol kann nur den Kopf schütteln. Er ist der Fachberater in dem Kleingärtnerverein an der Johannesstraße und rupft den nicht verzehrbaren Salat aus dem Beet.

Tim Kaprol kann nur den Kopf schütteln. Er ist der Fachberater in dem Kleingärtnerverein an der Johannesstraße und rupft den nicht verzehrbaren Salat aus dem Beet.

Foto: Thomas Gödde

Bottrop.   Nach der Verzehrwarnung wegen gemessener Giftstoffe im Umfeld der Kokerei Prosper gehen die Kleingärtner im Johannestal jetzt auf Nummer sicher.

Viele Pächter im Kleingärtnerverein Johannestal sind regelrecht geschockt. Auch das Gemüse in ihren Gärten kann ja mit krebserregenden Stoffen belastet sein. „Ich werde jetzt von allem, was ich in meinem Garten angebaut habe, nichts mehr essen“, sagt Michael Höpers. Auf die Empfehlung der Umweltbehörden, dass man bestimmte Gemüsesorten wie etwa Wurzel- und Knollengemüse oder auch Obst aus den eigenen Gärten nach wie vor verzehren könne, will sich der Kleingärtner nicht verlassen. „Im Moment hätte ich dabei einfach ein viel zu schlechtes Gefühl“, sagt Michael Höpers.

Keine Woche ist es her, dass Oberbürgermeister Bernd Tischler die Empfehlung aussprach, bestimmte Gemüsesorten aus den eigenen Gärten in Welheim nicht zu essen. Mangold, Spinat, Pflücksalat oder Staudensellerie gehören zum Beispiel zu den verbotenen Sorten.. „Auch Gartenkräuter sind tabu“, sagt Tim Kaprol kopfschüttelnd. Der Bottroper ist einer der Fachberater in dem Kleingärtnerverein an der Johannesstraße.

Familien mit Kleinkindern sind sehr besorgt

Kurz nachdem er die schlechte Nachricht erhielt, hat Tim Kaprol seine Gartenfreunde darüber informiert, welches Gemüse sie besser nicht verzehren. Am Schwarzen Brett können die Kleingärtner das lesen, auf der Internetseite des Vereins. Auch in einer What’s-App-Gruppe erfuhren die Mitglieder davon. „Wir haben hier junge Familien mit kleinen Kindern. Die sind nun natürlich sehr besorgt“, sagt Tim Kaprol. Seine beiden Kinder zum Beispiel sind zwei und vier Jahre jung. Der Kleingärtner ist gerade dabei, den Salat in seiner Parzelle aus dem Beet zu rupfen. Er weiß aber nicht so recht, wohin damit. „In die braune Tonne sollen wir das belastete Gemüse ja nicht werfen“, hat Kaprol in Gesprächen mit Mitarbeitern des städtischen Umweltamtes erfahren.

Der mit seinen 39 Gärten recht kleine Kleingärtnerverein liegt in unmittelbarer Nähe des Testfeldes, in dem die Umweltexperten die allerhöchsten Werte des krebserregenden Benzo(a)pyrens und der polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe im Grünkohl fanden. „Selbstverständlich kann ich als Vereinsvorsitzender da nicht gelassen bleiben, auch wenn die älteren Mitglieder schon mal sagen: Das war doch immer so. Die jungen Leute hier, die Kinder haben, sind aber schon sehr betroffen“, sagt der 70-jährige Hans Behmenburg.

Es gibt einen Katalog unbeantworteter Fragen

An dem für Anfang Juni terminierten Runden Tisch über die Kokerei will er teilnehmen, womöglich lädt der Vorsitzende auch Umweltfachleute zu

einer Versammlung ins Vereinsheim ein. „Wir im Vorstand haben die Pflicht, die Mitglieder so gut wie möglich zu informieren“, betont der Bottroper. Dabei haben auch die Vorstandsmitglieder an der Hotline, die die Stadt freigeschaltet hat, längst nicht auf alle ihre Fragen auch Antworten erhalten. Einen ganzen Katalog voller Fragen hat Fachberater Tim Kaprol ans Umweltamt gerichtet. „Was ist mit unseren Bienen? Sind die Stoffe auch im Honig?“, will er wissen. Kaprol ist einer der Imker in dem Kleingärtnerverein. Atmen die Gärtner die Schadstoffe etwa auch ein?

Ohnehin erinnern sich die älteren Kleingärtner noch gut an ähnlich kritische Umweltsituationen, die Jahrzehnte zurückliegen. Mitte der siebziger und Ende der achtziger Jahre sei das gewesen. Es sei um zu viele Schwermetalle in den Bottroper Kleingärten gegangen und so wie jetzt auch um krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, erinnerten sich Gärtner Bodo Hermann. „Warum hat man nicht alle fünf Jahre Proben genommen. Jetzt stellt man mit Erschrecken fest, dass die Werte wieder zu hoch sind“, sagt der Kleingärtner. „Damals hat das Gesundheitsamt sogar Freiwillige unter uns Gärtnern gesucht. Wir sollten Blutproben abgeben, damit über einen langen Zeitraum untersucht werden kann, wie sich die Schadstoffe auf unsere Gesundheit auswirken“, erinnert er sich. Passiert sei dann aber nichts.

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