Gesundheit

Die Belastung für Kinderärzte steigt

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Bottrop.   Berufsverband warnt vor Versorgungsengpass. So dramatisch sehen Ärzte vor Ort die Lage nicht. Allerdings nimmt mancher nur noch Neugeborene auf.

Vor einem Versorgungsengpass in den Kinderarztpraxen hat der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte gewarnt. Als Gründe werden unter anderem gestiegene Patientenzahlen und höhere Anforderungen an die Mediziner genannt. Sind die Praxen überlastet? Fachärzte vor Ort schätzen die Lage unterschiedlich ein.

Das Wort Überlastung nimmt Dr. Sebastian Huesmann nicht in den Mund, aber er sagt: „Es ist mitunter sehr viel zu tun.“ Die Kinder würden noch gut versorgt. Teils sei das aber mit sehr langen Wartezeiten verbunden. „Mit Beginn der Migrationswelle vor zwei Jahren ist die Arbeit mitunter ein bisschen mehr geworden.“ Das spiegelt sich auch in der Aufnahme neuer Patienten wieder. Zwar gibt es keinen generellen Aufnahmestopp. „Aber wir nehmen nur noch Neugeborene auf – leider“, sagt Dr. Huesmann. Wechsler, die von anderen Ärzten kommen, haben derzeit keine Chance.

Zusätzliche Aufgaben für die Kinderärzte

„Die Zeit ist eben begrenzt“, so der Facharzt, der auch von zusätzlichen Aufgaben für die Mediziner berichtet. „Zum Beispiel wurden im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen zum Teil zusätzliche Aufgaben angesetzt wie die Augenhintergrundspiegelung zwischen U2 und U7.“ Mehr Zeit fordere heutzutage auch die Dokumentation.

Wenn Dr. Siegfried Felix und Dr. Annette Fuchs auf ihre gemeinsame Praxis, ihre persönliche Einstellung und ihre Abläufe schauen, kommen sie zu einem etwas anderen Ergebnis. Zwar sei die Gesamtpatientenzahl gestiegen, weil auch die Geburtenrate wieder angestiegen sei. „Diese Erhöhung ist aber nicht relevant, um von einer ,Belastung’ zu sprechen.“ Zusätzliche Aufgaben in der Kinder- und Jugendarztpraxis gebe es eigentlich nicht, so die beiden Ärzte. „Eine Überlastung können wir in keiner Weise erkennen.“ Natürlich gebe es bei Terminvereinbarungen bisweilen Diskrepanzen in der Vorstellung von Dringlichkeit. „Diese Diskussion wäre an anderer Stelle zu führen. Nur soviel: In Notfallsituationen bekommt jeder Patient einen Termin.“ Bei Vorsorgeuntersuchungen – hier seien einige zusätzliche, teils freiwillige Untersuchungen hinzu gekommen – sei die Terminvergabe von der Verfügbarkeit des Personals abhängig, so könnten nicht in jedem Fall Wunschtermine ermöglicht werden.

Statistisch gesehen kein Mangel in Bottrop

Rein statistisch gesehen gibt es keinen Kinderärztemangel. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) versorgen sieben Kinderärzte 18 110 Kinder und Jugendliche in der Stadt. Das entspreche laut aktueller Bedarfsplanung einem Versorgungsgrad von 136,3 Prozent. „Statistisch betrachtet ist Bottrop also mit Kinderärzten überversorgt“, sagt Jens Flintrop, Pressesprecher der KVWL.

Doch er ergänzt: „Zu beachten ist allerdings, dass das Arbeitspensum der Kinderärzte wegen einer gestiegenen Behandlungsbedürftigkeit der Kinder- und Jugendlichen – beispielsweise durch zunehmende ADHS-Erkrankungen, Mobbing und psychischen Problemen – in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat.“

Zahl der Vorsorgeuntersuchungen gestiegen

Auch die empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen und Screenings für Kinder seien im Laufe der Jahre mehr geworden, was für den Arzt eine deutliche Mehrarbeit bedeutet, bestätigt Flintrop. „Für das kommende Jahr ist deshalb eine allgemeine Reform der Bedarfsplanung vorgesehen, um den aktuellen Entwicklungen in der ambulanten Versorgung Rechnung zu tragen.“

„Es ist sicherlich kritisch mit sieben Kinderärzten in Bottrop“, ist die Einschätzung von Dr. Sebastian Huesmann. Ob ein Arzt mehr eine spürbare Entlastung bringe, bleibe abzuwarten.

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