200 Jahre mit der Kohle

Bottroper Caritas kümmerte sich um die Berglehrlinge

Sigrid Hovestadt und Michael Küperkoch graben in der fast 100-jährigen Geschichte des Caritasverbandes in Bottrop und sind dabei auch auf die Berglehrlingsheime gestoßen.

Sigrid Hovestadt und Michael Küperkoch graben in der fast 100-jährigen Geschichte des Caritasverbandes in Bottrop und sind dabei auch auf die Berglehrlingsheime gestoßen.

Foto: Thomas Gödde

Bottrop.   Verband betrieb von Ende der 40-er bis Anfang der 60-er Jahre acht Heime in Bottrop und Gladbeck. Jugendliche kamen damals aus ganz Deutschland.

Die Sitten waren streng. Aufgenommen werden sollten ins Berglehrlingsheim Kolpinghaus nur katholische Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, um hier wie in einem Kloster zusammenzuleben. Es gab nur Drei- bis Vierbettzimmer, gemeinsame Mahlzeiten, gemeinsame Freizeitgestaltung und die seelsorgerische Betreuung durch einen Priester. Wäre das nicht alles schon im Juli 1947 in einer Hausordnung des Bottroper Caritasverbands niedergeschrieben worden, hätten besorgte Eltern aus dem fernen Bayern ihre Kinder womöglich gar nicht hoch in den Kohlenpott ziehen lassen. „Das Ruhrgebiet galt als verlottert“, schmunzelt Michael Küperkoch, Fachbereichsleiter bei der Caritas.

Gemeinsam mit Sigrid Hovestadt von der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit gräbt er bereits seit drei Jahren tief in der fast 100-jährigen Geschichte des Verbandes. Dabei haben sie so manchen Schatz zu Tage gefördert. Wie die Erinnerung an die acht Berglehrlingsheime, die der Verband 20 Jahre lang ab Ende der 1940-er Jahre in Bottrop und Gladbeck unterhalten hat. Das erste entstand 1948 im Kolpinghaus.

Caritasdirektor ergriff die Initiative

Dr. Werner Pelster, der 1937 Kaplan in St. Cyriakus wurde und später 30 Jahre lang erster Caritasdirektor in Bottrop war, kümmerte sich damals um die „haltlos“ gewordene Jugend und setzte sich stark für die Gründung und Betreuung von Berglehrlingsheimen ein. Das im Krieg zum Teil beschädigte Kolpinghaus wurde von der Rheinstahl-Bergbau AG renoviert. Mit 15 Lehrlingen begann der Heimbetrieb, später lebten hier 45 Jungen. 4,85 DM betrug der Pflegesatz täglich. Weil die Berglehrlinge gut verdienten, mussten sie sich mit 2,85 DM an den Kosten beteiligen. Die Zeche gab einen Zuschuss von 1,90 DM täglich, plus 20 Pfennige für das Waschen und Instandsetzen „der Leibwäsche“.

1949 entstand in Bottrop-Ebel ein Neubergleute-Heim für 160 Personen. Es bestand aus sechs Siedlungshäusern und einigen Nissenhütten. Später entstand das Morian-Haus, das immer noch steht und von der RAG genutzt wird.

Die Zechen liefen nach dem Krieg auf Hochtouren und suchten händeringend Nachwuchs. „So wurde erstmals der Bergmannsberuf ein Lehrberuf, durch die Arbeitsämter wurden Lehrlinge geworben“, heißt es im Archiv der Caritas. Nach dem Krieg waren Jugendliche in vielen Teilen Deutschlands ohne Lehrstelle – im Ruhrgebiet gab’s Arbeit auf dem Pütt.

Erziehung in „caritativem Geist“

Damit Eltern ihre Söhne, die nach der Volksschule gerade mal 14 Jahre waren, überhaupt ziehen ließen, musste geworben werden. Die Caritas versprach, „die Erziehungs- und Betreuungsarbeit des Elternhauses in caritativem Geist fortzusetzen“. So sollte Eltern der Pütt und das Pestalozzidorf Gladbeck schmackhaft gemacht werden, dessen Träger ebenfalls die Caritas Bottrop war. „Es kamen Jungen aus Bayern, der Eifel, aus Niedersachsen usw. nach Bottrop.“

„Sie kamen teilweise in Lederhose und Strickstrümpfen hier an“, hat Sigrid Hovestadt bei den Recherchen in Erfahrung gebracht. „Sie wurden dann erstmal bei Althoff, später Karstadt, neu eingekleidet.“ Die Hirschhornmesser, die viele mitbrachten, wurden einkassiert, so bald sich die Jungs zu sehr im Messerwerfen an den Schranktüren versucht hatten.

In manchen Heimen lebten die Jugendlichen familienähnlich mit einem Bergmann und seiner Frau zusammen, überall gab es Freizeitangebote. Man hat an Radios gebastelt, Musik und Sport gemacht, gespielt, fotografiert, gewerkelt. Sonntags ging man in die Kirche und führte zu Weihnachten ein Krippenspiel auf. Wobei es die Jungs mit dem Kirchbesuch nicht immer so genau nahmen. Oft haben sie sich lieber zum Kickern in die nächste Kneipe verdrückt. So jedenfalls haben sich einige später erinnert. Auch gemeinsame Urlaubsreisen standen an und Tanzkurse.

Erster Gebetsraum bei der Caritas

Anfang der 1960-er Jahre endete die Ära der Berglehrlingsheime, weil es kaum noch Nachwuchs gab. Die Heime wurden mit ausländischen Arbeitskräften belegt. Zuerst kamen Gastarbeiter aus Italien. Sie bekamen Küchen im Keller, weil ihnen das deutsche Essen nicht schmeckte, erzählt Michael Küperkoch. Später zogen Türken ein, man stellte sich bei der Caritas auf Speisen ohne Schweinefleisch ein und richtete Gebetsräume ein. „Der erste muslimische Gebetsraum in Bottrop, war bei der Caritas“, sagt er.

Nach und nach trennte sich die Caritas von ihren Heimen. Drei der Gebäude waren Eigentum; das Knappenheim St. Barbara am Ehrenplatz wurde 1964 an das Bistum verkauft, so wie vorher schon das Georgheim. Das Gebäude am Ehrenplatz steht noch und ist Teil des Seniorenheims in privater Trägerschaft am Ehrenpark.

Im Stöckerheim gehörte Familienanschluss dazu

„Ich war noch klein, ich musste direkt mit Mutter mit“, erinnert sich der Bottroper Dirk Helmke an das Jahr 1954. Er war fünf, als die Familie von Bad Salzuflen nach Bottrop zog. Die beiden älteren Geschwister kamen später nach, sie sollten erst noch das Schuljahr beenden.

Der Umzug vom Erholungsbad in den Pott war eine große Umstellung für die Familie, die zudem plötzlich Großfamilie wurde. Denn Vater Wilhelm Helmke wurde nach einer Umschulung Leiter des Stöckerheims in Bottrop, Familienanschluss inbegriffen. Mutter Erna war Hausmutter, hatte das Sagen in Küche und Hauswirtschaft. Die Familie wohnte über dem Heim.

Das Berglehrlingsheim der evangelischen Kirche wurde Ende 1955 eröffnet. Untergebracht war es im Gemeindehaus an der Osterfelder Straße, das im Krieg schwer beschädigt und anschließend von Rheinstahl wieder aufgebaut worden war. 42 Jungen zwischen 14 und 17 Jahren lebten hier, während sie ihre Lehre machten. „Die meisten kamen aus den Zonenrandgebieten“, erinnert sich Dirk Helmke.

Familienleben fand im Heim statt

Für ihn war es eine lustige Zeit inmitten der vielen älteren Jungs. Er habe viel gelernt von ihnen: „Skat und Doppelkopf konnte ich schon mit sieben“, schmunzelt er und seine Geschäftstüchtigkeit hat er an ihnen erprobt, indem er sich kleine Botendienste mit Groschen bezahlen ließ.

Das Familienleben der Helmkes fand meist im Heim mit allen statt. Man aß gemeinsam im Speisesaal. Gekocht wurde in der Küche auf einem riesigen Kohleofen. Es gab gemeinsame Urlaubsfahrten im Bus zum Chiemsee und nach Italien und gemeinsame Freizeitgestaltung. Man machte Hausmusik und feierte Heiligabend zusammen mit den Lehrlingen, die über Weihnachten nicht nach Hause konnten.

„Mein Alter hatte einen guten Draht zu den Jugendlichen“, erzählt Dirk Helmke. Besonders wichtig sei ihm ihre Schulbildung gewesen. Viele der Jungen hätten auf sein Betreiben hin die Abendschule besucht und einen höheren Schulabschluss nachgeholt.

Tochter heiratete einen Berglehrling

1963 endete die Zeit des Stöckerheims an der Osterfelder Straße. Die Bewohner zogen um ins Bodelschwingheim an der Siemens-/Ecke Beckstraße. Wilhelm Helmke war hier nur noch kurz Heimleiter. Es gab kaum noch Berglehrlinge, stattdessen zogen Gastarbeiter ein, Heimeltern wurden nicht mehr gebraucht. Wilhelm Helmke und seine Frau gingen nach Burscheid, wo er bis zum Ruhestand Leiter eines Internats war.

Danach zog das Paar nach Kassel in die Nähe ihrer Tochter. Wilhelm Helmke starb 1990 mit 75 Jahren. Erna Helmke 2014 mit 100 Jahren. Tochter Karin ist übrigens mit Ulrich Meyer verheiratet – einem früheren Berglehrling. Kennengelernt hatten sie sich in den 50-er Jahren im Stöckerheim in Bottrop. Eben ein Heim mit Familienanschluss.

Eltern sorgten sich um ihre Söhne

Händeringend hat man im Ruhrgebiet nach dem Krieg Nachwuchs für den Bergbau gesucht. Die Ausbildung der Zechenarbeiter war gerade geregelt worden. Neben der Vermittlung fachlicher Kenntnisse spielte vor allem die Unfallverhütung eine Rolle.

Drei Jahre dauerte die Lehre, mindestens neun Monate, höchstens zwei Jahre, mussten die Lehrlinge über Tage arbeiten. Dabei spielte ihr Eintrittsalter eine Rolle: Nach unter Tage durften sie erst mit 16. Ausgebildet wurden sie in der Lehrwerkstatt und im Übungsbergwerk, die Theorie büffelten sie in der bergmännischen Berufsschule. Im Lehrrevier auf Prosper III wurden sie in den Untertage-Betrieb eingeführt.

Die Schicht der jungen Bergleute begann morgens um 6 Uhr mit dem Frühsport und endet um 14 Uhr. 18 Tage Urlaub bekamen die Lehrlinge, wenn sie über Tage, 21 wenn sie unter Tage waren. Dazu stand ihnen einmal in ihrer dreijährigen Lehre ein dreiwöchiger Urlaub in einem Erholungsheim im Allgäu zu. Die Berglehrlinge verdienten gut, im ersten Lehrjahr über Tage mit 14 Jahren schon 138 DM im Monat, mit 17 Jahren 219 DM. Als Knappen bekamen sie mit 18 Jahren einen Schichtlohn von 324 DM im Monat.

Karrierewege standen offen

Nach der Knappenprüfung und mindestens einjähriger Praxis konnten die jungen Arbeitskräfte sich in Kursen für die Hauerprüfung weiterbilden. Danach waren sie ausgebildete Bergmänner, eine weitere Spezialisierung und Karriere stand ihnen offen.

Weil der Bedarf so groß war, warb Rheinstahl immer weiter „Neubergleute“ in ganz Deutschland an. 764 – „vorwiegend aus den Westzonen“ waren zeitweise auf Prosper beschäftigt. Untergebracht waren sie in zwei Lagern des Werks und einem Heim der Caritas. Zu der Zeit gab es auch 120 Handwerkslehrlinge bei Rheinstahl, und Arenberg suchte kaufmännische Lehrlinge. Insgesamt 275 wurden dort zwischen 1919 und 1949 eingestellt, die meisten (176) nach 1935. So heißt es in alten Akten des Stadtarchivs. Dabei wurde auch die familiäre Herkunft der Lehrlinge nach 1935 registriert: 134 von ihnen waren Arbeiterkinder, 42 Angestelltenkinder.

Aber: „Gegen den Bergbau haben viele Eltern eine starke Abneigung“, wurde Mitte der 50-er Jahre geklagt, es gab zu wenig Bewerber. Sorge machten den Eltern vor allem die Unfallgefahren und die Staubkrankheiten, die ihren Söhnen hier drohten. Da nutzte es auch nichts, dass die Verantwortlichen versicherten, beides sei „durch Technik und Medizin fast überwunden“ und es werde alles getan, um Unfälle zu verhüten. Schließlich gebe es nach 80 Prozent der Unfälle nur eine „Feierzeit“ von vier bis 14 Tagen.

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