Inklusion

Eine Lücke klafft zwischen Theorie und Praxis

„Wir sind ein gutes Team“, sagen Sonderpädagogin Verena Buchholz (l.) und Klassenlehrerin Marita Cramer bei allen Schwierigkeiten.

„Wir sind ein gutes Team“, sagen Sonderpädagogin Verena Buchholz (l.) und Klassenlehrerin Marita Cramer bei allen Schwierigkeiten.

Foto: Funke Foto Services

Bottrop.   Inklusion an der Gustav-Heinemann-Realschule ist vor einem Jahr gestartet. Vieles klappte bis zum Schluss nicht reibungslos.

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Seit einem Jahr ist es die Regel und nicht mehr die Ausnahme, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf an Regelschulen und nicht mehr an Förderschulen unterrichtet werden. Ein Jahr mit Höhen und Tiefen, das viele Probleme bei der Umsetzung der Inklusion offengelegt hat.

Auch an der Gustav-Heinemann-Realschule (GHR) wurde im letzten Schuljahr mit der Inklusion begonnen. Allerdings ist die GHR keine Schule des gemeinsamen Lernens, sondern eine Schule des zielgleichen Lernens. Das bedeutet, dass Kinder mit Förderbedarf hier die gleichen Bildungsziele wie ihre gleichaltrigen Klassenkameraden erreichen müssen. Aufgenommen werden hier „ESE-Kinder“, also Kinder mit emotionalen-sozialen Entwicklungsstörungen.

Sprung ins kalte Wasser

Marita Cramer war im letzten Schuljahr die erste Klassenlehrerin, die mit der Inklusion gestartet ist. Ihre Bilanz nach einem Jahr: „Theorie und Praxis klaffen auseinander.“ Ein bisschen war es so, wie ins kalte Wasser zu springen, meint auch Schulleiter Dirk Brinkmann. Denn es gibt nur wenig Vorgaben, an denen sich die Schulen orientieren könnten, jede sucht sich ihren eigenen Weg und nicht immer stimmen die Voraussetzungen.

Besonders froh ist Marita Cramer, dass sie im letzten Schuljahr die Sonderpädagogin Verena Buchholz an ihrer Seite hatte. Sie ist mit zwölf Stunden von der Adolf-Kolping-Förderschule abgeordnet, denn die Schule läuft demnächst aus.

Beim Start in Klasse fünf hatte Marita Cramer im letzten Schuljahr eigentlich nur ein ESE-Kind erwartet. Doch auch bei einem zweiten Kind gab es Auffälligkeiten. Die Eltern waren zur Zusammenarbeit bereit und stellten einen Antrag auf Förderung. Die Sonderpädagogin half bei den Formalitäten und dem Begutachten.

Antrag immer noch nicht bewilligt

Bewilligt ist der Antrag allerdings bis heute nicht. Das aber ist Voraussetzung dafür, dass das Kind Einzelförderung bei der Sonderschullehrerin bekommt und Anspruch auf Unterstützung durch einen Inklusionshelfer hat. „Die Mühlen mahlen langsam“, meint Marita Cramer. Bei der Bezirksregierung stapeln sich die Anträge.

Auch der zusätzliche Raum, den die Schule gerne hätte, um Inklusionskinder mal aus dem großen Klassenverbund herausnehmen zu können, ist noch nicht bewilligt worden. Wie sehr der Raum fehlt, zeigte sich im letzten Schuljahr, als eines der Kinder völlig ausgeflippt ist und ein Büro verwüstet hat. Am Ende musste die Polizei kommen.

Für Schulleiter Brinkmann ist durchaus die Frage, ob alle Förderkinder in der Regelschule gut aufgehoben sind oder ob manchmal eine Förderschule nicht besser wäre. Doch eine Wahl haben die Eltern bald nicht mehr.

Inklusionsklassen sind mit 22 Schülern kleiner als normal 

Mit nur 22 Schülern ist die (jetzt) 6. Klasse von Marita Cremer, die sie im Team mit einer Kollegin leitet, kleiner als Realschulklassen normalerweise und das ist auch notwendig, um sich besser um alle Schüler kümmern zu können.

„Es gibt Fälle, die die Lehrkraft binden, das erfordert auch große Toleranz bei den anderen Schülern“, meint die Klassenlehrerin: „Sie wissen, dass ihr Mitschüler irgendwie anders ist, unterstützen ihn und denken auch für ihn mit. Aber manchmal sind sie entrüstet.“

Nämlich immer dann, wenn der Förderschüler sich Dinge herausnimmt, von denen seine Klassenkameraden nur zu gut wissen, dass sie verboten sind. Helfen kann dann die Sonderpädagogin – wenn sie gerade an der Schule ist, was bei nur zwölf Stunden nicht unbedingt der Fall sein muss. Marita Cremer schätzt die Zusammenarbeit mit Verena Buchholz sehr: „Wir sind ein gutes Team.“

Mit zur Klasse gehörte im letzten Schuljahr auch ein Integrationshelfer, der täglich einige Schulstunden mit im Unterricht war. „Die Förderkinder brauchen eine Konstante und feste Ansprechpartnern“, meint die Klassenlehrerin nach einjähriger Erfahrung.

Wenn am Mittwoch die Schule los geht, werden auch wieder zwei Kinder mit anerkanntem Förderbedarf und eins ohne Status im fünften Jahrgang starten.

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