Wirtschaft

Vor zehn Jahren gingen bei Nokia in Bochum die Lichter aus

Eine Lichterkette rund um das Werk gehörte zu den vielen Protestveranstaltungen nach Bekanntwerden des Schließungsbeschlusses.

Eine Lichterkette rund um das Werk gehörte zu den vielen Protestveranstaltungen nach Bekanntwerden des Schließungsbeschlusses.

Foto: Michael Korte

Bochum.   Am 15. Januar 2008 kündigte Nokia die Schließung des Werks in Bochum an. Belegschaft fiel aus allen Wolken. Wut und Verärgerung sind noch groß.

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Fast zehn Jahre nach der Werksschließung im Sommer 2008 ist Nokia nur noch Geschichte. Aber wenn die frühere Betriebsratsvorsitzende Gisela Achenbach an damals denkt, „dann kommt alles wieder hoch“. Die Wut, die Enttäuschung, die Ernüchterung.

Ganz besonders an diesem Montag. Genau heute vor zehn Jahren, am 15. Januar 2008, hat der finnische Handyhersteller das Aus des Standorts Bochum angekündigt. 2300 Beschäftigte und 1000 Leiharbeiter sollten ihren Arbeitsplatz verlieren; betroffen waren zudem weitere 675 Mitarbeiter von Zulieferern und Dienstleistern am Standort. Ein halbes Jahr später war das Werk schon dicht – trotz Protestveranstaltungen mit tausenden Teilnehmern, vieler Solidaritätsbekundungen und Unterstützung aus Politik und Gesellschaft.

Allein in Bochum 134 Millionen Euro Gewinn in 2007

Zu unwirtschaftlich sei die Produktion in Riemke, wo sechs Prozent der weltweit abgesetzten Geräte hergestellt wurden, hieß es. Dabei hatte Nokia im Geschäftsjahr 2007 noch einen Rekordgewinn von 7,2 Milliarden Euro erzielt, allein in Bochum waren es in dem Jahr 134 Millionen Euro.

Damit war der Konzern einer der erfolgreichsten Unternehmen der Stadt, wie die damalige Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz (SPD) in einer Pressekonferenz wenige Tage nach der Schließungsverkündung erklärte. Längst hatte sich ihre Fassungslosigkeit zu Zorn gesteigert. Und auch NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) war wütend: „An diesem Standort sind nachhaltig Gewinne erwirtschaft worden und man kann nicht behaupten, er würde sich nicht rechnen.“ Das sei inakzeptabel.

Betriebsrätin Gisela Achenbach sagt es heute unverblümter: „Die haben uns verarscht. Das können sie ruhig so schreiben.“ Sie selbst sei schon stutzig geworden, als ihr am Tag vor jenem verhängnisvollen 15. Januar bei der Fahrt zur Aufsichtsratssitzung in Düsseldorf ein Journalist am Telefon die Frage gestellt hatte, ob sie schon vor der Werksschließung wisse. Sie verwies das ins Reich der Fabeln. „Ich habe gesagt, das müsste ich doch wissen.“ Sie wusste es aber nicht. Tags darauf wurde sie in der Düsseldorfer Firmenzentrale am Tor von Sicherheitskräften abgeholt, in einen Besprechungsraum geleitet, wo ihr dann der Schließungsbeschluss verkündet wurde. „Ich war geschockt, konnte gar nichts sagen, habe am ganzen Körper gezittert“, erinnert sich die heute 67-Jährige. Mit dem überfallartigen Aus habe sich Nokia gegen die eigenen ethischen Grundsätze gewendet, die es zumindest in Bochum zuvor gelebt hatte.

Für viele brach eine Welt zusammen

Beinahe zur gleichen Zeit, als die Betriebsrats-Chefin informiert wurde, fiel die Belegschaft in Bochum aus allen Wolken. „Ich hatte Frühschicht. Als ich in den Pausenraum kam, lagen dort schon Zettel, auf denen stand, die Geschäftsleitung würde an diesem Tag über die Schließung informieren.“ Bert Brühn, damals im Service-Center beschäftigt, war ebenso schockiert wie seine Kollegen.

Er trug die Nachricht einigermaßen mit Fassung. „Ich hatte schon in den Monaten vorher so eine Ahnung, hatte mich zum Immobilienberater weitergebildet und spielte schon mit dem Gedanken, Nokia zu verlassen.“ Für viele andere aber sei eine Welt zusammengebrochen, „einige haben sich jahrelang den Hintern für Nokia aufgerissen“. Vor allem die ungelernten Kräfte, und von diesen gab es viele im Werk, fürchteten um ihre Existenz. „Es gab viele Schicksale, Eheleute zum Beispiel, die gleichzeitig arbeitslos wurden“, sagt Gisela Achenbach.

Die hohen Abfindungen, die sie mit ihren Betriebsratskollegen und der IG Metall bei den Finnen ausgehandelt hat, insgesamt zahlte Nokia etwa 200 Millionen Euro, haben den Arbeitsplatzverlust abgefedert. „Hilfreich war auch die Transfergesellschaft“, so Bert Brühn. 1400 Nokianer sind damals dorthin gewechselt und haben die Chance genutzt, um sich zu qualifizieren.

Derweil hatten zumindest viele der gut ausgebildeten Fachkräfte wenig Mühe, etwas Neues zu finden. So wechselten 90 Mitarbeiter der Entwicklungsabteilung zum kanadischen Handyhersteller RIM („Blackberry“), der damals gerade seine europäische Entwicklungszentrale in Bochum aufbaute. Viele von ihnen sind heute für Volkswagen Infotainment beschäftigt, der Autokonzern hatte Mitte 2014 Blackberry Bochum übernommen.

„Etliche haben sich selbstständig gemacht“

Andere Nokianer gingen ganz neue Wege. „Etliche haben sich selbstständig gemacht“, weiß Gisela Achenbach. Bert Brühn hat die Branche gewechselt und arbeitet als Immobilienberater. Für ihn hat das Nokia-Aus eine positive Wendung genommen. Dennoch: „Diese Erfahrung sitzt immer im Nacken; das Gefühl, dass von heute auf morgen alles vorbei sein kann.“

Auch die Stadt hat sich mittlerweile von einem der spektakulärsten wirtschaftlichen Rückschläge neben dem Ende des Bergbaus, dem Siechtum der Stahlindustrie und dem Opel-Aus berappelt. Gisela Achenbach und viele andere Ex-Nokianer haben den Schock von damals aber nicht verwunden.

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