Reformation

Wie die Nazis in Bochum Martin Luther feierten

Am 27.9.1933 zeigt Reichsbischof Ludwig Müller den Hitlergruß zur Eröffnung der Nationalsynode der Deutschen Evangelischen Kirche in Wittenberg, 

Am 27.9.1933 zeigt Reichsbischof Ludwig Müller den Hitlergruß zur Eröffnung der Nationalsynode der Deutschen Evangelischen Kirche in Wittenberg, 

Foto: Bundesarchiv

Bochum.   1933 gedachten die Nationalsozialisten dem 450. Geburtstag von Martin Luther. Der Theologe Günter Brakelmann erinnert auch an den Widerstand.

500 Jahre Reformation werden in diesem Jahr gefeiert. Es ist nicht das erste „runde“ Jubiläum, das sich an Martin Luther orientiert. 1933 beispielsweise wurde groß Luthers 450. Geburtstag gedacht. Und zwar ganz im Geist der damaligen Zeit.

Die Feierlichkeiten zu Martin Luthers 450. Geburtstag fanden, wie überall im Deutschen Reich, auch in Bochum am 19. November statt. Vorher gab es im Stadttheater eine Lutherfeier der evangelischen Kirchengemeinden, bei der das Stück „Die Nachtigall von Wittenberg“ von August Strindberg unter der Regie von Saladin Schmitt aufgeführt wurde.

SA-Kapellen begleiten den Festumzug

In allen Gemeinden gab es Lutherfeiern. Zum gemeinsamen Fest der Bochumer Synode am 19. November zogen unter Glockengeläut in fünf geschlossenen Zügen 20 000 bis 30 000 evangelische Bochumer unter Begleitung von Posaunenchören, SA-Kapellen und einer Schupokapelle zum Sportplatz auf der Krümmede.

In Sechserreihen (die Reihenfolge: Männer, Frauen, Jugendverbände und Schüler über zwölf Jahren) marschierte man unter flatternden Fahnen des Hakenkreuzes, der alten Reichsflaggen Schwarz-Weiß-Rot und der lila Kirchenfahnen wie mit den Wimpeln und Bannern der evangelischen Jugend und evangelischer Vereine zur großen Lutherzeremonie. Jeder Teilnehmer trug ein Festabzeichen. Dieser Aufmarsch, organisiert von den deutsch-christlichen Pfarrern und ihren evangelischen Parteigenossen, spiegelt die Tatsache wider, dass die Mehrheit der evangelischen Christen 1933 das neue dritte Reich unter Hitler emphatisch begrüßt hat.

Kirchliche Vereine huldigen dem „Volkskanzler“

Die meisten kirchlichen Vereine huldigten dem nationalsozialistischen „Volkskanzler“, die Erinnerung an Luther zum 450. Geburtstag verschmolz mit der aktuellen Dankbarkeit für Hitler. Über Altstadtpfarrer Dr. Siebolds Rede heißt es damals in der Zeitung: „Er lenkte den Blick zu dem uns von Gott geschenkten Führer Adolf Hitler. Das deutsche Volk sei in den letzten Jahren führerlos gewesen und begann sich selbst zu zerfleischen. Und nun erlebte es seine große Stunde, dass durch den Schöpferwillen Gottes es sich besann auf seine Eigenart, seine Sendung in der Welt und seine Kraft aus Geist und Leben, aus Blut und Boden…“

Hitler wurde als Erbe Luthers gefeiert

So und ähnlich ist 1933 auf den meisten Bochumer Kanzeln gepredigt worden. Auf Plakaten war zu lesen: „Luther, der Soldat des Herrn“ und „Christusglaube und deutsche Schicksalsgestaltung“. Schnell verglich man die religiöse Reformation von 1517 mit der politischen nationalen Revolution von 1933.

Hitler wurde von vielen Protestanten als der große Erbe Luthers gefeiert. Man hatte keine Probleme damit, dass in Bochum Sozialdemokraten und Kommunisten eingesperrt wurden und die Juden unter Ausnahmeregelungen gestellt wurden. Die evangelische Jugend nahm an der Bücherverbrennung der Hitlerjugend teil.

Kreuz und Hakenkreuz als Einheit

Gegen die Aufhebung der Grund- und Menschenrechte, gegen die Parteienverbote, gegen den Judenboykott, gegen die Verhaftungen und gegen das Töten von Menschen in Konzentrationslagern hat sich öffentlich auch in Bochum keine Stimme erhoben.

Den dem NS-System nahestehenden „Deutschen Christen“ gehörten in unserer Stadt 1933 die Optik und Akustik. Sie feierten nationale Gottesdienste mit SA-Fahnen um den Altar. Kreuz und Hakenkreuz war für sie in ihrem christlich-germanischen und deutschen Selbstbewusstsein eine Einheit.

Altstadt-Pfarrer entlarven Irrtümer

Doch dies ist nur die eine, wenn auch die zunächst dominierende Seite. Es bildete sich im Laufe des Jahres 1933 auch eine „Bekenntnisfront“, später „Bekennende Kirche“ (BK) genannt, heraus.

In der Bochumer Altstadt waren es zwei Pfarrer, die sich von der nationalreligiösen Stimmung nicht mitreißen ließen: Albert Schmidt und Hans Ehrenberg. Beide verstanden sich als Lutheraner, ordiniert auf die Schriften alten und neuen Testaments und auf die reformatorischen Bekenntnisschriften. Sie hatten schon früh die theologische und kirchenpolitische Unmöglichkeit der Theologie der „Deutschen Christen“ erkannt.

Hans Ehrenberg hatte zusammen mit dem Herner Ludwig Steil ein „Wort und Bekenntnis westfälischer Pastoren zur Stunde der Kirche und des Volkes“ herausgebracht, kurz „Bochumer Pfingstbekenntnis“ genannt. In ihm werden die biblisch-reformatorischen Wahrheiten gegen die deutschvölkischen Irrtümer entfaltet. Es ist das erste große, zeitgenössische Bekenntnis gegen die Verquickung von Kirche und Volk, von Kirche und Staat. Bochum kann damit als eine der frühesten Wiegen der späteren „Bekennenden Kirche“ gelten.

Gestapo verhört Pfarrer nach der Predigt

Während im November 1933 auf dem Platz an der Krümmede der deutschnationale Luther gefeiert wird, sitzt im Gemeindehaus an der Diebergstraße eine kleine Gemeindegruppe, liest und bedenkt Teile des Augsburger Bekenntnisses von 1530.

Im Mittelpunkt steht der Theologe Martin Luther, sein Verständnis der Schöpfung, des Menschen und des Mitmenschen, der Verkündigung des Jesus von Nazareth und der Aufgabe der Kirche und der Christen in weltlicher Verantwortung. Luther als Vorläufer von Hitler zu sehen, wäre ihnen nie in den Sinn gekommen.

Und Schmidt hält am 10. November eine Reformationspredigt, die ihm eine Vorladung vor die Gestapo bringt. Fünf Jahre später, nach der Pogromnacht 1938, kommt Ehrenberg als judenchristlicher Pfarrer in das KZ Sachsenhausen, Albert Schmidt kommt ins Polizeigefängnis, erhält Aufenthalts- und Redeverbot und stirbt an den Folgen seiner Haft Ende 1945. Der dritte im Bunde, Ludwig Steil, wird im Krieg verhaftet und stirbt im KZ Dachau.

Es ergibt sich für Bochum ein widerspruchsvolles Bild: die einen feiern Luther und Hitler, die anderen werden wegen ihrer theologischen Treue zu Luther von Hitler und seinem System verfolgt.

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