Suppenküche

Bottroper Suppenküche Kolüsch erwartet Ansturm ab Januar

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Sozialarbeiterin Michaela Bosy (2.v.l.) und die ehrenamtlichen Helfer von Kolüsch servieren zurzeit mindestens 80 Portionen pro Ausgabetag.

Sozialarbeiterin Michaela Bosy (2.v.l.) und die ehrenamtlichen Helfer von Kolüsch servieren zurzeit mindestens 80 Portionen pro Ausgabetag.

Foto: Oliver Müller / FUNKE Foto Services

Bottrop.  Bottrops Suppenküche Kolüsch verteilt an Ausgabetagen 80 Mahlzeiten. Sie hilft Menschen wie Toni*, der erst Frau, dann Job und Geld verliert.

Der Magen ist leer, das Barbaraheim im Stadtteil Lehmkuhle deshalb voll. Diesmal gibt es Cevapcici mit Zaziki, Reis und Erbsen. Auch im 30. Jahr ihrer Gründung ist die Suppenküche „Kolüsch“ ein wichtiger Treffpunkt für Menschen, die auf der Straße leben. Oder ältere Menschen, die ein Leben lang malocht und doch fast nichts für ihren Lebensabend haben.

Und es gibt Menschen wie Toni. Seinen gebürtigen Namen will er nicht nennen. Aber seine Geschichte zeigt, wie plötzlich und unbarmherzig das Schicksal zuschlagen kann. Toni lässt sich von seiner Ehefrau scheiden. So weit, so gut. So etwas kommt in den besten Familien vor. Beide haben ein Kind zusammen. Aus der gemeinsamen Wohnung zieht er aus.

Bottroper Schicksal: Mann verliert Frau, Job, Geld

Dann gerät sein Leben komplett aus den Fugen. Er treibt sich herum, zieht in Hotels, verliert seinen Job. Sein Vater stirbt, seine Mutter wird schwer krank. Er greift zu oft zur Flasche, der Alkohol wird sein bester Freund. Das Geld wird knapp. Die Ersparnisse sind aufgebraucht. In der Folge verkauft er immer mehr sein Hab und Gut. Er zieht die Reißleine und lässt sich in eine psychiatrische Klinik einweisen.

Dann erfährt er, dass es die Evangelische Sozialberatung (ESB) gibt. Die Probleme sind ihm über den Kopf gewachsen. Inzwischen ist er auf dem Weg der Besserung, er hat wieder eine eigene Wohnung. Michaela Bosy, Diplom-Sozialarbeiterin bei der ESB, begrüßt ihn im Barbaraheim. Sie und ihr Team helfen ihm, das Leben beziehungsweise die „Baustellen“, wie sie es nennt, zu ordnen. „Ohne die ESB hätte ich es nicht geschafft“, sagt Toni.

Er ist einer von 80 Gästen, die das „Restaurant der Herzen“ täglich aufsuchen. Die laufende Saison ist so etwas wie ein kleiner Neuanfang. Zwei Corona-Jahre hintereinander mussten die Gäste ihr Essen mitnehmen und woanders essen. Nun dürfen sie wieder Platz nehmen und bekommen ihr Essen von ehrenamtlichen Mitarbeitern an den Tischen serviert. Am 13. Dezember, dem Tag der Öffnung, habe es einen Riesenandrang gegeben, erinnert sich Michaela Bosy.

Wenn die Sozialarbeiterin exakt nachzählen würde, wären es sehr wahrscheinlich täglich eher um die 100 Gäste. Mit dem Höhepunkt an Gästen für dieses Jahr rechnet sie an diesem Freitag, dem letzten Tag vor der Schließung bis zum 2. Januar. Am 23. Dezember verteilt der Bottroper Verein Ambotioniert wieder Weihnachtsgeschenke, eingebettet ist das Ganze in eine kleine Weihnachtsfeier.

Was ab Januar auf Kolüsch zukommen wird, sei laut Bosy schwer abzuschätzen. In der Vergangenheit sei die Gästezahl ab Mitte eines Monats gestiegen. „Dann wird bei den Gästen das Geld knapp“, sagt sie. Die Männer und Frauen, die Kolüsch aufsuchen, sind auf soziale Leistungen angewiesen oder erhalten nur eine kleine Rente. 449 Euro beträgt der Regelsatz zur Grundsicherung für einen alleinstehenden, erwachsenen Hilfsbedürftigen. „449 Euro sind beschämend“, meint Michaela Bosy. Von der Summe muss der Betroffene nämlich auch unter anderem den Strom bezahlen. Ab 2023 wird das Arbeitslosengeld II (Hartz IV) durch das neue Bürgergeld ersetzt, die 449 Euro auf 502 Euro erhöht.

ESB: „Wir gehen davon aus, dass wir Ende Januar mehr Essen ausgeben werden“

Für die Betroffenen trotzdem nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn man die Nachrichten verfolgt. Die Sozialarbeiterin hofft für die Gäste des „Restaurants der Herzen“, dass im Januar das Schlimmste ausbleibt, wenn die Energieversorger ihre Rechnungen verschicken. „Wir gehen davon aus, dass wir Ende Januar mehr Essen ausgeben werden.“ Hinzu kommen die gestiegenen Preise für Lebensmittel. Es sei traurig, dass Menschen, die viele Jahre in ihrem Leben gearbeitet haben, trotzdem zu Kolüsch kommen müssen. Bosy: „Vor einem Jahr kostete ein voller Einkaufswagen vielleicht 60 Euro, jetzt kostet derselbe volle Wagen plötzlich 80 bis 100 Euro“.

Den Gästen bei Kolüsch geht es demzufolge nicht anders als denjenigen, die etwas mehr Geld im Portemonnaie haben. Bosy meint: „Diese Krise bekommen wir nur hin, wenn alle unterschiedlichen Akteure an einem Strang ziehen.“ In dem Zusammenhang lobt sie die Solidarität, das finanzielle Engagement und den Zusammenhalt in Bottrop, die der ESB mit „Kolüsch“ Jahr für Jahr erlebt.

Denn seit der Gründung sei es nicht nur ein Ort, wo warme Speisen serviert werden. Hier erleben die Gäste menschliche Wärme und Geselligkeit. Die Gäste können ihrem Alltag entfliehen. Man lacht, blödelt miteinander. „Man kommt mit ihnen leichter ins Gespräch, als bei der Beratung in einem Büro“, sagt die Sozialarbeiterin.

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