Gymnasium

Bochumer Schüler debattieren über Antisemitismus

Konzentriert im Gespräch: Abraham Lehrer bei der Debatte über Antisemitismus in der Heinrich-von-Kleist-Schule. Im Hintergrund Sascha Hellen vom Projekt „Herausforderung Zukunft“.

Konzentriert im Gespräch: Abraham Lehrer bei der Debatte über Antisemitismus in der Heinrich-von-Kleist-Schule. Im Hintergrund Sascha Hellen vom Projekt „Herausforderung Zukunft“.

Foto: Wiche Herrmann

Gerthe.   Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, spricht an der Heinrich-von-Kleist-Schule. Jugendliche verlassen Treffen nachdenklich.

Ist Antisemitismus in der heutigen Bundesrepublik Deutschland ein Thema? Das diskutierten gut 80 Schülerinnen und Schüler der Heinrich-von-Kleist-Schule (HvK). Mit Abraham Lehrer, dem Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, hatten sie einen kompetenten Gesprächspartner zu Gast.

Lehrer konstatierte zu Beginn: „Es gibt ihn noch, den Antisemitismus. Unter den 80 Millionen Deutschen sind immer noch gut 20 Prozent, die zumindest latent etwas gegen Juden haben. Oft ohne jemals einen Mitbürger jüdischen Glaubens getroffen zu haben.“

Vorurteile gar nicht erst aufkommen lassen

Für die Veranstaltung war ihm wichtig, diese Vorurteile bei den Jugendlichen erst gar nicht aufkommen zu lassen. „Ich möchte durch persönlichen Kontakt Verständnis schaffen für die jüdische Gemeinschaft als Teil der deutschen Gesellschaft“, betonte der 62-Jährige.

Die Schüler löcherten ihn mit Fragen. Wie begegnen Sie dem Judenhass in Deutschland? Wie stark ist der Antisemitismus in den Sozialen Medien? Der Gast antwortete: Es bedarf des Dialogs und der Information, in der Hoffnung, dass sich Einstellungen ändern. Der Antisemitismus sei in den Sozialen Medien weit verbreitet.

Wunsch: Ein Leben ohne Polizeischutz

Was hätte die Jüdische Gemeinde in der Vergangenheit besser machen können? Lehrer: „Wir hätten uns früher gegenüber der Gesellschaft öffnen können. Wir haben in Köln einen Tag der Nachbarschaft eingeführt. Der wird gut angenommen.“ Allerdings stehe er unter starken Sicherheitsmaßnahmen.

Das führte zur Frage nach seinem Wunschtraum. „Meiner ist, als Deutscher wie in meinen Kindheitstagen in Köln ohne Personenschutz leben zu können. Die Polizei schätzt meine Gefährdungslage leider anders ein“, so der 62-Jährige. Er berichtete, seine Tochter sei vor wenigen Jahren noch von Rechtsradikalen beschimpft worden: „Dich sollte man vergasen.“

Und die Siedlungspolitik in Israel? „Ich bin persönlich dagegen“, so Lehrer. Allerdings sei er deutscher Staatsbürger, keiner des Staates Israel. Auch für ihn sei das ein Einmischen in fremde innerstaatliche Angelegenheiten.

Appell: Für Minderheiten einsetzen

Er rief die Schüler auf, hier in Deutschland etwas für das gute Miteinander zu tun: „Seit über 70 Jahren leben wir in Frieden, Freiheit und Demokratie. Das muss jeder täglich neu verteidigen. Auch durch den Einsatz für gesellschaftliche Minderheiten.“

Die Schüler verließen nachdenklich das Treffen. „Die Diskussion war sehr interessant, weil ich viel Neues über Juden in Deutschland erfahren habe“, erklärte Philipp (15). Persönlich bestärkte es ihn, offen zu sein gegenüber Menschen anderer Religionen. Stina (17): „Herr Lehrer hat ehrlich über seine Standpunkte gesprochen. Mir wurde bewusst, wie stark Antisemitismus noch verbreitet ist.“

>> HERAUSFORDERUNG ZUKUNFT

  • Die Veranstaltung mit Abraham Lehrer organisierte das Projekt „Herausforderung Zukunft“ von Sascha Hellen. Seit zehn Jahren arbeitet sie mit der Israel-AG am HvK zusammen.
  • Abraham Lehrer wurde 1954 als Kind von Überlebenden des Holocaust in New York geboren. Er kehrte als Baby nach Köln zurück. 1987 wurde er Gemeinderat in der Synagogen-Gemeinde Köln, 2003 deren Vorsitzender. Seit 2012 ist er Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben