Heimatgeschichte

Historische Seuchen im Dorf: Von Pocken bis Malaria

Hier gab es die erste ärztliche Sprechstunde im Dorf: Johann Dobbe eröffnete 1868 das „Jägerheim“ an der damals neuen Provinzialstraße nach Dorsten. Einmal die Woche hielt dort Dr. Franz Geißler als erster Arzt in Kirchhellen Sprechstunde.

Hier gab es die erste ärztliche Sprechstunde im Dorf: Johann Dobbe eröffnete 1868 das „Jägerheim“ an der damals neuen Provinzialstraße nach Dorsten. Einmal die Woche hielt dort Dr. Franz Geißler als erster Arzt in Kirchhellen Sprechstunde.

Foto: Archiv Heimatverein

Kirchhellen.  Aus aktuellem Corona-Anlass hat der Heimatverein einen Geschichtsband aus dem Archiv geholt. Darin sind historische Seuchen aufgelistet.

„Es ist ein schwacher Trost, aber immerhin“, sagt Peter Pawliczek. Zur Einordnung der aktuellen Corona-Pandemie hat der Vorsitzende des Vereins für Orts- und Heimatkunde das Heft 24 der Schriftenreihe aus dem Archiv gezogen. Hans Büning, der Heimatforscher, Bürgermeister und langjähriger Rektor, hat darin die „Geschichte des Gesundheitswesens in Kirchhellen“ aufgeschrieben. Und bewiesen: Früher war keineswegs alles besser.

Schon im Hochmittelalter kannten die Kirchhellener offenkundig die Lepra. Im 13. Jahrhundert wurde sie mit den Kreuzzügen in Deutschland eingeschleppt. Gegen die Krankheit gab es kein Heilmittel; weil die Befallenen hoch ansteckend waren, wurden sie isoliert in Siechenhäusern. Ein solches Leprosenhaus stand auch im Norden Kirchhellens, sagt Büning. Das Gelände, auf dem sie stand, die „Seikenheide“ hat die Stadt Dorsten um das Jahr 1400 aufgekauft. Aus dem 17. Jahrhundert gibt es ein Testament des Kirchhelleners „Leprosen Hans then Hagen“. Neben dem Siechenhaus hatte der 1699 in Dorsten hingerichtete Menschenfresser Franz Wahmann seine Opfer verspeist.

Von der Pest blieb das Dorf verschont

Von der Pest, dieser eingeschleppten zusätzlichen Geißel des 30-jährigen Krieges, ist Kirchhellen verschont geblieben. Hans Büning führt das darauf zurück, „dass durch Kirchhellen keine durchgehende Straße führte; die einzige Straße mit überörtlicher Bedeutung war der Alte Postweg“. Nebenan im Kirchspiel Gladbeck berichten die Chronisten aus dem Jahr 1635 von 300 Pestopfern und ergänzen einen Satz, der auch zur heutigen Corona-Kontaktbeschränkung passt. Frei ins Hochdeutsche übersetzt: Es hätte noch mehr Opfer geben, „wenn nicht jeder aus Furcht vor der Ansteckung gleich einem Einsiedler sich in der Behausung gehalten hätte“.

Wilhelm Tourneau, dem ersten Bürgermeister von Kirchhellen und Bottro p, verdankt der Chronist Büning einen Überblick über die Seuchen in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Grippe, Pocken, Wechselfieber. Das wird wohl Malaria gewesen sein, vermutet Büning. Und sie trat besonders häufig auf zwischen 1831 und 1841 in Hardinghausen und Holthausen, während andere Ortsteile verschont wurden. Ein Drittel der Todesfälle des Jahrs 1841 schrieb Tourneau diesem „bösartigen Wechselfieber“ zu.

Grippe von „nicht bösartig“ bis „häufig tödlich“

Grippewellen meldet Tourneau in Kirchhellen für die Jahre 1837 („häufig tödlich“) und 1841 („nicht bösartig, sie hielt nur einige Wochen an“). Blattern- oder Pockenwellen registriert er für 1831, 1837 und 1838. Die Krankheit hinterließ Spuren, aber damals gab es schon eine Pockenimpfung; der Arzt Edward Jenner hatte bereits 1796 entdeckt, dass Kuhpockensekret immun gegen die Pocken macht.

Heilerfamilien

Zu Tourneaus Zeiten bestand das medizinische Personal nur aus zwei Hebammen und zwei Heilerfamilien: Über 100 Jahre lang behandelten die Benien-Wienerts erfolgreich ausgerenkte Knochen und verstauchte Gelenke. Die Gieses-Thürobdenwinds dagegen diagnostizierten vier Generationen lang innere Krankheiten aus mitgebrachtem Urin. 1897 hatten sie täglich bis zu 200 Patienten, die mit Kutschen aus Essen oder vom 1879 eröffneten Bahnhof Kirchhellen kamen. Der Letzte der Familie Wilhelm, wegen seiner Diagnosemethode auch „Piss-Wilms“ genannt, heilte bis 1944 mit Kräutertränken auf Honigbasis.

Der erste Arzt in Kirchhellen war um 1850 der in Kirchhellen geborene und in Dorsten praktizierende Dr. Franz Geißler, der einmal die Woche in der Gaststube Dobbe an der heutigen Alleestraße seine Sprechstunde abhielt. Der erste niedergelassene Arzt in Kirchhellen war bis 1907 Dr. Strunk. Ihm folgte, berichtet Büning vergnügt, „Dr. Pepperhove, der in Kirchhellen auch als standfester Trinker bekannt war. Nach den Sprechstunden erreichte man ihn meist in einer der zahlreichen Kneipen rund um die alte Kirche.“

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