Obdachlosigkeit

Spenden-Gala für Obdachlose lockt mit Oper in Christuskirche

Bilder des Fotografen Sebastian Sellhorstwurden in der Christuskirche Bochum bei der Benefiz-Veranstaltung zu Gunsten von Wohnungslosen der Diakonie Ruhr auf Leinwände projiziert.

Foto: Olaf Ziegler

Bilder des Fotografen Sebastian Sellhorstwurden in der Christuskirche Bochum bei der Benefiz-Veranstaltung zu Gunsten von Wohnungslosen der Diakonie Ruhr auf Leinwände projiziert. Foto: Olaf Ziegler

Bochum.   Die Diakonie Ruhr möchte auf die Probleme von Wohnungslosen aufmerksam machen. Vor der „Oper für Obdach“ erzählten Betroffene aus ihrem Leben.

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„Die Sonntage sind das Schlimmste. Alles hat zu und man weiß einfach nicht, wo man hin soll“, sagt Eva. Klar, hier und da haben Cafés die Türen offen für ihre Kunden – doch ohne Geld für heiße Getränke bleibt ihr der Platz in der Wärme verwehrt. Für den Toilettengang gibt es zum Glück diese eine Tankstelle, der Tankwart kennt die Obdachlose schon und gibt ihr jedes Mal die Schlüssel.

Die Besucher der Christuskirche lauschen der Geschichte mit Blick auf schöne Fotos einsamer Orte: Brücken, Unterführungen und Parkbänke – Schlafplätze für hunderte Menschen in Bochum ohne Dach über dem Kopf. Dann endet der Einspieler und der Pianist greift behutsam in die Tasten. Es ist der Vorspann zu Christoph von Weitzels „Oper für Obdach“. Mit der großen Gala-Veranstaltung möchte die Diakonie Ruhr Geld für ihre Wohnungslosenhilfe sammeln und sonst Unsichtbares, oft übersehenes, sichtbar machen.

Bilder vom Elend allein reichen nicht

Bilder vom Elend an die Wand werfen, einen armen Hund vors Publikum zerren und mitleidheischend von seinem Leid erzählen lassen – das wäre der billigste, einfachste Weg gewesen, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Für Christiane Caldow, Diakonie Ruhr, war klar: „So ein Format gehen wir nicht mit. Es ist eine Veranstaltung mit unseren Gästen, nicht über unsere Gäste.“ Die erzählen natürlich trotzdem ihre Geschichte, persönlich und mit Namen – aber ohne Gesichter. Stattdessen sieht das Publikum Fotografien von Sebastian Sellhorst. Das berührt, ohne aufdringlichen Pathos.

Susanne Grinzel ist gekommen, um sich von Weitzels Vertonung von Schuberts „Winterreise“ anzuhören. Jetzt wühlt sie auf, was sie gehört hat: die Geschichten vom Leben zwischen Rauswurf aus dem wärmenden Einkaufscenter, weil die mit Taschen vollgepackten Armen die Konsumfreude stören, und der Freude über einen sonnigen Nachmittag im Park. „Wie kann das in einem reichen Land möglich sein?“, fragt die Besucherin.

Betroffene berichten über ihre Situation

Das wissen die Betroffenen am Besten: „Mit einem Schufa-Eintrag, kriegst du keine Wohnung“, weiß Mario Witkinski. Der 45-Jährige ist seit zwei Jahren obdachlos. Auch Tobias, der seit März ein Dach über dem Kopf sucht, kennt das Problem: bei ihm waren es Schulden wegen Schwarzfahren, die ihm den Eintrag eingebracht hatten. Bei Privatvermietern könne man Glück haben, sagt Witkinski. „Aber die Wohnungsgesellschaften sind das Problem. Mit denen und unserem Bürgermeister würde ich mich ja gerne mal an einen Tisch setzen.“

Für den 45-jährigen ist das nicht nur ein dicker Spruch: „Wir sind doch keine dummen Penner mit langen Bärten. Und mein Niveau ist ja nicht gesunken, nur weil ich keine Wohnung habe.“ Witkoswki ist wütend: „Wir werden eben nicht als gesellschaftsfähig anerkannt.“ Stattdessen hätten die Leute dumme Klischees vor Augen.

Zugegeben, so großartig von Weitzels Darbietung aus musikalischer und künstlerischer Sicht auch sein mag: die Inszenierung ist dann doch näher am Klischee, als am echten Menschen. Aber die Oper ist ja auch nur ein Lockmittel. Die wirklich großen Geschichten dieses Abends erzählt nicht Schubert, sondern Eva.

>>> Info: Über 400 Obdachlose in der Stadt

Die Diakonie kümmert sich um etwa 400 Wohnungslose in Bochum. Tatsächlich sind es aber weitaus mehr, die genaue Zahl ist aber unbekannt. Gleichzeitig stehen, gemessen an den Stromzählerwerten, rund 7000 Wohnungen in Bochum leer.

Spenden für die Wohnungslosenhilfe gehen an das Konto der Inneren Mission des Diakonischen Werks Bochum. Näheres im Netz unter www.diakonie-ruhr.de/wir_ueber_uns/unterstuetzung/spenden

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