Obdachlosigkeit

Immer mehr Menschen fehlt eigene Wohnung

Auch hier steigt die Zahl der Essensausgaben seit Jahren an: In der Armenküche Kolüsch erhalten unter anderem Obdachlose eine warme Mahlzeit am Tag.

Foto: Winfried Labus

Auch hier steigt die Zahl der Essensausgaben seit Jahren an: In der Armenküche Kolüsch erhalten unter anderem Obdachlose eine warme Mahlzeit am Tag. Foto: Winfried Labus

Bottrop.   Sie kommen bei anderen unter, ziehen oft um, manchmal leben sie auf der Straße. In den Akten des Sozialamtes tauchen sie nicht auf.

Immer häufiger sind im Stadtgebiet Menschen anzutreffen, die anscheinend kein Zuhause haben. Bundesweit, so ist denn auch vielfach zu lesen, sei die Zahl der Obdachlosen stark gestiegen. Das Bottroper Sozialamt kann diese Einschätzung nicht bestätigen: „Bei uns sind die Zahlen eigentlich relativ konstant“, erklärt dort Karen Alexius-Eifert.

Maximal 25 Obdachlose müsse die Stadt in der Regel unterbringen. 18 bis 20 Männer seien das normalerweise – im Winter mehr – und bis zu fünf Frauen in Frauen-Wohngemeinschaften. Ein Nachtasyl für Männer gibt es am Borsigweg, wobei der Begriff „Nachtasyl“ aber in die Irre führt, denn die Männer können auch am Tage dort bleiben und haben einen Schlüssel zu ihrem Zimmer. Frauen können in einer Frauen-WG ebenfalls am Borsigweg schlafen. „Wir haben eine ziemlich kleine Obdachlosenszene in Bottrop“, meint die Abteilungsleiterin des Sozialamtes. Trügt also der öffentliche Schein?

Die echten Zahlen

Die Evangelische Sozialberatung (ESB) hat ganz andere Zahlen und beantragte daher soeben eine zusätzliche Stelle. Hatte man es zu Beginn der Arbeit vor 30 Jahren noch mit Durchreisenden zu tun, sind es heute vor allem Bottroper Bürger, die von Armut und Wohnungslosigkeit betroffen sind.

In den vergangenen fünf Jahren gab es einen deutlichen Anstieg der Zahl der tatsächlich Wohnungslosen. So steht es in einem Bericht der ESB zur aktuellen Situation. Brauchten vor fünf Jahren noch 132 Menschen eine Postadresse bei der ESB, weil sie keine eigene besaßen, so waren es im letzten Jahr 325 Wohnungslose und bis Ende Juli 2016 schon 281 Personen. Sie brauchen die Meldeadresse, um Sozialleistungen beziehen zu können und für das Jobcenter verfügbar zu sein. Sie kommen bei Bekannten und Verwandten unter, ziehen oft um, manchmal leben sie auf der Straße.

Unter den 325 Wohnungslosen im Jahr 2015 waren nur 39 Flüchtlinge, hielt die ESB fest. Sie sind es also nicht, die den Anstieg ausgelöst haben. Besorgniserregend findet die ESB aber den hohen Anteil an 18- bis 25-Jährigen. Stark gestiegen ist auch die Gesamtzahl der ESB-Besucher: 2011 waren es 499 Personen, 2015 schon 637. Bei ihnen handelt es sich um Bottroper Bürger, die noch eine Wohnung haben, aber aus vielen Gründen von Wohnungslosigkeit und in ihrer Existenz bedroht sind. Drogen, Alkohol, psychische Probleme und Krankheiten spielen da eine Rolle. Viele Hilfesuchenden lassen freiwillig ihr Geld von der ESB verwalten.

Im Teufelskreis

Die Verstärkung durch eine dritte Sozialarbeiterstelle haben Claudia Kretschmer und Felix Brill fürs kommende Jahr vor allem deshalb beantragt, damit sie sich besser um die jungen Erwachsenen kümmern können. Die Betroffenen sind in der Regel arbeitslos und stammen aus prekären Lebensverhältnissen, viele haben schon Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe durchlaufen. Sie besitzen selten einen Schulabschluss und konnten im Berufsleben nicht Fuß fassen. Viele sind obendrein überschuldet. Die ESB will sich künftig gezielt um sie kümmern, sie stabilisieren und aus dem Teufelskreis herausholen. Die dritte Stelle wurde bereits bewilligt. Finanziert werden soll sie zur Hälfte aus Mitteln des Jobcenters.

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