Spaziergang

Wie der Bochumer Jens Eike Krüger Spaziergeh-Profi wird

Jens Eike Krüger ist auch alleine unterwegs, geht aber am liebsten zu zweit spazieren und hört sich die Geschichten seiner Begleiter  an.

Jens Eike Krüger ist auch alleine unterwegs, geht aber am liebsten zu zweit spazieren und hört sich die Geschichten seiner Begleiter an.

Foto: Ingo Otto

Bochum.   Jens Eike Krüger möchte 10 000 Stunden spazieren gehen. Soviel braucht es,um sich zu professionalisieren. Der Student sucht noch Begleiter.

Am Freitag in 27 Jahren wird Jens Eike Krüger sein Ziel erreicht haben. Wenn alles gut läuft. Die Redewendung kann man in diesem Fall wörtlich verstehen, denn Jens Eike Krüger möchte sich im Spazierengehen professionalisieren. Und nach der Regel des US-amerikanischen Psychologen Anders Ericsson braucht es 10 000 Stunden Praxis, um ein Profi in einer Disziplin zu werden. Die Rechnung bis 2044 geht auf, wenn der 27-Jährige jeden Tag eine Stunde spaziert. Heute notiert er die 15. Einheit in sein schwarzes Büchlein. Fehlen also noch 9985.

Für den RUB-Studenten der Theaterwissenschaft ist das nicht nur sein Masterprojekt, sondern auch schon eine kleine Leidenschaft. „Ich war auch schon ein guter Spaziergänger, bevor ich angefangen habe.“ Gerne geht er raus, auch alleine, aber am liebsten in Gesellschaft. Und die ist ihm das Wichtigste bei seinem Ziel: „Es geht um die geteilte Zeit, nicht um die Schrittzahl.“ Wobei er weiß: Wenn er 167 Stunden unterwegs war, hat er die Eine-Million-Schritte-Marke geknackt.

Gänseblümchen und Kanadagänse

Auch auf die Wahl der Orte legt Jens Eike Krüger keinen Wert: „Man kann überall gut spazieren gehen.“ Trotzdem freut er sich, wenn er etwas Neues kennenlernt. Und so geht es heute entlang der Grummer Teiche. Warm ist es, die Wiesen sind bedeckt mit Gänseblümchenteppichen, dazwischen liegen dutzende Kanadagänse. In der drückenden Luft liegt ein unangenehmer Geruch nach abgestandenem Wasser und dem Kot der Gänse.

Jens Eike Krüger lebt in Bochum, ist geboren in Aachen und fährt auch weitere Strecken innerhalb Nordrhein-Westfalens, um sich mit seinen Spazierpartnern zu treffen – nach Köln zum Beispiel oder nach Kranenburg am Niederrhein. Ein Anfrage aus Berlin hat er aus Kostengründen abgesagt, denn entlohnt wird der 27-Jährige nicht für seine Spaziergänge, will er auch nicht, weil es dann „eine falsche Facette bekäme“. Sein Geld verdient der Student als Künstler und Kunstpädagoge.

Geschichten und urbanes Wissen

Eine eigene Handynummer hat er sich angelegt, verteilt Visitenkarten und wartet darauf, dass ihn Interessierte anrufen (0152/07859286). Jetzt, wo es warm wird, beginnt für ihn die Saison. „Ich freue mich jeden Tag darauf, aufzustehen und mit jemandem spazieren zu gehen“, sagt Krüger mit einem Lächeln. Er trägt Jeans und Wanderturnschuhe, Sportjacke, Bart und Brille. Die Uhr in Krügers Tasche wird piepen, wenn 60 Minuten vorbei sind.

Über die Geschichten freut sich der Bochumer, darüber, etwas Neues zu lernen. „Urbanes Wissen“ nennt er das. Zum Beispiel von der Krankenschwester, die ihm erzählte, dass auf der Intensivstation nicht jeden Tag gestorben wird, aber wenn, dann seien es oft drei Patienten am gleichen Tag. Oder er hört den Erfahrungen des Ultra-Läufers zu, mit dem er zügigen Schrittes durch Herne spazierte, dessen längste Route 380 Kilometer lang war, gelaufen in knapp 90 Stunden.

Begleiter gesucht

27 Jahre – in dieser Zeit kann viel passieren. Ob er es wirklich schafft, so lange durchzuhalten? „Selbst wenn ich nur 500 oder 1000 Stunden gehe, kann mir in dem Bereich eigentlich keiner mehr was vormachen.“ Nun gilt es, genügend fremde Menschen zu finden, die mit ihm eine Stunde verbringen, die sich mit ihm unterhalten und denen er seinen Appell mit auf den Weg geben kann: „Jeder sollte mehr spazieren gehen, auch wenn er keine Zeit hat. Einfach immer, wenn der Impuls kommt.“

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