Stadtteil-Check

Viele Westenfelder fühlen sich von Politik vernachlässigt

Wolfgang Wittkämper - hier im Germanenviertel unterwegs - sorgt sich um seinen Stadtteil. Die schlechten Noten für Politik und Verwaltung versteht er gut.

Wolfgang Wittkämper - hier im Germanenviertel unterwegs - sorgt sich um seinen Stadtteil. Die schlechten Noten für Politik und Verwaltung versteht er gut.

Foto: Haumann

Bochum.  Politik und Verwaltung sind Verlierer des Stadtteil-Checks Bochum. Ihre Arbeit für Westenfeld ist mangelhaft. „Falsch“, sagt der Bürgermeister.

Das Zeugnis, das WAZ-Leser Kommunalpolitikern und Verwaltung in Bochum ausstellen, ist schlecht. In keinem anderen „Fach“ – von Sicherheit über Sauberkeit bis zur Parkplatzsituation – gibt es beim WAZ-Stadtteil-Check so miese Noten. Im Durchschnitt eine 3,63. Besonders negativ bewerten die Teilnehmer einmal mehr Stadtteile in Wattenscheid. Einsames Schlusslicht ist Westenfeld: 4,72 – mangelhaft plus. Kümmert sich hier wirklich niemand um die Probleme, die Bürgern auf den Nägeln brennen?

Wolfgang Wittkämper jedenfalls sieht das genau so. Der Ur-Westenfelder führt den neugierigen Redakteur bei der Ursachensuche direkt ins Germanenviertel. „Schauen Sie sich hier um. Wollen Sie hier wohnen? Seit Jahren tut sich hier nix.“

Dreckige Ecken und dunkle Durchgänge

Nun ja, einladend sieht der Komplex aus fünf- bis sechsgeschossigen, längst in die Jahre gekommenen Häusern nicht aus. Dreckige Ecken, dunkle Durchgänge, Müll türmt sich haufenweise neben Abfallbehältern, die überquellen.

Wie man hier Probleme löst, zeigt Wittkämper direkt neben der Kita Friesenweg. Der für die Bewohner des Viertels einmal vorgesehene Treffpunkt samt Kleinspielfeld ist nicht mehr zu erreichen. „Woanders wird so etwas hübsch gestaltet, hier macht man einen Zaun drum“, sagt der 58-Jährige.

Brennpunkt Germanenviertel

„Das Germanenviertel droht, ein Brennpunkt zu werden“, fürchtet auch Oliver Krudewig. Der Vorstand der Baugenossenschaft Bochum, der 163 der knapp 1000 Wohnungen hier gehören, berichtet von zunehmenden Leerständen. „In Westenfeld ist Wohnraum nicht knapp. Hier will nur keiner hin.“

Zwischen Sachsenring, Keltenweg und Wikingerstraße sowie entlang des Frankenwegs sind viele Nationalitäten zu Hause. In den 1980er Jahren bezogen Spätaussiedler aus Polen und Russland viele Wohnungen, später kamen Südosteuropäer und zuletzt Flüchtlinge aus dem Mittelmeerraum hinzu. Die Eigentumsverhältnisse sind kompliziert. Rund 450 Eigentümer gibt es, zehn Prozent besitzen 60 Prozent des Bestandes. Ihr Einfluss ist groß, ihr Interesse häufig gering.

Die Baugenossenschaft scheiterte laut Krudewig mit dem Versuch, sich zum Verwalter bestellen zu lassen. Ziel sei es gewesen, die Pflege der Außenanlagen in eine Hand zu geben, um das äußere Erscheinungsbild zu verbessern. „In den Eigentumswohnungen des Viertels leben zahlreiche leidenschaftliche Menschen, die bei der Pflege jahrelang geholfen haben. Mittlerweile sind viele aber so alt, dass sie es nicht mehr schaffen. Andere ziehen weg“, sagt Krudewig.

Stadt kauft sich von Pflege frei

Ursprünglich sollte die Stadt für die Pflege der Außenanlagen zuständig sein. Dieser Pflicht entledigte sie sich 1987 in einem Rechtsstreit. 250.000 Mark kostete der Vergleich. Heute heißt es: „Die Stadt hat keinen Einfluss, weil sie dort nicht Eigentümer ist“, so Stadtsprecher Thomas Sprenger. Und überhaupt: „Es gibt in Bezug auf Westenfeld außer den Fakten im Sozialbericht keine Auffälligkeiten.“ Diese Fakten weisen aus, dass es in Westenfeld im Vergleich zum Bochumer Durchschnitt doppelt so viele Mehrfamilienhäuser mit mehr als zehn Wohnungen gibt, 40 Prozent mehr Menschen von Hartz IV leben und 25 Prozent mehr arbeitslos sind. Die Ausländerquote beträgt 13 Prozent.

Vielen Bürgern ist zudem nicht nur das Germanenviertel ein Dorn im Auge, sondern auch die geplante Wohnbebauung am Wilhelm-Leithe-Weg. „Die Pläne sind ein Hohn“, sagt Torsten Vieting. Er fürchtet, dass ein neues „Germanenviertel zum Wilhelm-Leithe-Weg verlagert wird“. Sorgen macht sich der Sprecher der Bürgerinitiative Westenfelder Felder auch um das Klima. Mit den Häusern werde eine wichtige Frischluftschneise vernichtet.

Supermarkt mit Security

Die Politikverdrossenheit vieler Westenfelder Bürger ist auch auf die Zustände am Wattenscheider Bahnhof zurückzuführen. Seit Jahren warten viele Menschen auf einen Aufzug. Und dann wäre da noch der Sportplatz, das lange darbende Ehrenmal und und und.

„Die Lebensqualität ist in Westenfeld nicht schlechter als anderswo“, sagt Reinhard Mokanski, der in Wattenscheid und Bochum sechs Rewe-Läden betreibt. Einen davon am Germanenviertel. Dort ist bis 24 Uhr geöffnet, ein Sicherheitsmann passt auf. „Das ist reine Vorbeugung“, sagt der 60-Jährige. „Das Klientel ist abends ein anderes.“

Wissenschaftler mahnt zur Vorsicht

Auch er macht sich Sorgen um den „sozialen Brennpunkt“ Germanenviertel. Der Politik seien da aber die Hände gebunden. Zufrieden mit den Volksvertretern ist er aber nicht. „Zu Zeiten Wolfgang Schicks hatte man das Gefühl, dass sich mehr gekümmert wird.“ Das SPD-Urgestein ist vor Jahren verstorben.

„Solche Umfragen sind eher etwas für kritische Geister. Zufriedene Menschen beteiligen sich häufig nicht“, sagt David Gehne, Politikwissenschaftler an der Ruhr-Uni. Das Ergebnis des WAZ-Stadtteil-Checks müsse man daher mit Vorsicht betrachten. Gleichwohl rät er: „Politik und Verwaltung sollten das Ergebnis als Appell sehen, etwas zu verändern. Bürger erwarten zu Recht, dass Dinge funktionieren.“ In Westenfeld ist das offensichtlich an vielen Stellen nicht der Fall.

Bezirksbürgermeister: Ich bin jederzeit ansprechbar

Ungerecht benotet sieht sich Wattenscheids Bezirksbürgermeister Manfred Molszich. „Man kann Stadt und Politik nicht verantwortlichen machen, wo Stadt und Politik nicht verantwortlich sind“, sagt der SPD-Politiker. Das gelte für die Zustände im Germanenviertel ebenso wie für den Bahnhof. „Ich bin jederzeit für die Bürger da und ansprechbar.“ Die Frage, warum er nicht da war, höre er aber häufig. „Fast ebenso häufig aber lautet mein Antwort: Weil ich nicht eingeladen war.“

Das klingt ein bisschen wie Schule. Auch dort sind häufig Lehrer Schuld an schlechten Noten.

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