Private Verschuldung

Schuldneratlas: Wo die meisten überschuldeten Bochumer leben

Nicht selten erscheint der Gerichtsvollzieher bei verschuldeten Personen. 39.514 Bochumer kommen derzeit mit ihrem Einkommen dauerhaft nicht aus.

Nicht selten erscheint der Gerichtsvollzieher bei verschuldeten Personen. 39.514 Bochumer kommen derzeit mit ihrem Einkommen dauerhaft nicht aus.

Foto: Uwe Zucchi / picture alliance / dpa

Bochum.  Die meisten überschuldeten Bochumer leben im Norden der Stadt. Ein Schuldenberater erwartet eine Welle privater Verschuldung – wegen Corona.

Es bleibt dabei. Die meisten überschuldeten Menschen in Bochum leben im Zentrum und in den Wattenscheider Ortsteilen Günnigfeld, Sevinghausen und Westenfeld (Grafik). Die stärkste Zunahme seit dem vergangenen Jahr gibt es Bereichen von Hamme, Hordel und der Innenstadt. Das geht aus dem Schuldneratlas Ruhrgebiet 2020 hervor.

Geradezu zementiert ist auch das Nord-Süd-Gefälle in der Stadt. Kein einziger Stadtteil im Norden hat eine Verschuldungsquote unter zehn Prozent, kein einziger im Süden liegt über dieser „magischen Grenze“. Immerhin: In den 20 Stadtteilen des gesamten Ruhrgebiets mit den höchsten Verschuldungsquoten taucht Bochum nicht auf.

Sehr wohl aber auf der anderen Seite der Statistik, bei den niedrigsten Verschuldungsquoten. Stiepel (4,57 Prozent) ist wie schon in den Vorjahren hinter Essen-Heisingen (4,47 Prozent) der Stadtteil mit der niedrigsten Privatverschuldung im Ruhrgebiet. In den Top-15 ist außerdem der Postleitzahlbereich 44799 (6,74 Prozent) zu finden. Er umfasst Bereiche von Weitmar, Wiemelhausen, Altenbochum und Querenburg. Insgesamt verzeichnet Bochum eine Schuldenquote von 12,69 Prozent, das ist fast der gleiche Wert wie im Vorjahr. Damit bleibt die Stadt um etwa ein Prozent über dem NRW-Durchschnitt.

Frauen suchen häufiger Rat und Hilfe

Deutliche Veränderungen bei den Gründen für eine finanzielle Schieflage stellt Schuldenberater Carl-D. A. Lewerenz vom Resolvenz-Büro Bochum nicht fest. Und: „Es bleibt dabei, dass sich etwa 70 Prozent Frauen an uns wenden.“ Ihr Bedürfnis, sich in dieser Krisensituation Hilfe zu suchen, sei deutlich ausgeprägter als bei Männern.

Bundesweit stellen die Verfasser des Schuldneratlas’ derweil eine Verschiebung unter den sechs Hauptgründen für eine private Verschuldung fest. Auslöser wie Arbeitslosigkeit und gescheiterte Selbstständigkeit haben an Bedeutung verloren. Immer häufiger lösen demnach „Erkrankung, Sucht, Unfall“ und „unwirtschaftliche Haushaltsführung“ eine Überschuldung aus. Auch der Punkt „längerfristiges Niedrigeinkommen“ gewinne an Bedeutung.

Jüngere sind seltener und nicht so hoch verschuldet

Betroffen von Verschuldung seien zudem immer mehr ältere Menschen, während die Überschuldung bei den jüngeren Personengruppen deutlich zurückgehe. „Altersarmut ist eine besonders schwerwiegende Form der Armut“, heißt es in dem Bericht, den der Inkasso- und Auskunftsdienstleister Creditreform erstellt hat. „Während jüngere Menschen Armut meist als vorübergehende Lebensphase begreifen und über eine Perspektive verfügen, sich aus der Einkommensarmut herauszuarbeiten, ist das bei älteren Menschen häufig nicht der Fall.“

Und: „In der Regel sind die Jüngeren nicht so stark überschuldet. Die durchschnittliche individuelle Schuldenhöhe beträgt in diesem Jahr 27.600 Euro. Die Spannweite reicht, so Creditreform, von etwa 43.600 Euro je erfasstem Überschuldungsfall bei den über 70-Jährigen bis zu etwa 7700 Euro bei den unter 25-Jährigen.“

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Zum ersten Mal seit acht Jahren nimmt die private Verschuldung in Deutschland leicht ab – auch in Bochum. 39.514 Personen gelten momentan als überschuldet, das heißt, ihnen gelingt es dauerhaft nicht, mit den monatlichen Einnahmen die monatlichen Ausgaben zu decken. Das sind 60 Personen weniger als im vergangenen Jahr.

Von einer Trendwende gehen die Experten allerdings nicht aus. Im Gegenteil. „Leider wird diese Entwicklung aufgrund der Folgen der Corona-Pandemie ein schnelles Ende finden“, so Creditreform.

Restschuld wird bei Verbraucherinsolvenz bald früher erlassen

Das sieht auch der vielleicht erfahrenste Schuldnerberater in Bochum so. „Es erwartet uns eine Welle von Hunderten neuer Verbraucherinsolvenzen“, sagt Carl-D. A. Lewerenz . Seit mehr als 30 Jahren berät er verschuldete Mandanten. Und er sagt: „Es gibt jetzt schon Anzeichen für diese Welle. Und unsere Warteliste wird länger.“

Insbesondere Soloselbstständige, die in den vergangenen Monaten vor allem dank finanzieller Hilfen und ihrer Rücklagen noch über die Runde gekommen seien, gehören zu der Gruppe besonders insolvenzgefährdeter Personen. Sollten sie weniger als 19 Gläubiger haben, so Lewerenz, sei eine Verbraucherinsolvenz möglich. Und die könne dank einer EU-Gesetzesänderung künftig über die neue Restschuldbefreiungsfrist schon nach drei Jahren bewältigt sein. Bislang liegt die Frist bei sechs Jahren.

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