Prozessauftakt

Apotheker-Prozess: Verzögerung nach Diskussion über Schöffen

Der Bottroper Apotheker Peter Stadtmann steht ab Montag vor Gericht.

Der Bottroper Apotheker Peter Stadtmann steht ab Montag vor Gericht.

Essen/Bottrop.  Der Prozess gegen den Apotheker Peter Stadtmann ist am Montag vor dem Landgericht Essen gestartet. Mutmaßliche Opfer sprechen von "Massenmord".

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Zum Auftakt des Prozesses gegen den Bottroper Apotheker Peter Stadtmann fordern mutmaßliche Opfer des 47-Jährigen, das Verfahren als „Massenmord“ an das für Tötungsdelikte zuständige Schwurgericht in Essen abzugeben.

Denn anders als die Anklage, die lediglich von gefährlicher Körperverletzung ausgehe, sei dem Apotheker sehr wohl „ein Tötungsvorsatz nachzuweisen“, begründete am Montag der Marler Rechtsanwalt Siegmund Benecken, der eine der Nebenklägerinnen vertritt. Ausdrücklich sagte er, dass er diesen Antrag auch im Namen weiterer Opfer stelle.

Bevor Benecken seinen Antrag weiter begründen konnte, stoppte Richter Johannes Hidding ihn, nachdem Verteidiger Peter Strüwe den Zeitpunkt des Antrags rügte. Währenddessen saß Apotheker Stadtmann recht teilnahmslos neben seinen vier Verteidigern. Im dunklen Sakko mit schwarzem Rollkragenpullover wirkte er fast wie ein fünfter Verteidiger. Nicht wie ein Mann, dem vorgeworfen wird, mit dem Leben seiner an Krebs erkrankten Kunden gespielt zu haben.

Stadtmann hat laut Anklage individuelle Krebsmedikamente (Chemotherapien) mit zu wenig oder gar keinen Wirkstoffen ausgestattet. Damit habe er sich eine Einkommensquelle sichern wollen, umschreibt Staatsanwalt Rudolf Jakubowski das mögliche Motiv in seiner Anklage.

Rechtlich umreißt er die vorgeworfenen Taten als Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz, als Betrug zu Lasten der Krankenkassen mit einem Schaden von 56 Millionen Euro und als versuchte Körperverletzung. Als Tötungsdelikt hatte die Staatsanwaltschaft die Taten nicht bewerten wollen, weil die Wirkung der Medikamente nicht eindeutig festzustellen sei.

Gepanschte Krebsmedikamente: Äußert sich der Bottroper Apotheker zum Prozessauftakt?

Ob sich der der 47 Jahre alte Angeklagte zum Prozessauftakt äußert, bleibt weiter offen. Viele Betroffene warten auf seine Erklärung. Doch Anträge der Nebenklage, also der Opfer, verzögern den Prozess. Einer der Anwälte, Khubaib-Ali Mohammed aus Berlin, sieht ein Problem darin, dass einer der Schöffen in Bottrop selbst eine Apotheke geleitet hat.

Deshalb könne der Schöffe als Mitglied des Gerichtes nicht unbefangen über den Fall seines Berufskollegen urteilen, mutmaßte er im Namen seiner Mandantin. Das liege auch an der Struktur Bottrops. Denn seine Mandantin habe ihm gesagt, dort sei „alles ein Sumpf“. Hinzu komme, dass der Schöffe die Eltern des Angeklagten, selbst Apotheker, persönlich kenne.

Dass die Kammer dem Antrag nachkommt und den Schöffen austauscht, ist aber nicht sehr wahrscheinlich. Denn sie selbst hatte den Prozessbeteiligten vor einiger Zeit mitgeteilt, dass der Schöffe in Bottrop und zuletzt in Duisburg eine Apotheke besessen habe. Mittlerweile ist er im Ruhestand. Einen Grund zur Befangenheit sahen weder der Schöffe noch die übrigen Richter der Kammer.

Weil sich die Beratungen bis in den Nachmittag hinziehen, könnte es zu einer Erklärung des Apothekers erst am frühen Montagabendabend kommen.

Interesse an dem Prozess ist groß: Vor dem Gebäude haben sich zahlreiche Medien, Bottroper und Betroffene versammelt.

Zu ihnen gehören auch die "Onko Mädels", eine Gruppe von Betroffenen. Fünf von ihnen sind inzwischen ihrem Krebsleiden erlegen. Welchen Einfluss die Behandlung mit den gepanschten Medikamenten auf die Entwicklung ihrer Krankheit hatte, ist noch unklar.

Prozess gegen Bottroper Apotheker: Angeklagter wurde in JVA Wuppertal verlegt

Vor laufenden Kameras fordert die Gruppe das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Bottrop dazu auf, einen Täter-Opfer-Ausgleich voranzutreiben.

19 Nebenkläger haben im Gerichtssaal Platz genommen. Sie tragen alle eine weiße Rose bei sich.

Peter Stadtmann wurde noch vor dem Prozessauftakt vom Essener Gefängnis in die JVA Wuppertal verlegt. Offenbar gab es Hinweise darauf, dass der Apotheker Repressionen zu befürchten hatte. (mit dpa)

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