Zuwanderung

Eine ganze Welt in einem Klassenzimmer

Karen Bagatsch-Preuß unterrichtet Deutsch in der Internationalen Förderklasse.

Karen Bagatsch-Preuß unterrichtet Deutsch in der Internationalen Förderklasse.

Foto: Winfried Labus / FotoPool

In der Internationalen Förderklasse der Gustav-Heinemann-Realschule in Bottrop lernen 19 Kinder und Jugendliche aus vielen Herkunftsländern die deutsche Sprache

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In der Gustav-Heinemann-Realschule gibt es eine Klasse, in der ist fast alles anders, als in den allermeisten anderen Schulklassen. Das Auffälligste: Auch wenn die Lehrerin mal nicht hinguckt, wenn sie lange mit dem Besuch spricht, herrscht Ruhe. Keiner macht Mätzchen, keiner spricht laut, höchstens mal ein leises Flüstern mit dem Nachbarn. Hier sitzen Schülerinnen und Schüler, die sehr diszipliniert sind und die unbedingt lernen wollen. Und ihre Gesichter verraten, dass sie aus den unterschiedlichsten Ländern kommen, aus Thailand, aus Polen, Vietnam, Rumänien, Armenien, Albanien, Bosnien und aus Syrien. Sie sind erst seit wenigen Monaten in Deutschland und sie alle kamen, ohne ein Wort Deutsch zu können.

Doch wenn man den 17-jährigen David hört, der mit seiner Familie vor drei Monaten aus Polen kam, mag man das kaum glauben. In der Schule, erzählt er, seien alle so freundlich, das sei schon anders als in Tschenstochau, seiner Heimatstadt. Nur eines mag er gar nicht, lacht er: „Deutsche Musik.“

Mesa vermisst die Freundin

19 Schüler im Alter von elf bis 17 Jahren gehen in die Internationale Förderklasse der Gustav-Heinemann-Realschule. Sie wurde Ende des vergangenen Schuljahres eingerichtet. Wenn die Schüler fit sind in der Sprache, gehen sie in die entsprechende „normale“ Klasse. „Jetzt haben wir wieder so viele Anträge“, sagt Schulleiter Dirk Brinkmann, „wir könnten schon eine zweite Klasse aufmachen.“ Doch: Dafür gibt es kein Personal. Neue Schüler müssten dann in diese Internationale Klasse. „Wenn aber mehr als 20 Schüler in der Klasse wären, wäre eine individuelle Förderung, die unverzichtbar ist, nicht mehr möglich“, sagt Lehrerin Karen Bagatsch-Preuß. Mit zum Lehrerteam für diese Klasse gehören noch Sabine Lipp-Rahma und Filomena Cascio. Sie unterrichten Deutsch, aber auch Kunst und Sport.

Ihre Schüler bringen nicht nur Bilder von Deutschland mit, ihr junger Kopf ist auch voll von Erlebnissen von der Flucht oder der Fahrt, sie bringen ihre Sehnsüchte mit und ihren Schmerz über den Verlust all dessen, was bisher ihr Zuhause war. Wie die 15-jährige Mesa, die vor fünf Monaten mit der Familie aus Thailand kam. Ihr fehlt die Freundin, sagt sie. „Ich schreibe ihr auf Facebook“, der Internet-Plattform. Auch die 12-jährige Andzelika aus Polen schaut etwas wehmütig zurück. Und auch der 12 Jahre alte Achmad aus Syrien, der so früh erleben musste, was Krieg bedeutet, gesteht schüchtern: „Meine Verwandten, sie fehlen.“ Die ganze Welt mit all der Freude, mit all dem Kummer: Alles ist in diesem Klassenzimmer.

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