Numerus clausus

Student wartete sieben Jahre auf einen Medizinstudienplatz

Endlich. Christian Fregin hat sieben Jahre auf einen Studienplatz für Medizin gewartet.

Foto: Ingo Otto

Endlich. Christian Fregin hat sieben Jahre auf einen Studienplatz für Medizin gewartet. Foto: Ingo Otto

Bochum.   Das Bundesverfassungsgericht prüft die Rechtmäßigkeit des Numerus clausus. Christian Fregin hat sieben Jahre auf seinen Studienplatz gewartet.

Christian Fregin ist keine Ausnahme. Immerhin 20 Prozent der Medizinstudenten an der Ruhr-Universität Bochum haben nicht den perfekten Numerus clausus, der aktuell bei 1,0 liegt, oder sie schaffen es nicht, den Notenschnitt durch den Test für Medizinische Studiengänge, kurz Medizinertest, ausreichend zu verbessern.

Insgesamt sieben Jahre mussten vergehen, bis Christian Fregin seinen Studienplatz bekam. Aktuell prüft das Bundesverfassungsgericht, ob eine solch lange Wartezeit, die die Regelstudienzeit von zwölf Semestern überschreitet, verfassungskonform ist. Für Fregin ist die Kritik am Numerus clausus längst überfällig. „Die Abiturvoraussetzungen sind in den Bundesländern zum Teil ganz unterschiedlich und auch die Aufnahmeverfahren an den Hochschulen sind verschieden“, so der Student über die Schwächen des Verfahrens.

Ausbildung oder ins Ausland

Trotz wiederkehrender Zweifel, vor allem in Folge der halbjährlichen Absagen der Hochschulen, hielt Fregin an seinem Plan fest. „Nach dem Abitur bin ich ein Jahr mit ,Work and Travel’ durch Australien gereist. Dort ist der Gedanke, Arzt werden zu wollen, konkreter geworden. Meine Mutter ist Physiotherapeutin, die Gesundheitsbranche ist mir also vertraut“, schildert er. Mit einem Abiturnotendurchschnitt von 2,5 hatte der heute 28-Jährige nicht die geringste Chance auf einen direkten Studienplatz. Er bewarb sich auch an Universitäten in Polen und Österreich. Ohne Erfolg. Fregin absolvierte zwischen 2011 und 2014 eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Seine damalige Freundin macht es anders, sie ermöglichte sich ein gebührenpflichtiges Medizinstudium in Riga durch die Aufnahme eines Kredits.

Als 2015 die Zusage von der Ruhr-Universität in Bochum bei Christian Fregin eintrifft, lebt und arbeitet er als Krankenpfleger in Köln „Ich wartete mit der Kündigung bis zum schriftlichen Bescheid, obwohl ich damit gerechnet habe, dass ich einen Platz bekomme“, schildert er.

Wertvolle Erfahrungen

Sein Leben fing dann als Student und Bafög-Empfänger noch einmal neu an. „Die Menge, die man lernen muss, überwältigt einen am Anfang. Zu Beginn ist es nach sieben Jahren ein wenig schwieriger, ins Lernen reinzukommen.“ Aber Christian Fregin profitiert auch von Erfahrungen, die er mitbringt. Als Krankenpfleger hatte er viel Patientenkontakt und arbeitet heute nebenher im St.-Josef-Hospital in der Blutentnahme.

>>> „Kein Test kann feststellen, ob jemand ein guter Arzt wird“

Gespräch mit Prof. Thorsten Schäfer, Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität, über den Nutzen und die Schwächen des Numerus clausus.

Was halten Sie vom Numerus clausus?

Im Moment ist er ein notwendiges Übel. Der Numerus clausus ist ein seit den 70er-Jahren funktionierendes Mittel, um bei der Knappheit der Studienplätze zu entscheiden, wer zuerst studieren darf. Wer in der Abiturphase unter Beweis gestellt hat, dass er gute Leistung bringen kann, kann dies auch im Medizin-Studium. Ich kenne viele 1,0-Abiturienten, die leidenschaftlich und engagiert sind, aber es gibt eben auch den einen oder anderen, der dieses Studium aufnimmt, nur weil es ihm möglich ist. Hier wäre die Frage, ob man da zum Beispiel einem engagierten Krankenpfleger nicht den Vorzug geben sollte.

Denken Sie, der Numerus clausus ist verfassungswidrig?

Wir warten mit Spannung auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Die Frage ist, ob eine Wartezeit von sieben Jahren verfassungsgemäß ist. Ich bezweifle das und bedauere, dass man in der Wartezeit nicht studieren darf. Die Kandidaten dürfen nicht Biologie, Physik oder Hebammenkunde studieren. Diese Studiengänge sollen nicht blockiert werden von Studenten, die dann wechseln. Da müsste der Gesetzgeber ran.

Was sind Alternativen zum Numerus clausus?

Das Ganze ist eine politische Entscheidung. Eine Möglichkeit wäre es, Geld in die Hand zu nehmen und die Anzahl der Studienplätze zu erhöhen. Es gibt keine guten Kriterien, mit denen ich feststellen kann, ob jemand ein guter Arzt wird. Das Studium dient ja auch dazu, Persönlichkeit zu entwickeln und der Auseinandersetzung mit Themen wie Leben und Tod. Ich habe ein bisschen Angst davor, wenn Kriterien feststehen, dass es dann Firmen geben wird, die Kandidaten darauf schulen, in einem Interview gut abzuschneiden und zum Beispiel mit ihnen trainieren: Wie zeige ich Empathie oder wie drücke ich Leidenschaft aus?

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