Coronavirus

Bottrop: Gastronomen wollen öffnen - Angst vor Pleitewelle

Coronakrise belastet Gastronomie: Protest mit leeren Stühlen

Gastronomen machen mit leeren Stühlen auf ihre Notsituation aufmerksam. Restaurants müssen wegen der Coronapandemie weiterhin geschlossen bleiben.

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Bottrop.  Bottroper Wirte beteiligen sich an der Protestaktion „Leere Stühle“. Länger als Mai dürfen Schließungen nicht dauern. Sonst droht Pleitewelle.

Die prächtig gedeckte Tafel vor Berger täuscht. Nein, das Restaurant bleibt wie allen anderen vorerst noch geschlossen. Mit der Dekoration auf der Schlossgasse signalisieren Inhaber Stefan Bertelwick, Tina Große-Wilde (Hotel Große-Wilde), Thorsten Stöcker (Bahnhof Nord) und Ronny Anson (Lokschuppen) stellvertretend für die Gastronomen der Stadt: Wir sind noch da und wir wollen sobald wie möglich auch wieder für unsere Kunden da sein.

„Leere Stühle“ stehen für eine dramatische Situation

Damit sind auch die Bottroper Teil der deutschlandweiten Aktion „Leere Stühle“, denn Corona hat auch ihnen sprichwörtlich den Stuhl vor die Tür gesetzt, Arbeiten derzeit nicht möglich. Zwischendurch winken vorbeifahrende Radler, einzelne Fußgänger blicken sehnsüchtig auf den schönen Tisch, die frischen Erdbeeren („Kommen von hier, vom Umberg“, so der Chef) und den Roséwein im Kühler. Der bleibt Staffage, denn zum Anstoßen ist keinem zumute.

Die Signale für eine Steuersenkung- und vor allem auch die rasche finanzielle Unterstützung, aus Berlin wie Düsseldorf, haben sie positiv gestimmt. „Vielleicht endet ja bald auch der steuerpolitische Eiertanz und es kommt eine einheitliche Besteuerung für alles, was mit dem Grundbedürfnis Nahrungsaufnahme zu tun hat“, sagt Stefan Bertelwick. Vor allem aber wollen auch Bottrops Gastronomen wissen, wann und zu welchen Bedingungen sie wieder öffnen dürfen. „Denn was nützt ein niedrigerer Steuersatz, wenn wir keinen Umsatz machen können“, so Bertelwick weiter. Und Thorsten Stöcker gibt unumwunden zu: „Einen Monat halten wir vielleicht noch durch, aber dann müssen wir wirklich um unsere Existent, den Fortbestand fürchten, trotz Verbesserungen bei der Kurzarbeit und den Soforthilfen, die tatsächlich fast sofort da waren, das hätte ich von der Regierung nie gedacht, Hut ab.“

Branche gehört bei Hygiene zur den Vorreitern

Bürgermeisterin Monika Budke (CDU) blickt auf die leeren Stühle. „Ich kann die Nöte nachvollziehen und auch die Stadt will unterstützen, wo es geht, aber die Gesundheit steht weiter an erster Stelle und das bisher durch die Maßnahmen Erreichte will niemand aufs Spiel setzen.“ Da stimmen auch die Wirte zu. Aber die Entscheidungen zur Öffnung der Betriebe und den damit verbundenen Regeln werden ja auf Bundes- und Landesebene getroffen.

Etwas Unmut kommt da doch auf. „Gerade bei der Hygiene ist unsere Branche doch Vorreiter, geschult, zertifiziert“, so Thorsten Stöcker. Wenn große Geschäfte, demnächst Frisöre, die ja wirklich ganz nah am Kunden sind, öffneten, müsse dies doch wohl auch in der Gastronomie möglich sein. Ansonsten sei das Szenario einer Insolvenzwelle von 30 Prozent der Betriebe eher realistisch, sagt auch Tina Große-Wilde. als Inhaberin des gleichnamigen Hotels und Restaurant auf dem Eigen, musste sie auch bereits die Soforthilfe in Anspruch nehmen, hat Kurzarbeit in ihrem Betrieb und die geringfügig Beschäftigten, wie alle in der Branche, erstmal nach - Hause geschickt. Als Mitglied im Dehoga-Präsidium Westfalen, dem Hotel- und Gaststättenverband, fordert auch sie einen klaren Fahrplan zur Lockerung bei den betrieben und ein sofortiges Rettungspaket für Gastronomie und Hotellerie. „Wir sprechen immerhin über mehr als 50.000 Betriebe mit 400.000 Beschäftigten und etwa 10.000 Auszubildenden allein in NRW. Wenn das nicht systemrelevant ist, was dann?“, fragt Große-Wilde.

Ein klarer Fahrplan für Lockerung fehlt bislang

Die bisherigen Maßnahmen und auch den Neuansatz in der Besteuerung sieht sie durchaus positiv für ihre Branche: Die Tür wurde etwas aufgestoßen, jetzt müsse man in dieser Richtung weiterarbeiten. „Das geht aber nur, wenn wir auch arbeiten können“, sagt Ronny Anson. Mit dem Lokschuppen lebt er zu 100 Prozent von Veranstaltungen. „Also jetzt 100 Prozent Ausfall, einen Außer-Haus-Verkauf können wir nicht anbieten.“ Aber der sei eher eine Beschäftigungstherapie, sagt Stefan Bertelwick. „Wir zeigen, dass wir noch da sind und die Gäste freuen sich und zeigen das ihrerseits.“

Auf einmal geht ein Raunen durch die Gruppe. Thorsten Stöcker hat eine Mail bekommen - von der Stadt. „Die haben mir gerade einen Standesamtstermin für die Mühle in der Innenstadt bestätigt“, so der Betreiber dieses außerordentlichen Trauungsorts. Gespanntes Schweigen. „Für den 31. Juli.“ Ob der kühle Rosé doch nicht nur Tischdeko ist? Um Korken knallen zu lassen, ist dieser Termin dann doch zu lange hin.

Die Aktion - Die Forderungen

Mit der Aktion „Leere Stühle“ machen Gastronomen deutschlandweit auf ihre existenzbedrohende Lage aufmerksam. Begonnen hat die Aktion vor einer Woche in Dresden.

Die wichtigsten Forderungen auch der Bottroper Restaurantbetreiber sind ein schnelles Rettungspaket für Gastronomie und Hotellerie und ein klarer, zeitnaher Fahrplan für Lockerung der coronabedingten Betriebsschließungen. Info: dehoga-westfalen.de

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