Das Ende des Bergbaus

Ein Treffen mit dem letzten echten Bergmann im Bundestag

SPD-Bundestagsabgeordneter Michael Gerdes kommt auf der Fußgängerbrücke über den Alten Postweg zurück von seinem Besuch auf der Zeche Prosper V.

SPD-Bundestagsabgeordneter Michael Gerdes kommt auf der Fußgängerbrücke über den Alten Postweg zurück von seinem Besuch auf der Zeche Prosper V.

Foto: Thomas Gödde

Bottrop.   SPD-Abgeordneter Michael Gerdes hebt die positive Rolle der IG BCE im Bergbau heraus. Er bedauert das nahende Ende der Montanmitbestimmung.

Die Schließung des Bergwerks Prosper-Haniel zum Ende des Jahres macht Michael Gerdes zu schaffen. Bergbau sei heute eine Hightechindustrie, betont er. Der SPD-Bundestagsabgeordnete hält es auch deshalb für falsch, den Kohlebergbau zu beenden. „Wir geben unsere einzige maßgebliche Energiequelle auf“, bedauert der Bottroper. Michael Gerdes ist gelernter Bergmann, derzeit der einzige mit einem Sitz im Bundestag, sagt er.

Prosper-Haniel wird als die letzte deutsche Steinkohlenzeche im Dezember geschlossen. Der SPD-Bundestagsabgeordnete war mehr als 30 Jahre auf dem Bergwerk beschäftigt. Gerdes hat dort ab 1977 Bergmann und Elektrohauer gelernt und dann als Elektriker unter Tage gearbeitet. Von 1997 bis zu seiner ersten Wahl in den Bundestag 2009 war er Mitglied des Betriebsrates von Prosper-Haniel.

Starke Mitwirkungsrechte der Bergbaugewerkschaft

Die Aufgabe des Bottroper Bergwerks bedeutet einerseits das Aus des Steinkohlenbergbaus, andererseits geht damit auch die Montanmitbestimmung dem Ende entgegen. Sie garantierte den Beschäftigten im Bergbau und in der Stahlindustrie über einen paritätisch besetzten Aufsichtsrat starke Mitwirkungsrechte. „Wenn jetzt der Bergbau eingestellt wird, dann ist die Montanmitbestimmung weg. Damit ist die platt“, bedauert Gerdes. „Aus Sicht der Arbeitgeber ist sie vermeintlich teurer, weil sie ja auch den Arbeitsdirektor bezahlen müssen, aber sie ist ein sehr erfolgreiches Modell“, betont der Gewerkschaftler. Die Bergbau-Gewerkschaft IG BCE hatte so eine wichtige Rolle inne und großen Einfluss auf Entscheidungen des Unternehmens gehabt.

Gerdes hat sich schon früh in den beiden großen Montan-Gewerkschaften engagiert. Als er als Jugendlicher Elektrikerlehrling bei AEG Telefunken wurde, trat Gerdes in die IG Metall ein. Kurz nach seinem Arbeitsbeginn auf dem Bergwerk Prosper-Haniel wechselte er in die IG Bergbau. „Ohne die IG BCE lief hier nichts“, bekräftigte der ehemalige Prosper-Betriebsrat und hebt den Einfluss der Gewerkschafter als positiv heraus. „Mitbestimmen heißt ja auch mitverantworten und keineswegs gegen das Unternehmen zu handeln“, betont Gerdes. „Ohne die IG BCE würde wir heute schon gar nicht mehr vom Bergbau reden“, hebt er heraus. Die Mitwirkung der Bergbaugewerkschaft sei auch für die Gesellschaft von Vorteil gewesen. „Mit dem Vorruhestandsmodell ist es uns ja gelungen, den Bergbau sozial verträglich gegen Null zu fahren. Das hat auch viel zur sozialen Befriedung der Region beigetragen“, betont Gerdes, ohne zu übersehen, wie sich dies für viele auswirkt. „Es ist schon weniger Geld“, erklärt Gerdes, das viele Bergleute jetzt noch haben.

Michael Gerdes mag Wasserscheine mit viel Senf

Auf dem langen schmalen Gang an der Kaue entlang biegt Michael Gerdes kurz rechts ab und geht in eine dunkle Kleiderkammer. Links stehen schwarz Stiefel an Stiefel in den Regalen. Rechts hängen etliche weiße und wenige blaue Schutzhelme an den Haken. Gerdes greift sich einen blauen und hält ihn fast ein wenig wehmütig in Händen.

Früher hätte das ja auch seiner sein können. Der SPD-Bundestagsabgeordnete war immerhin gut 13 Jahre lang freigestellter Betriebsrat für soziale Angelegenheit auf dem Bergwerk Prosper-Haniel. Sein Vorgänger war der hoch angesehene, RAG-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ludwig Ladzinski, der später auf höchster Ebene zwischen Bundesregierung, RAG und IG BCE die Kohle-Kompromisse mitausgehandelt hatte. „Das waren sehr große Schuhe“, sagt Gerdes anerkennend. Schritt für Schritt habe er sie dann aber doch ein Stück weit ausgefüllt.

Schnell noch zwei Dosen Schnupftabak gekauft

„Heute hilft mir das“, sagt der Abgeordnete. Denn im Bundestag ist er Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Auch da gehe es zum Beispiel um Rentenfragen, Arbeitsschutz oder die berufliche Förderung junger Leute; alles Felder auf denen Gerdes als Betriebsrat Erfahrungen sammelte. „Ich hatte hier viel mit Rentenfällen zu tun, und damit dass Leute, die auf dem Pütt nicht mehr arbeiten konnten, abgesichert werden“, erklärt er. „Oder wenn die Leute schwere Unfälle hatten, mussten sie nach längeren Ausfallzeiten stundenweise wieder in die Arbeit zurückgeführt werden. Dabei erhielten sie weiter Krankengeld“, erklärt er. Für Auszubildende, die in der Schule Probleme hatten, organisierten die Gewerkschaftskollegen Sonderunterricht. „Das war hier vorbildlich“, findet Gerdes und hält es über den Bergbau hinaus für sinnvoll.

Der Arbeitsschutz sei im Bergbau heute so ausgebaut, dass es zu schweren Unfällen wie früher kaum komme. „Der gefährliche Bergbau gehört der Vergangenheit an. Heute haben wir sehr, sehr sichere Arbeitsplätze“, versichert der Ex-Betriebsrat. Als er auf der Zeche anfangen wollte, galt die Arbeit unter Tage dagegen noch als gefährlich. „Mein Vater war Schreiner und wollte nicht, dass ich zur Zeche gehe“, erzählt Gerdes. Also lernte er erst bei AEG Telefunken Elektriker. Es habe ihn viel Überredung gekostet, dass sein Vater den Arbeitsvertrag schließlich doch unterschrieb, damit er am 1.8. 1977 auf der Zeche Prosper III anfangen und eine weitere Zusatzausbildung zum Hauer absolvieren konnte. Gerdes selbst war da noch nicht volljährig. „Das Geld hat gelockt und auch die Aussicht, günstig eine Wohnung zu bekommen“, erinnert sich der Bottroper, der recht früh heiratete und mit Ehefrau Heike heute drei erwachsene Töchter und sieben Enkelkinder hat.

Der Elektriker war 16 Jahre nur auf Nachtschicht

Gut 17 Jahre hat Gerdes nach seiner zweiten Ausbildung auch als Elektriker unter Tage gearbeitet. „16 Jahre nur auf Nachtschicht“, erzählt er. Als 15jähriger Elektrikerlehrling trat Gerdes in die IG Metall ein. Mit 16 wurde er SPD-Mitglied. Als 17-Jähriger wechselte er dann auf der Zeche zur IG Bergbau. Kumpel zu sein ohne IG BCE-Mitgliedschaft, das ging früher erstens gar nicht und zweitens engagierte sich Gerdes schließlich auch aus Überzeugung in der Gewerkschaft. „Man braucht Kollegen, die einen tragen und Fürsprecher“, sagt der Bundestagsabgeordnete heute über seine Arbeit im Betriebsrat. Sein Fürsprecher war der frühere Bezirksbürgermeister Gerd Bongers †.

Nur kurz wirft Gerdes auf Prosper V einen Blick ins Betriebsratsbüro und wünscht einen guten Tag. Er will nicht stören. Die früheren Kollegen beraten gerade zwei Bergleute. Dann führt den Abgeordneten der Weg in die Kantine. „Ein Wasserschein mit viel Senf“, bestellt er; also eine Brühwurst. Und vom Schnupftabak der Bergleute kauft er auch noch schnell zwei Dosen.

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