Therapie

Wie Selbsthilfegruppen bei Depressionen helfen können

Eine Bochumer Selbhilfegruppe trifft sich wöchentlich, um über ihre Erfahrungen mit Depressionen zu sprechen.

Eine Bochumer Selbhilfegruppe trifft sich wöchentlich, um über ihre Erfahrungen mit Depressionen zu sprechen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Julian Stratenschulte

Bochum.   Menschen mit Depression treffen sich wöchentlich zur Selbsthilfe in Bochum. Der regelmäßige Austausch macht ihr Leben bunter.

Es gibt etwas, worüber sich Steffi kürzlich sehr gefreut hat: Sie ist Bus gefahren, ausgestiegen und hat nicht geweint. In ihrem Umfeld hätte diese Freude niemand nachvollziehen können – in ihrer Selbsthilfegruppe schon. Es gibt auch etwas, was in Franks Umfeld niemand verstehen wollte: Dass er einfach keine Energie zum Aufstehen hatte. Die Gruppenmitglieder wissen, wovon er spricht.

Ob es die geteilte Freude über Vorwärtsschritte ist, oder das Verständnis für Symptome der Depression: „Die Selbsthilfegruppe gibt mir Halt“, sagt Steffi. Jeden Mittwoch trifft sich die Runde, die aus etwa 15 Mitgliedern besteht. „Ein Großteil hat sich in der LWL Klinik kennengelernt“, sagt Gründer Dietmar. „Um nicht nach der Entlassung in ein Loch im Alltag zu fallen“, wie er erklärt. Denn Depressionen, an denen mehr als fünf Prozent der Deutschen leiden, können jederzeit zurückkehren.

Fass läuft irgendwann über

„Wir haben alle das Gleiche, aber jeder anders“, beschreibt Matthias und erklärt weiter: „Es gibt nicht DIE Depression.“ Bei Bernd, der seine schwerkranke Frau bis zu ihrem Tod pflegte, äußerte sich die Depression durch eine Grundtraurigkeit und das Gefühl der Perspektivlosigkeit. Steffi hat viel geweint, aber außerhalb der Wohnungstür eine lachende Maske aufgesetzt. „Ich hatte auch Konzentrationsschwierigkeiten und körperliche Schmerzen“, berichtet sie.

Matthias sagt: „Mein Leben war schwarz, ich hatte keine Gefühle. Nichts hat mehr geklappt.“ Dass er sich total im Kreis drehte, habe er erst gemerkt, als ihn schon Selbstmordabsichten plagten.

Die vielen Gesichter der Depression

Die Depression habe viele Gesichter, hinter jedem aber stecke Leid und sozialer Rückzug. „Mit den Ursachen ist es ähnlich: Stoffwechsel und Traumata spielen ebenso eine Rolle wie Zukunftsangst, Arbeit oder Ernährung“, sagt Dietmar. Oft sei das gestörte Gefühlsleben wie ein Fass, das plötzlich überläuft. „Unten können schwerverdauliche Erfahrungen wie ein Missbrauch liegen, aber zum Überlaufen reicht oft die verlorene Zahnpastatube auf dem Heimweg “, sagt er. „Ich hatte ein Gefühl, das ich nicht beschreiben konnte“, so Dietmar weiter. Viele in der Gruppe nicken.

„Ich muss mich hier nicht erklären. Wir lernen gemeinsam, wie man mit Depressionen leben kann“, betont Bernd. Das passiert in Gesprächen über die vergangene Woche, über Selbstwert oder über schmerzende Sätze wie „Stell dich nicht an, du bist nicht depressiv, sondern hast wohl nur keine Lust zu arbeiten.“

Erste Anlaufstelle Hausarzt

Dazu zählen aber auch Freizeitaktivitäten, Tipps zur Wohnungssuche, Tageslichtlampe und Gedankenübungen. „Ein Geben und Nehmen – Zuhören und Austauschen“, sagt Dietmar. Dennoch sind sich die Mitglieder einig: Die Selbsthilfegruppe ersetzt keine Therapie. „Eine gute erste Anlaufstelle ist immer der Hausarzt“, findet Bernd, kennt aber die Odyssee von Krankheitseinsicht bis Therapeutensuche.

„Dass so viele Menschen depressiv sind, hängt mit dem Gesellschaftszustand zusammen“, sagt Dietmar und appelliert an die Politik, mehr Geld und Personal zu investieren. „Es fehlt an intensiver Aufklärung“, ergänzt Matthias. Es handle sich um eine Krankheit, zu oft müsse man das immer wieder betonen. Steffi sieht diese mittlerweile als Chance: Für echte Freunde, sich selbst anders kennenzulernen und das eigene Leben umzustrukturieren.

>>> Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Psychotherapeutin Stine Jelitto behandelt Menschen mit Depressionen 

Wie läuft eine Psychotherapie bei Menschen mit Depression normalerweise ab?

Stine Jelitto: „Zu Beginn finden Probesitzungen statt, in denen sich Patient und Therapeut gegenseitig ein Bild voneinander machen und gucken können, ob die Chemie passt. Ich arbeite kognitiv-verhaltenstherapeutisch und erstelle mit dem Patienten ein Störungsmodell.

Bei der Depression ist die Aktivität häufig ein Problembereich, viele ziehen sich zurück und machen nicht mehr die Dinge, die früher hilfreich waren. Später arbeitet man auch kognitiv – beleuchtet also, wie ein Mensch sich selbst und die Welt sieht und bewertet.“

Warum können Selbsthilfegruppen keine Therapie ersetzen?

„Therapie und Selbsthilfegruppen sind vom Wesen grundlegend anders. Bei den Selbsthilfegruppen wechselt der Teilnehmer zwischen Hilfeempfänger- und Helferrolle. Auch wenn der Wissensstand in den Gruppen meist sehr hoch ist, hat ein professioneller Behandler einen anderen Überblick über die Methoden.“

Empfehlen Sie Ihren Patienten mit Depression Selbsthilfegruppen?

„Ich kläre darüber zumindest auf. Mit gewissen Einschränkungen halte ich Selbsthilfegruppen für sehr sinnvoll. Abhängig von den vorherrschenden Regeln, der Gruppendynamik und der vertretenen Philosophie können sie hilfreich oder weniger hilfreich sein.“

Welche Möglichkeiten bieten sich online?

„Es gibt viele Angebote. Menschen mit psychischen Erkrankungen haben oft eine gewisse Hemmschwelle, in Therapie zu gehen, da der Bereich immer noch sehr stigmatisiert ist. Der Weg ins Internet ist niedrigschwellig, es ist immer jemand verfügbar und man kann anonym bleiben. Auch hier gibt es Vorteile und Risiken.“

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