Serie "Adventskalender"

Die Köpfe bleiben unten

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Bottrop. Wie hinter den Kulissen eine Rote Laterne leuchtet. In der Kabine der RWE Volleys beim Kellerduell gegen Franken. Türchen Nummer 22 unseres Adventskalenders.

Es sollte ein Befreiungsschlag werden. Vier Tage vor Weihnachten wollten die RWE Volleys dem VC Franken die Rote Laterne der 1. Bundesliga schenken. Nach dem 2:3 aber kommen sie selbst in den zweifelhaften Genuss dieses Geschenks, das auf der Hitliste wohl noch unter Socken und kitschigen Krawatten angesiedelt ist. Mit ihren Aufnahmen vom Gerüst und in Interviews mit den Verantwortlichen haben die Kameras des Senders spobox.tv das am Sonntag eingefangen. Was vor, während und nach dem Spiel im Allerheiligsten der Dieter-Renz-Halle vor sich ging, blieb ihnen allerdings verborgen. Wir waren in der Kabine der Bundesliga-Volleyballer dabei.

Noch eine gute Stunde bis zum Spiel. Das Schnee-Chaos macht auch vor den Profi-Sportlern nicht Halt. Erst jetzt trudeln die letzten Spieler an der Halle ein. Ihren holländischen Kapitän Joram Maan begrüßt die Mannschaft johlend. Er muss sich beim Umziehen sputen, während andere schon zu Feinstarbeiten übergehen: Libero David Kampa gelt sich vor dem Spiegel die Haare. „Das habe ich ja nicht mehr nötig”, grinst der 28-jährige Maan.

Um Punkt 15 Uhr wird es dann schlagartig ruhig in der Kabine. Als sich der niederländische Trainer Teun Buijs mit Filzstift vor der Taktiktafel aufbaut, ist der Startschuss für 60 Minuten konzentrierte Vorbereitung gefallen.

Die Numner 13 schlägt sehr hart

Buijs hat die Formationen des Gegners auf die Tafel gezeichnet, weist für jede einzelne auf Stärken und Schwächen hin, markiert auffällige Laufwege und erklärt, wo in welcher Situation der Aufschlag zu platzieren ist. „Die Nummer 13 schlägt sehr hart”, warnt er. „Wechselt kurze und tiefe Aufschläge auf ihn ab, um ihn in der Defensive zu binden.” Jean-Merlin N'Ziemi knetet sein Gesicht. Trainer Beuijs redet auf Englisch, um bei der gesamten Mannschaft Gehör zu finden. Der Kameruner N'Ziemi aber, der fast ausschließlich Französisch spricht, versteht nur Wortfetzen. Im Spiel scheint es später, als habe er das Entscheidende verstanden; er macht eine überragende Partie.

Teun Buijs konzentriert sich in seiner Ansprache auf die Taktik. Motivation von außen brauchen die Spieler vor dieser Partie wohl kaum. Im Gegenteil: Beuijs beugt sogar Übermotivation vor. „Lasst uns nicht über Gewinnen oder Verlieren nachdenken, wenn wir gleich rausgehen”, sagt er und redet der Mannschaft, die siebenmal in Folge verloren hat, Mut zu. „Wir haben in den letzten Wochen gut gearbeitet”, fährt er fort. „Wenn es in einer Phase des Spiels mal nicht so gut läuft, seid geduldig. Es wird wiederkommen und uns helfen, das Spiel zu gewinnen.” Die Blicke der Spieler wirken fokussiert. Ferdinand Stebner streicht sich über das Tape an seiner Hand. Trainer Beuijs macht eine kurze Pause. „Let's go out, guys! Let's celebrate this game!”

Jeden Gegner so gut wie möglich kennen

Während die Mannschaft unter einem „RWE”-Schrei in die Halle stürmt, wischt Betreuer Marco Donat die Taktiktafel sauber. Teun Buijs packt seine Tasche zusammen. Neben kleinen Kladden ist auch ein Laptop darin. „Da sind Videos von Spielen des Gegners drauf”, verrät er. „Wir wollen jeden Gegner schon vorher so gut wie möglich kennen”, begründet Buijs. Er verlässt die Kabine als Letzter.

Am Spielfeldrand versinkt Moritz Müller in einem Stuhl. Dem 21-Jährigen hat Buijs unmittelbar vor seiner Ansprache in einem kurzen Vier-Augen-Gespräch mitgeteilt, dass er heute nicht zum Einsatz kommen wird. Doch auch wenn nur zwölf Spieler auf dem Meldebogen erscheinen dürfen, zeigt er, dass er zum Team gehört. Als die Mannschaft in der Pause nach dem zweiten Satz in die Kabine geht, geht er mit. Es steht nach Sätzen 1:1. Den letzten haben die Bottroper denkbar unglücklich verloren. Dementsprechend tief hängt zunächst so mancher Kopf. „Wir haben phasenweise sehr gut gespielt”, versucht Buijs ihn wieder zu heben, ehe er kleine Korrekturen vorgibt. „Die 13 ist sehr schnell. Behaltet ihn im Auge”, mahnt er, während er Jean-Merlin N'Ziemi ansieht. „Let's go, guys!” Wieder folgt ein lautes „RWE”. Einige Spieler kauen im Rausgehen noch auf einer Banane. „Alles gut, Jungs”, ruft der frühere Spielführer Ferdinand Stebner, der bisher noch nicht zum Einsatz gekommen ist. „Wir sehen gut aus, nicht traurig sein!”

Eine gute Stunde später ist das leicht gesagt, aber schwer getan. Nach einer 2:1-Führung haben die Volleys noch mit 2:3 verloren - und nehmen die Rote Laterne des Ligaschlusslichts mit ins neue Jahr. Die Kabine - auch schon mal Ort rauschender Feiern - wird zum Trauerraum. Kein schallendes „RWE” mehr für heute. Die Köpfe bleiben unten.

In unserer Serie, die noch bis Heiligabend, 24. Dezember, läuft, öffnen wir Ihnen Türen, hinter die die Öffentlichkeit in der Regel nicht schaut. So werfen wir heute einen Blick darauf, was am Wochenende vor, während und nach dem Spiel der Volleyballer im Allerheiligsten der Dieter-Renz-Halle, in der Umkleidekabine, vor sich ging.

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