Nachruf

Wolfgang Welt ist tot - Abschied von einem sperrigen Original

Wolfgang Welt bei der Arbeit: Fotograf Max Brunnert porträtierte den Bochumer Literaten zu später Stunde an der Pforte des Schauspielhauses für das aktuelle Spielzeitheft.

Wolfgang Welt bei der Arbeit: Fotograf Max Brunnert porträtierte den Bochumer Literaten zu später Stunde an der Pforte des Schauspielhauses für das aktuelle Spielzeitheft.

Foto: Max Brunnert

Bochum.   Ob gefeierter Literat, sturer DJ oder Nachtpförtner: Zum Tod von Wolfgang Welt erinnern sich Weggefährten an einen stillen Menschen mit viel Humor.

Die Bochumer Literaturszene verliert ihre markanteste Stimme: Wolfgang Welt ist am Sonntag nach langer schwerer Krankheit gestorben. Dies teilt sein langjähriger Weggefährte, der Autor Rainer Küster, im Namen von Welts Familie mit. Welt wurde 63 Jahre alt.

Eigentlich müsste dieser Text bei Nacht geschrieben werden, so denkt man unwillkürlich beim Schreiben dieser Zeilen, denn die Nacht war Welts Freund. Punkt 23 Uhr, das hieß für ihn: Dienstbeginn am Schauspielhaus.

24 Jahre lang verbrachte Welt die Nächte als Pförtner an der Königsallee. „Er machte dann seinen Rundgang und setzte sich schließlich bis zum nächsten Morgen an die Pforte“, erinnert sich Chefdramaturg Olaf Kröck. Immer dabei: ein Buch. Das Fernsehen habe er nie angestellt, dafür habe Welt ausgiebig Radio gehört. Sein Lieblingsprogramm: WDR 4 – Musik zum Träumen. „Das muss man sich mal vorstellen“, sagt Kröck, „einer der größten Popkritiker des Ruhrgebiets hörte nachts sanfte Schlagermusik.“

Der Mythos wird bleiben

Ob er die einsamen Nächte ganz allein im Theater dazu nutzte, seine Texte zu schreiben, dazu habe sich Welt nie klar geäußert. „Das wird ein Teil des Mythos’ bleiben, der sich um ihn rankt“, meint Olaf Kröck. Peter Zontkowski, ein Freund aus Jugendtagen, denkt schon, dass Welt die Einsamkeit für seine kreative Arbeit nutzte. „Wolfgang hatte ewig lang eine Schreibmaschine, bis ihm dann endlich jemand einen Laptop kaufte.“

Peter Zontkowski kennt Welt aus einer Zeit, in der die legendäre Disco „Zwischenfall“ in Langendreer noch „Apple“ hieß. In den frühen 80er Jahren war das. „Wolfgang arbeitete als Plattenverkäufer in der Innenstadt und war über alle musikalischen Trends total auf dem Laufenden.“ Als DJ legte Welt nachts die heißen Scheiben auf, die er tagsüber verkaufte, wobei er Modetrends wie die Neue Deutsche Welle konsequent ignorierte. „Die Wünsche der Leute waren ihm komplett egal. Wolfgang war ein waghalsiger DJ. Statt Deutschrock spielte er lieber Punk, New Wave oder 50er-Jahre-Schlager.“

Freundschaft mit Peter Handke

Literarische Erfolge weit übers Ruhrgebiet hinaus feierte er mit seiner Trilogie „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“, die schließlich sogar vom renommierten Berliner Suhrkamp-Verlag vertrieben wurde – für Wolfgang Welt ein später Ritterschlag. Zu seiner Textsammlung „Ich schrieb mich verrückt“ steuerte Peter Handke das Vorwort bei. Mit Handke verband Welt eine lange Brieffreundschaft.

Seine Weggefährten erinnern sich an einen stillen, dennoch nicht unkomplizierten Menschen. Als „trockenen Kerl mit viel Witz“ beschreibt ihn Schriftsteller Rainer Küster „Er war ein Original mit Herz und Verstand, der aber nicht leicht zu nehmen war“, meint Peter Zontkowski. „Wolfgang war authentisch im besten Sinne des Wortes“, sagt Norbert Kurtz, langjähriger Leiter des „Zwischenfall“.

Am Schauspielhaus soll zu Ehren von Wolfgang Welt voraussichtlich im Herbst eine Matinee stattfinden. Der genaue Termin ist noch nicht bekannt.

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