Sozialamt

Stadt Bochum lenkt ein: Rollstuhlfahrer darf umziehen

Kein Durchkommen: Birger von Bienert passt mit seinem Rollstuhl nicht durch die Badezimmertür. Nun kann er auf einen Umzug in eine behindertengerechte Wohnung hoffen.

Kein Durchkommen: Birger von Bienert passt mit seinem Rollstuhl nicht durch die Badezimmertür. Nun kann er auf einen Umzug in eine behindertengerechte Wohnung hoffen.

Foto: Gero Helm / FUNKE Foto Services

Bochum.  Nach einer Amputation sucht ein Bochumer Rollstuhlfahrer dringend eine neue Wohnung. Die Stadt lehnte eine Mietübernahme ab – und lenkt nun ein.

„Das wäre für mich ein Sechser im Lotto gewesen“, sagte Birger von Bienert und blickte Anfang der Woche traurig auf einen Bescheid des Sozialamtes. „Ihr Antrag wird abgelehnt“, ist darin zu lesen. Der Traum von einem Umzug in eine behindertengerechte Wohnung ganz in der Nähe schien für den 47-Jährigen geplatzt zu sein. Doch nun kann der Hauptgewinn doch noch Realität werden. Die Stadt lenkt ein. Birger von Bienert darf „endlich wieder ein bisschen glücklich sein“.

Glück war für den Bochumer bislang ein seltener Wegbegleiter. Als junger Mann, ohne abgeschlossene Ausbildung, schlug er sich als Gerüstbauer und Security-Mitarbeiter durch, lebte alsbald (und bis heute) von Sozialhilfe. Schon in frühen Jahren erkrankte er schwer. Das Herz. Die Nieren. Bienert erlitt drei Schlaganfälle und ist Diabetiker. Nach einer Sepsis musste im April das linke Bein vom Knie abwärts amputiert werden. Seither sitzt er im Rollstuhl.

Rollstuhl passt nicht durch die Badezimmertür

Die 40-Quadratmeter-Wohnung an der Ederstraße in Kornharpen, in der Bienert seit seinem 18. Lebensjahr lebt, sei spätestens jetzt „komplett ungeeignet“, sagt seine Schwester Gaby, die sich fürsorglich um ihren Bruder kümmert. Das Schlimmste: Der Rollstuhl passt nicht durch die schmale Badezimmertür. Wenige Zentimeter fehlen. Bienert muss deshalb einen Toilettenstuhl benutzen. „Das ist einfach nur unwürdig“, flüstert er. Die Mitarbeiter des Pflegedienstes zapfen jeden Morgen Wasser in einer Waschschüssel ab. „Birger kann die Wohnung alleine nicht mehr verlassen“, schildert seine Schwester. Depressionen stellen sich ein.

Miete liegt 109 Euro über der Höchstgrenze

Das soll, das muss ein Ende haben, sagten sich die Geschwister und machten sich auf die Suche nach einer neuen Wohnung. Fündig wurden sie bei Bochums größter Wohnungsgesellschaft VBW, die auch Vermieter an der Ederstraße ist. An der Matthias-Claudius-Straße könnte Bienert eine 50-Quadratmeter-Wohnung beziehen. Mit Aufzug, breiten Türen, behindertengerechtem Bad „und allem, was man als Rollstuhlfahrer sonst noch braucht, um weiterhin selbstständig zu leben“, sagt Bienert. Und seine Schwester lobt: „Die VBW würde sogar auf die übliche Kündigungsfrist verzichten. Birger könnte schon zum 1. August einziehen.“ Das bestätigt die Wohnungsgesellschaft. „Die Wohnung steht für Herrn Bienert kurzfristig bereit. Sie ist barrierefrei. Wir haben unbürokratisch reagiert und versucht zu helfen“, erklärt VBW-Sprecher Dominik Neugebauer gegenüber der WAZ.

Alles geregelt? Mitnichten. In der vergangenen Woche lehnte das Sozialamt einen Antrag Bienerts auf Übernahme der Umzugskosten und der neuen Miete ab. Zwar erkennt die Stadt die „Umzugsnotwendigkeit“ an. Die Wohnung an der Matthias-Claudius-Straße „entspricht jedoch nicht der vom kommunalen Träger festgelegten Angemessenheit“, heißt es im Bescheid. 497 Euro Kaltmiete ruft die VBW für die Wohnung auf: 109 Euro mehr, als einem Ein-Personen-Sozialhilfehaushalt zusteht. „Ich bedaure“, endet das Schreiben des Sachbearbeiters, „Ihnen keine günstigere Entscheidung mitteilen zu können.“

Stadt spricht jetzt von einer Einzelfallentscheidung

Die wird nun revidiert. In dem Antrag auf Mietübernahme sei es seinerzeit versäumt worden, auf eine barrierefreie Wohnung hinzuweisen, teilt die Stadt auf WAZ-Anfrage mit. Deshalb komme die Höchstgrenze hier nicht zum Tragen. „Es handelt sich vielmehr um eine Einzelfallentscheidung“, betont Stadtsprecher Thomas Sprenger. Und die fällt positiv aus. In Kürze werde sich ein Vertreter der Stadt die Wohnung anschauen. Ist sie tatsächlich behindertengerecht, „kann Herr von Bienert dort selbstverständlich einziehen“, versichert Sprenger.

Der „Sechser im Lotto“, an den niemand mehr geglaubt hat: Für Birger von Bienert und seine Schwester ist er zum Greifen nahe.

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