Café Courage

Bottroper Frauen schreiben ihre eigenen Geschichten auf

Dilara Baker, Perwin Mamo, Margret Kemper (Courage), Roukhash Kasem, Hanan Khatib, Kevser Ibrahim und Irmelin Sansen (Café Courage) (v.l.) stellen die Sonderausgabe Frauen der nid-Zeitung vor.

Dilara Baker, Perwin Mamo, Margret Kemper (Courage), Roukhash Kasem, Hanan Khatib, Kevser Ibrahim und Irmelin Sansen (Café Courage) (v.l.) stellen die Sonderausgabe Frauen der nid-Zeitung vor.

Foto: Michael Korte

Bottrop.   Die geflüchteten Frauen treffen sich regelmäßig im Café Courage. Nun erzählen sie in der Zeitung „Neu in Deutschland“ über ihr Leben.

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Es ist eine muntere Frauen-Runde, die da rund um den Tisch sitzt im Café Courage, dem Internationalen Treffpunkt des Bottroper Frauenzentrums Courage an der Otto-Joschko-Straße. Die Jüngsten sind erst elf und 13 und können an diesem Vormittag nur dabei sein, weil gerade Osterferien sind. Es ist die Kreativgruppe, die sich hier trifft, und die Frauen und Mädchen sprechen über das, was sie sich getraut haben: Sie haben über sich und ihr Leben in der nid-Zeitung geschrieben.

Das Redaktionsteam von „Neu in Deutschland“ (nid) in Bochum, der „Zeitung über Flucht, Liebe und das Leben“, hat gerade eine Sonderausgabe Frauen herausgegeben, in der auch die Texte von acht Bottroperinnen veröffentlicht sind. „Ich bin sehr stolz auf meine Frauen und ein wenig auch auf mich“, strahlt Irmelin Sansen. Die Bottroper Künstlerin und Ehrenamtliche betreut im vor drei Jahren eröffneten Café Courage die kreative Gruppe und war diejenige, die die Sache mit nid ins Rollen gebracht hat.

nid-Zeitung erscheint viermal im Jahr

nid hat sich aus einem Deutschkurs heraus entwickelt und wurde 2015 in Bochum gegründet. Erst erschien die Zeitung nur online und in der Muttersprache der Autoren, seit 2016 viermal im Jahr auch gedruckt und auf Deutsch, weil alle inzwischen gut Deutsch können. Irmelin Sansen hat das Redaktionsteam gemeinsam mit Dagmar Kaplan von der Flüchtlingshilfe besucht und für Texte von Bottroper Frauen begeistern können.

Bei ihrer Kreativgruppe musste sie anschließend mehr Überzeugungsarbeit leisten, damit die Frauen sich trauten, ihre Gedanken zu Papier bringen. Bei den jüngste Autorinnen, Dilara (11) und Perwin (13), war es kein Problem, schließlich sind beide Schülerinnen der Willy-Brandt-Gesamtschule es gewöhnt, zu schreiben. Bei den Erwachsenen sieht das schon anders aus.

Wie bei Kevser Ibrahim, die 1988 mit 15 Jahren nach Deutschland kam und hier nie eine Schule besucht hat: „Die deutsche Sprache habe ich bei einem Nähkurs gelernt“, hat die 45-Jährige für nid geschrieben. Ihr größtes Ziel, dass ihre fünf Kinder die Schule besuchen und eine Ausbildung machen können, hat sie erreicht. Heute ist ihr ältester Sohn Arzt, drei haben Berufe erlernt, der Jüngste ist noch in der Schule, berichtet die Mutter stolz.

Eine traurige Geschichte

Einen Grund stolz zu sein, hat auch Hanan Khatib, die seit 2000 in Deutschland ist und seit etwa fünf Jahren als Gruppenhelferin in einem Sportverein arbeitet. Dort hat man ihr vorgeschlagen, selber den Übungsleiterschein zu machen, um Sportgruppen leiten zu können. Den Schein hat sie nun in der Tasche und freut sich riesig über ihren eigenen Mut.

Die Texte in der nid-Zeitung sollen den Lesern neue Perspektiven aufzeigen, aber sie bilden auch ein Stück Leben der Flüchtlinge in Deutschland ab. Bisweilen ein sehr trauriges, wie im Fall einer erst 27 Jahre alten Mutter von vier kleinen Kindern aus Syrien. Sie kam im Rahmen der Familienzusammenführung mit ihren Kindern nach Deutschland, wo bei ihr kurz nach der Geburt ihres vierten Kindes Krebs im vierten Stadium mit Metastasen festgestellt wurde. Sie befindet sich immer noch in Behandlung und hat große Angst, sterben und ihre Kinder zurücklassen zu müssen. Sie schreibt: „In dieser dunklen Zeit, die ich gerade erlebe, trägt mich eine einzige Hoffnung: dass ich diese Krankheit besiegen und weiter leben kann.“

Alles was sie geschrieben hat, steht in einem Brief der todkranken Frau an die deutschen Behörden, in dem die darum bittet, ihre Mutter aus Syrien nach Deutschland holen zu dürfen, damit sie sich um die noch kleinen Kinder kümmern kann. Das wurde abgelehnt.

nid ist 2015 als Hilfsprojekt für Geflüchtete gestartet 

Der Kontakt zwischen Café Courage und der nid-Zeitung soll erhalten bleiben. Anfang des Jahres war das Bochumer Reaktionsteam bereits beim Neujahrsempfang zu Gast im Frauenzentrum, Ende des Monats erwartet die Kreativgruppe die Gäste aus Bochum, um das Erscheinen ihrer Texte in der Sonderausgabe der Zeitung gemeinsam zu feiern. Wie man hört, gibt es auch aus Internationalen Förderklassen des Berufskollegs erste Kontakte zu der Zeitung.

2015 als Hilfsprojekt für Geflüchtete gestartet, hat sich nid zu einem Demokratieprojekt entwickelt, mit dem sich geflüchtete Frauen und Männer in der deutschen Gesellschaft zu Wort melden. „Die Initiative stärkt gesellschaftliche Teilhabe, demokratisches Bewusstsein und somit ein Zusammenleben, das auf die Werte von Freiheit, Mündigkeit und Verantwortung setzt“, schreibt das Redaktionsteam, das aus geflüchteten Frauen und Männern aus Syrien, dem Irak und Armenien besteht. Initiiert wurde das Projekt von der Autorin Dorte Huneke-Nollmann.

Neu in Deutschland wird seit der Gründung durch zahlreiche Institutionen und Sponsoren unterstützt. Hauptförderer ist jetzt das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW. Die Initiative hat für ihre Arbeit bereits mehrere Preise bekommen – darunter 2016 den Deutschen Lesepreis – und war für weitere Preise nominiert.

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