Interview

Marc Gräf: „Ich mag es, die Ärmel hochzukrempeln“

Bezirksbürgermeister Marc Gräf am Schreibtisch von Heinrich König im Trauzimmer des Amtshauses

Bezirksbürgermeister Marc Gräf am Schreibtisch von Heinrich König im Trauzimmer des Amtshauses

Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool

Südwest.   Kaum im Amt, wird der neue Bezirksbürgermeister Südwest, Marc Gräf (SPD), schon voll gefordert. Stichwort Flüchtlinge. Aber er mag das, wie er im WAZ-Interview verrät. Er packt gerne an. Gut so, denn im Südwesten warten einige „heiße Eisen“ auf ihn und seine politischen Mitstreiter.

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Interviewtermin im Amtshaus Weitmar. Marc Gräf (42), der neue Bezirksbürgermeister Südwest, bittet uns ins Trauzimmer. „Mein Büro“, lacht er und ergänzt: „Wenn ich nicht – wie meistens – von zu Hause aus arbeite.“ Vieles bei Marc Gräf geschieht auf elektronischem Wege. Korrespondenz und Kommunikation – fast alles per E-Mail, SMS oder Facebook. Die modernen Medien nutzt er, um über seine Arbeit zu informieren. Zeit für ein persönliches Gespräch bleibt aber auch. Wie jetzt.

Herr Gräf, gerade frisch ins Amt gewählt, werden Sie schon voll gefordert – Stichwort Flüchtlinge in der Lewackerschule. Hätten Sie sich einen ruhigeren Start gewünscht?

Gräf: Nein, man muss die Themen so annehmen, wie sie kommen. Den Haushalt, jetzt die Flüchtlinge. Außerdem mache ich ja schon seit vielen Jahren Politik und kenne das. Klar ist es viel im Moment, aber durchaus auch zu bewältigen. Ich beiße mich da schon durch.

Sind Sie stolz, dass „Ihr“ Bezirk mit soviel Engagement und Hilfsbereitschaft auf die Ankunft der Flüchtlinge reagiert?

Stolz ist vielleicht der falsche Begriff. Ich freue mich, dass es so toll funktioniert, dass sich Nachbarschaft, Vereine und Verbände so wunderbar einbringen. Und vor allem freue ich mich über jedes Kinderlachen. Stolz allerdings bin ich auf die Stadt Bochum und ihre Eigenbetriebe; dass sie das getreu dem Motto „Wir schaffen das“ in der Kürze der Zeit so klasse organisiert hat.

Wie definieren Sie Ihre Rolle als Bezirksbürgermeister?

Mein Ziel muss es sein, die Menschen mitzunehmen und ein Ansprechpartner in allen Situationen zu sein.

Gräfs politisches Vorbild: Helmut Schmidt

Inwieweit unterscheiden Sie sich als Bezirksbürgermeister von Ihrer Vorgängerin Doris Erdmann?

Jeder hat seine eigene Herangehensweise. Doris Erdmann war eine gute Bezirksbürgermeisterin. Ich bin seit zehn Jahren Bezirksvertreter, die letzten fünf Jahre als Fraktionsvorsitzender. Und in dieser Funktion habe ich versucht, Doris Erdmann auf möglichst viele Termine zu begleiten. Aktuell lerne ich die Politik auch von einer anderen Seite kennen, auf der es auch gilt, Brücken zu bauen und zu repräsentieren. Das tue ich sehr gerne, aber noch schöner finde ich es, in kritischen Phasen die Ärmel hochzukrempeln.

Sie sind kein gebürtiger Bochumer.

Nein, ich stamme aus Bottrop, bin dort und später in Essen groß geworden und wohne seit 1994 fast genau auf der Grenze zwischen Dahlhausen und Linden. Ich kenne mich zwar ganz gut aus, aber natürlich nicht alle Geschichten aus dem Bezirk und suche deshalb ganz bewusst den Austausch mit älteren Mitbürgern.

Wie kamen Sie zur Politik?

Bei uns zu Hause war Politik immer ein Thema. Und schon in der Schule hatte ich das Bedürfnis, mich zu kümmern, war auch Klassensprecher. Meine Schwester macht Politik in Brandenburg. Ich blieb im Ruhrgebiet und übernahm hier im Bochumer Südwesten zusammen mit Peter Reinirkens die SPD Linden-Mitte.

Haben Sie ein politisches Vorbild?

Helmut Schmidt. Weil er als Mensch nicht anders gestrickt ist als ich. Ich bin genauso kantig wie er. Und auch bei mir stößt ja nicht alles auf Gegenliebe, was ich mache.

Wie wirkt sich die Haushaltslage auf Ihre Arbeit im Bezirk aus?

Fast alles steht und fällt mit dem Geld. Wir müssen in Abhängigkeit von der Haushaltslage versuchen, uns einen möglichst großen Gestaltungsspielraum zu lassen. Gleichwohl ist es auch unsere Aufgabe zu sehen, wo noch Einsparpotenziale vorhanden sind, wo wir unseren Beitrag leisten können.

Welche Themen werden in den nächsten sechs Jahren den Bezirk Südwest vor allem beschäftigen?

Die Bebauung am Bahnhof Weitmar, die Einkaufssituation im Stadtteilzentrum Linden und natürlich das geplante Einkaufszentrum mit Edeka in Weitmar-Mark – da muss man sehen: Was passt in so einen Stadtteil? Und ein heißes Thema ist und bleibt der Bahnhof Dahlhausen. Der Otto-Wels-Platz davor ist bald fertig und schön, doch das Baudenkmal verfällt und man kommt keinen Schritt weiter. Ärgerlich.

„Der ein oder andere Spielplatz wird dran glauben müssen“

Und die Pontonbrücke?

Sie wird dem Verkehr auf Dauer nicht standhalten können. Da werden wir mit den Landtagsabgeordneten und unseren Kolleginnen und Kollegen in den Nachbarstädten auch noch das Gespräch suchen, um gemeinsam eine Lösung zu finden.

Welche „heiße Eisen“ müssen von Ihnen und Ihren politischen Weggefährten noch angepackt werden?

Der Kreisverkehr Weitmar-Mark etwa, dessen Umsetzung ja verschoben wurde. Die Freiwillige Feuerwehr Linden möchte sich räumlich verändern. Der ÖPNV bleibt Thema. Dann wird der ein oder andere Spielplatz, der eh nicht mehr genutzt wird, bestimmt dran glauben müssen. Im Gegenzug haben wir aber schon tolle Spielplätze und Freiflächen entwickelt. Zum Beispiel am Wabenweg.

Was sieht es mit dem Straßenbau aus?

Wir werden keine neuen Straßen bauen, sondern die vorhandenen ausbessern. Umso ärgerlicher, dass die Lindener Straße noch nicht gemacht wurde. Oder - wie eben erwähnt - der Kreisverkehr. Da warten noch spannende Aufgaben auf uns. Sie sehen: Es gibt genug zu tun. Erstaunlich, wie viel Arbeit so ein Ehrenamt mit sich bringt. Wenn man sich kümmert.

„Es geht um ganz konkrete Dinge vor der Tür der Bürger“

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit Ihrem Koalitionspartner, den Grünen?

Die Bewertung der politischen Zusammenarbeit mit dem Koalitionspartner obliegt dem Fraktionssprecher der SPD, Norbert Konegen. Ich habe einen Stellvertreter im Amt des Bezirksbürgermeisters, Frank Eidmüller (Grüne, Anm. d. Re.). Insgesamt kann man die Zusammenarbeit als vertrauensvoll und gut bezeichnen.

Wie sehen Sie die Opposition? Als politische Gegner oder eher als Mitstreiter zum Wohl der Bürger?

In der Kommunalpolitik lassen sich nicht immer Begriffe wie Regierung oder Opposition benutzen. Wir machen Realpolitik. Es geht bei uns um ganz konkrete Dinge vor der Tür der Bürgerinnen und Bürger. Das zeichnet die gemeinsame Basis unserer Arbeit aus. Ich arbeite gerne mit allen Bezirksvertreterinnen und Bezirksvertretern zusammen.

Was macht den Bezirk Südwest aus Ihrer Sicht so liebens- und lebenswert? Rühren Sie mal die Werbetrommel . . .

Es ist ein unglaublich lebendiger, bunter, offener und freundlicher Stadtbezirk mit einem regen Vereinsleben. Die Leute kennen sich alle durch Mehrfachmitgliedschaften, dadurch gibt es ein gut funktionierendes Netzwerk. Und wir haben tolle Stadtteilzentren: Weitmar-Mark und -Mitte, Linden und Dahlhausen. Dies alles zu bewahren und weiter zu entwickeln und dabei die Menschen mit zu nehmen - das ist meine, das ist unsere Aufgabe in der Bezirksvertretung Südwest.

„Immer weniger Geld!“ CDU bemängelt Haushaltslage 

Wie geht die Opposition die Amtsperiode an? Wir fragten Gerd Krause, den Fraktionsvorsitzenden der CDU.

Herr Krause, wie sehen Sie die Koalitionsparteien? Als politische Gegner oder als Mitstreiter für das Wohl des Bürgers?

Krause: Wir haben ein ganz gutes Verhältnis, ich persönlich auch zu meinem Gegenüber Norbert Konegen von der SPD. Manche Dinge sprechen wir im Vorfeld einer Bezirksvertretungssitzung ab. Der größte Teil der bezirklichen Entscheidung geschieht in großer Übereinkunft mit den anderen Parteien.

An welchen Schrauben muss in Süd aus Sicht der CDU gedreht werden?

Wichtig ist der Durchstich vom Springorumpark zur Prinz-Regent-Straße; das wird die Wasserstraße stark entlasten. Im Einkaufszentrum Linden sollte die ebenfalls stark befahrene Hattinger Straße beruhigt und der Radweg auf die Straße verlegt werden. Die Pontonbrücke, ein ewiges Ärgernis, muss gegen eine vernünftige Brücke ausgetauscht werden. Aber das alles steht und fällt mit dem Geld, das zur Verfügung steht. Und das – darauf weisen wir seit Jahren hin – ist wird immer weniger. Umso wichtiger wird es sein, die Mittel, die wir haben, effektiv einzusetzen.

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