Gespräch

Unterrichtsausfall an Schulen ist oft ein Tabuthema

Der Ausfall von Unterricht sorgt an vielen Schulen für Probleme.

Foto: Ingo Otto

Der Ausfall von Unterricht sorgt an vielen Schulen für Probleme.

Bochum.  Eine Schulleiterin, ein Schulleiter und ein Vertreter der Lehrergewerkschaft sprechen über Unterrichtsausfall und Lehrermangel. Das ist selten.

Geplant war ein Gespräch zum Thema Unterrichtsausfall. Mit einer Runde, in der Schulleiter aller Schulformen diskutieren, mit welchen Ideen und Konzepten sie kurz- und langfristigen Ausfällen von Lehrern begegnen. In der sie sagen, was gut und was weniger gut läuft, wo die Politik gefordert ist. Eine Runde, die Klartext spricht.

Doch der Plan ging nicht ganz auf: Man dürfe dazu gar nichts sagen, hieß es an einer Stelle. Man wolle keine Probleme bekommen, weil man zu offen rede, an anderer. Zwei aber sagten sofort zu: Michael Latz, Leiter des Schulverbundes Feldsieper Straße, und Claudia Högemann, Leiterin der Willy-Brandt-Gesamtschule. Hinzu kam mit Ulrich Kriegesmann ein Lehrervertreter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.


Obwohl es einigen Ihrer Kollegen unangenehm zu sein scheint, öffentlich über Unterrichtsausfall zu sprechen, sind Sie hier. Warum?
Claudia Högemann: Ich glaube, dass das Thema unheimlich wichtig ist. Dass es Lehrern, Eltern und Schülern auf der Seele brennt. Jetzt zur Zeit ist es besonders brisant, mit der Grippewelle und Erkältungen.
Michael Latz: Ich sah keinen Grund, warum wir nicht darüber reden sollten.
Ulrich Kriegesmann: Jede Schule will sich gegenüber den Eltern als zuverlässig erweisen. Deshalb spricht man da ungern drüber.


Aber wenn nicht darüber gesprochen wird, erhöht das den Unmut bei den Eltern. . .
Kriegesmann: Genau.
Högemann: Ich habe den Eindruck, dass bei uns die Kommunikation mit den Eltern gut funktioniert. Ich kann begründen, warum etwas ausfällt. Wir lassen ja nichts ausfallen, um feiern zu gehen.
Geben Sie uns doch mal ein Beispiel aus dem Schulleiter-Alltag.
Högemann: Da melden sich Montagmorgen zwölf Lehrer krank. Dann wird geschaut: Wen kann man wo zur Vertretung einsetzen? Am liebsten nehmen wir Kollegen, die die jeweiligen Klassen kennen. Oder wenigstens die Kollegen, die das jeweilige Fach unterrichten. Problematisch wird es in der dritten und vierten Stunde, wenn eigentlich alle Schüler da sind. Spätestens da fehlen Vertretungslehrer.


Latz: Bei uns kommen die Krankmeldungen auch oft kurzfristig. Alle Kinder, die im Offenen Ganztag angemeldet sind, müssen wir natürlich versorgen. Am ersten Tag guckt man, welche Reserven man hat: Gibt es in einer Förderschiene noch eine Doppelbesetzung oder irgendwo kleine Gruppen? Am zweiten Tag muss man eventuell schauen, ob man Klassen abbestellt. Und bei längerfristigen Krankheitsfällen muss die Last im Jahrgangsstufenteam gleichmäßig verteilt werden, damit nicht eine Klasse den Bach runtergeht. Es dürfen nicht immer dieselben Dinge ausfallen – auch wenn die Versuchung groß ist, etwa bei Daz, Deutsch als Zweitsprache. Das auszubalancieren ist eine große Herausforderung.
Kriegesmann: Und es geht nicht nur um Krankheitsausfall – viele Dinge müssen ausgeglichen werden: Prüfungen, Klassenfahrten, Exkursionen, Fortbildungen, Elternzeiten.
Högemann: Zusätzliche Regeln verschärfen die Situation. Wenn zum Beispiel ein Kind Röteln hat oder Keuchhusten oder Grippe, muss ich heute alle schwangeren Kolleginnen nach Hause schicken, bis die Ansteckungsgefahr vorüber ist.
Kriegesmann: Eigentlich eine gute Maßnahme, für die aber keine Kompensation erfolgt ist.
Högemann: Es ist immer hilfreich, wenn Lehrer gemeinsam den Unterricht planen. Nicht die einzelne Stunde, aber schon das Unterrichtsvorhaben.


Latz: Mit dem Wochenplan in der Hand kann ich in die jeweilige Klasse gehen und direkt einsteigen. Das ist sehr entlastend. Außerdem haben wir Ordner in jeder Klasse, mit Dingen, die der Klassenlehrer schon vorbereitet hat.
Högemann: In der Oberstufe haben wir ein Selbstlernzentrum. Da stellen die Kollegen Aufgaben zum Herunterladen auf eine Plattform. Aber das geht nur bei großen Kindern. Für die Stufen fünf bis zehn arbeiten wir gerade an der Idee vom kompetenzbasierten individualisierten Vertretungskonzept: Dabei soll es festgelegte Inhalte geben, von denen die Kinder einen bestimmten Anteil machen müssen. Darüber hinaus entscheiden sie frei, was sie machen möchten, was sie sich zutrauen. Das wird jetzt in den Fachkonferenzen besprochen und soll nach Ostern starten. Nach einem Jahr schauen wir, was wir noch verbessern müssen. Das könnte eine gute Möglichkeit sein. Andere haben wir nicht. Hätten wir alle die Ausstattung mit Hightech und IT, die jetzt im Rahmen von 2020 intendiert ist, hätten wir es zum Teil auch leichter. Wir haben noch nicht einmal Wlan.
Latz: Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung sagt, dass es in den nächsten vier Jahren nicht besser wird. Die zeigen aber auch Perspektiven auf, zum Beispiel die stärkere Einbindung von Lehramtsstudenten. Gerade in der OGS und der Betreuung könnte man Vereine noch stärker einbinden. Übungsleiter aus Sportvereinen verfügen in der Regel über ein sehr gutes pädagogisches Handwerkszeug: Sie wissen, wie man mit Kindergruppen umgeht. Wir arbeiten in der OGS intensiv mit dem Stadtsportbund und anderen zusammen – aber oft ist es schwer, die zeitlichen und räumlichen Kapazitäten bereitzustellen.
Högemann: Oh ja, die Turnhallenkapazitäten. Ein schönes Thema.
Latz: Von Schwimmzeiten reden wir besser gar nicht erst.
Högemann: Wenn wir Räume hätten, die aneinander liegen, könnten die Kollegen leichter mal zwei Klassen beaufsichtigen, wenn jemand ausfällt.Wir haben keine Differenzierungs- oder Ausweichräume – notgedrungen gehen wir mit großen Gruppen in die Mensa, wo schlimmstenfalls zwei Lehrer fünf Klassen gleichzeitig beaufsichtigen. Klassen- und jahrgangsübergreifend. Das ist für alle total anstrengend.
Kriegesmann: Das ist übrigens kein Einzelphänomen, sondern sehr verbreitet in Bochum. Man behilft sich mit Erweiterungen, Modulbauten, Containern oder der Nachbarschule. Ein jämmerlicher Zustand. Schreiben Sie das ruhig. Und das gilt für verschiedene Schulformen.
Högemann: Die Brandschutzsanierung ist auch ein großes Thema. Bei uns ist ein Raum gesperrt, weil er keine zwei Notausgänge hat. Seit über acht Jahren. Wichtiger als die räumliche ist aber die personelle Ausstattung. Hätte man zum Beispiel einen Vertretungslehrerpool oder mehrere qualifizierte Sozialarbeiter oder Förderlehrer, könnten die beim Ausfall eines Kollegen auch sinnvoll mit den Kindern arbeiten.
Kriegesmann: Erst wenn jemand definitiv vier Wochen abwesend ist und das nicht durch Mehrarbeit kompensiert werden kann, kann eine Vertretungslehrkraft eingestellt werden. Die Stelle muss aber erst ausgeschrieben werden.
Högemann: Bis das alles geregelt ist, ist es oft schon zu spät.


Kriegesmann: Das Vertretungslehrersystem ist suboptimal. Um es sehr gemäßigt auszudrücken. Lücken entstehen regelmäßig, ein gewisser Krankenstand ist permanent vorhanden. Es müsste eine ordentliche Vertretungsreserve geben. Mit voll ausgebildeten Lehrern, die überall einsetzbar wären. Zwei Prozent Reserve gibt es derzeit – eine realistische Größe, mit der die Schulen auskommen könnten, wären aber sieben Prozent.
Latz: Im Bereich Grundschule gibt es zwar einen Vertretungspool, aber es wird schwieriger, die Stellen zu besetzen. Auch wenn wir Vertretungsstellen ausschreiben, müssen wir schon viel Glück haben, wenn jemand kommt, bei dem man auch mit gutem Gewissen sagen kann, dass das funktioniert. Die Lehrerausbildung ist eben nicht zu unterschätzen – wer die nicht hat, kann schnell überfordert sein, zum Beispiel wenn er mit einer großen Gruppe arbeiten soll.

>>> INFO: Zwei Schulen mit jeweils zwei Standorten

  • Auf die Willy-Brandt-Gesamtschule gehen etwa 1400 Schüler, der Schulverbund Feldsieper Schule ist mit 450 Kindern für eine Grundschule ebenfalls recht groß. Beide verteilen ihre Schüler auf zwei Standorte, beide bieten Ganztagsbetreuung an. Die Parallelen sind schnell ausgemacht, die zusätzlichen Herausforderungen, die daran hängen, ebenfalls.
  • Nicht nur Lehrer-Ausfälle sorgen für Probleme. Die Schulleiter sagten, dass die zum Teil sehr schlechte Ausstattung ordentlichen Vertretungsunterricht und sinnvolle Beschäftigung der Schüler erschwere.
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