Caritas

„Sach wat!“ - zu Stammtischparolen

Die Schauspieler Karin Kettling und Jürgen Albrecht bei der Schulung für den Umgang mit Stammtischparolen.

Foto: Ingo Otto

Die Schauspieler Karin Kettling und Jürgen Albrecht bei der Schulung für den Umgang mit Stammtischparolen. Foto: Ingo Otto

Bochum.  Ein Abend im Bahnhof Langendreer: Die Caritas will Menschen ermutigen, den Mund aufzumachen, wenn sie Hass hören. Sie sollen Tacheles reden.

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In einem Kulturzentrum, an dem ein Roter Stern hängt und das Transparent „Kein Mensch ist illegal“, da muss man einfach damit rechnen, auch unangekündigt seinen Brecht serviert zu bekommen. So ist es dann auch an diesem Abend in der Kneipe im Bahnhof Langendreer mit Brechts „Flüchtlingsgesprächen“: Die Schauspielerin Karin Kettling zitiert, wie wichtig ein Pass ist, etwa verglichen mit einem Menschenleben.

Doch dann verrutscht etwas. „Plötzlich ist Geld da für Theaterprojekte zum Thema Migration“, sagt Kettling, oder: „Ohne Ausbildung, Hauptsache Migrationshintergrund, die nehmen den wahren Künstlern die Arbeit weg.“

Mit Zivilcourage gegen Stammtischparolen in Bochum

Die Caritas Essen ermutigt Menschen, Zivilcourage zu zeigen. Mit dem Projekt "Sach wat! Tacheles für Toleranz" ist sie auf Tour durch Kneipen.
Mit Zivilcourage gegen Stammtischparolen in Bochum
Kettlings Tirade ist Theater

Doch während sie nach einer Eingabe an den Kulturausschuss des Landtages kramt („Keine Ausländer auf deutschen Bühnen“), regt sich an den Kneipentischen erster Widerstand: „Entschuldigung, ich fühle mich ziemlich unwohl gerade . . .“

Man ahnt es schon, ein Stück im Stück, das Ganze, Kettlings Tirade ist ebenso Theater wie der Einspruch und alles, was noch kommt. Dies ist „Sach wat! Tacheles für Toleranz“, ein Projekt der Ruhr-Caritas: An bisher fünf Abenden treten Kettling und ihr Kollege Jürgen Albrecht damit in Ruhrgebietskneipen auf. Sie spielen und diskutieren, um Menschen Hilfen zu geben, die Einspruch einlegen wollen gegen Stammtischparolen und Hasskommentare.

Bringt nichts, zu anstrengend, weiß zu wenig

„Wir wollen die Leute stark machen, die für Toleranz stehen. Sie sind oft die stillen, ruhigen, zurückhaltenden“, sagt Christoph Grätz von der Caritas, und seine Kollegin Annette Borgstedt meint: „Ich kann einen ganz rechts Orientierten nicht umdrehen, aber vielleicht die erreichen, die daneben stehen oder mitlesen.“

Und so sammelt Jürgen Albrecht gerade mit dem Publikum Gründe, warum man lieber die Klappe hält: Bringt nichts. Zu anstrengend. Weiß zu wenig. Da sind andere zuständig. „Dass man sich einfach nicht traut“, sagt eine Frau. Eine andere befürchtet, sich schnurstracks ins soziale Abseits zu argumentieren.

Was sie mit „Sach wat“ erreichen, wird man nie sagen können. Aber zumindest macht das Projekt gerade Schule im deutschsprachigen Raum und wird auch im Ruhrgebiet fortgesetzt.

Weichmachersätze empfohlen

In der Kneipe legt sich Karin Kettling gerade wieder mit Jürgen Albrecht an, diesmal in seiner Person als rechtsextremer Hausmeister. Seiner Meinung nach ist der Weg ganz kurz: Wer Kippen wegwirft, begeht auch Anschläge.

Kettling empfiehlt: Weichmachersätze. Wie: „Ich bin nicht sicher, ob ich Sie richtig verstanden habe.“ Am Ende des Abends siegt das Gute. Wenigstens auf der Bühne.

Die abschließende Diskussion hätte lebhafter sein können. Vermutlich war der Stammtisch schon zu Hause. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

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