Eingemeindung

Vor 90 Jahren platzte der Traum von der Stadt Langendreer

Clemens Kreuzer – hier im Stadtarchiv – kennt sich in der Geschichte Langendreers aus. Er weiß auch, wie es 1929 zur Eingemeindung kam.

Clemens Kreuzer – hier im Stadtarchiv – kennt sich in der Geschichte Langendreers aus. Er weiß auch, wie es 1929 zur Eingemeindung kam.

Foto: Svenja Hanusch / FUNKE Foto Services

Bochum-Langendreer.  Lange wehrte sich Langendreer gegen die Eingemeindung. Im Sommer 1929 war der Kampf verloren. Weil man im entscheidenden Moment zu langsam war.

Was in Linden und Dahlhausen dieser Tage groß gefeiert wird, geht in Langendreer und auch Werne regelrecht unter: die Eingemeindung vor 90 Jahren. Ob es daran liegt, dass der „ruhrgebietliche Neugliederungsprozess“ 1929 im Südwesten deutlich geräuschloser vonstatten ging als im Osten? Diese Frage vermag auch Hobby-Historiker Clemens Kreuzer nicht zu beantworten. Ansonsten ist er beim Thema Eingemeindung von Langendreer genau der richtige Ansprechpartner.

Stadt verleibte sich Nachbargemeinden nach und nach ein

Kreuzer weiß bestens Bescheid. Etwa darüber, dass sich die Stadt Bochum damals nach und nach Nachbargemeinden des Landkreises Bochum einverleibte, um zu wachsen. „In der ersten Welle um 1904 waren das u.a. Hamme, Hofstede, Grumme und Wiemelhausen, wodurch Bochum zur Großstadt wurde. In der zweiten Welle 1926 traf es u.a. Altenbochum und Weitmar, 1929 dann schließlich neben Linden und Dahlhausen auch Langendreer und Werne.“ Dabei hatte man hier, im Osten, ganz andere Pläne.

Ziel war eine „Mittelstadt“

„Langendreer wollte zusammen mit Werne, Somborn, Düren und Stockum eine eigene Stadt werden“, weiß Clemens Kreuzer. Angestrebt wurde die Größe einen „Mittelstadt“ mit mehr als 50.000 Einwohnern. Die Ambitionen waren Kreuzer zufolge nicht unbegründet: „Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schritt die industrielle Entwicklung gerade hier enorm voran. Insbesondere der Alte Bahnhof, Kaltehardt und Langendreerholz wurden zunehmend zu Siedlungsschwerpunkten und waren bald größer als das eigentliche Zentrum Langendreer-Dorf.“

Gemeinde schaffte städtebauliche Voraussetzungen

Um die eigenen Ansprüche zu unterstreichen und auch die einzelnen Ortsteile zu verbinden, wurde man städtebaulich aktiv: Es entstand ein neues Gemeindezentrum mit dem Amtshaus, dem Amtsgericht und dem Gymnasium (die heutige Lessingschule). „Dazu hatte Langendreer zwei Bahnhöfe, eine Filiale der Reichsbank und das Gemeindekrankenhaus, das später die Knappschaft übernahm“, erklärt Kreuzer die Ambitionen – und weshalb der „ruhrgebietliche Neugliederungsprozess“ damals gar nicht gut ankam.

Im Gegenteil, es formierte sich großer Widerstand. „Die Langendreerer können stolz darauf sein, die einzigen gewesen zu sein, die sich damals massiv gegen die Eingliederung gewehrt haben“, sagt Clemens Kreuzer. Die Kaufmannschaft, alle Vereine, alle Parteien seien dagegen gewesen, schildert er. Und die Langendreerer/Werner Zeitung, die im Mai 1929 etwa auf zwei Seiten über die „Große öffentliche Volksversammlung in Langendreer“ berichtete: „Die Vertreter sämtlicher anwesenden Parteien, Verbände und Organisationen von Langendreer und Werne sprechen sich klar und entschieden für die Mittelstadt aus. Nur vier Privatmeinungen für Bochum.“

Zahlreiche Denk- und Protestschreiben wurden in dieser Zeit verfasst und veröffentlicht. Der damalige Bürgermeister von Langendreer, Jacobi, sprach in einer dieser Schriften – adressiert an die Mitglieder des preußischen Landtags in Berlin – von der „Bedrohung der kommunalen Selbstverwaltung“. Am 10. Juli 1929 verabschiedete eben dieser Preußische Landtag das dritte Neuordnungsgesetz – und machte damit Langendreer und Werne zu Stadtteilen von Bochum. Einige Teile Langendreers (Crengeldanz, Krone und Papenholz) wurden Witten zugeordnet.

Stimmung nach der Eingemeindung war schlecht

Die Würfel über die Eingemeindung Langendreers waren aber schon Jahre vorher gefallen. In der zweiten Phase der Gemeindeneuordnung war es Castrop und Rauxel, Wanne und Eickel sowie Wattenscheid-Stadt und -Amt gelungen, die Eigenständigkeit zu erlangen. Nur Langendreer und Werne nicht. Dort war man schlichtweg zu langsam. Im Oktober 1925 stand der Gesetzesentwurf bereits, der Beschluss der Langendreerer Gemeindevertretung zur Stadtbildung mit Werne kam erst im November – zu spät also. Man sei zwar auf 1929 vertröstet worden, sagt Clemens Kreuzer. Doch insgeheim sei schon 1925/1926 klar gewesen, dass eine Eigenständigkeit Langendreers und Wernes nicht mehr vorgesehen ist.

Und so kam es am 1. August 1929 zur Eingemeindung von Langendreer und Werne. Die Stimmung vor Ort war schlecht. Und das sollte vorerst auch so bleiben. „Denn die Stadt Bochum tat zunächst nichts für die neuen Stadtteile“, berichtet Clemens Kreuzer. „Und dann kam der Krieg. Alles drehte sich um das Stadtzentrum, auch in den ersten Nachkriegsjahren, als der Wiederaufbau anstand. Erst in den 50er Jahren ging es bergauf, als die Kommunalpolitik sich der Stadtteile annahm.“

Noch heute heißt es oft „Wir fahren nach Bochum“

Aus heutiger Sicht, sagt Clemens Kreuzer, könne man in Langendreer und Werne wahrscheinlich froh sein, dass es so gekommen ist. „Schließlich haben die damals neu gebildeten kreisfreien Städte ihre Selbstständigkeit wieder verloren – wie Wattenscheid 1975. Dieses Schicksal hätte spätestens dann auch Langendreer ereilt.“ Während in Wattenscheid immer noch viele mit der Eingemeindung hadern, ist von dem früheren Groll im Osten nichts mehr zu spüren. Oder zumindest kaum. Kreuzer: „Denn noch immer sagen in Langendreer manche ,Wir fahren nach Bochum’, wenn es in die Stadtmitte geht.“

Clemens Kreuzer hat in dem Buch „Bochum und das Ruhrgebiet – Großstadtbildung im 20. Jahrhundert“ (Klartext-Verlag) über den Traum von „der künftigen Stadt Langendreer“ geschrieben. Herzlichen Dank an die Stadt und das Stadtarchiv für die Unterstützung bei der Recherche.

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