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Rassismus-Vorwürfe gegen Bochum-Total-Veranstalter

Ausgelassene Fans bei vergangenen Festivals. Dieses Jahr gibt es Kritik an den Veranstaltern.

Ausgelassene Fans bei vergangenen Festivals. Dieses Jahr gibt es Kritik an den Veranstaltern.

Foto: Ilja Hoepping, WAZ FotoPool

Bochum.  Festival-Fans empören sich über Verhaltenstipps für arabische Gäste. Bands kündigen Boykott an. Bochum-Total-Veranstalter distanziert sich.

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Die Bochum-Total-Veranstalter sind mit Verhaltensregeln für „arabisch sprechende Gäste“ auf scharfen Protest gestoßen. Die „gutgemeinten Infos und Tipps“ veröffentlichten sie auf Facebook. Dort standen sie auf arabisch und deutsch.

Veranstalter Marcus Gloria reagierte am Abend auf die Kritik: "Ich habe die Posts zum arabischen Text gelesen. Ist leider total daneben gegangen und wir haben den Text runternommen. Tut mir leid, wenn wir jemanden verletzt oder irritiert haben."

Die, laut Veranstalter nicht wörtliche Übersetzung, sorgte bei den Bochum-Total-Fans für Entrüstung. So enthielt sie den Hinweis, dass Frauen auf keinen Fall angebaggert oder bedrängt werden wollen. „Auch nicht wenn sie nur wenig Kleidung tragen. Das ist hier so üblich.“ Man solle verstehen, dass Deutsche „auf ihre Art feiern“ - und das meistens mit viel Alkohol.

Fans rufen zum Festival-Boykott auf

Die Reaktionen der Festival-Fans waren vernichtend. „Eine Frechheit“, „selten dämlich“ und „traurig, dass ein Veranstalter eines interkulturellen Festivals einen solchen kleingeistigen Text veröffentlicht“, hiet es in den Kommentaren.

Einige Fans rufen sogar zum Boykott von Bochum Total auf. Bands, wie „Marathonmann“, "Astairre", "Lygo", "Leoniden" und "Radio Havanna" kündigten am Donnerstag an, ihre Auftritte absagen zu wollen, wenn sich der Veranstalter nicht distanziere.

Am späten Nachmittag passierte genau das. In einer Erklärung im sozialen Netzwerk hieß es: „Wir wollen damit informieren und nicht diskriminieren oder zu irgendwelchen kleingeistigen Parolen aufrufen.“ Wer sich darüber aufrege, habe nicht verstanden, was in der Welt für die meisten Probleme sorge, nämlich Angst, Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz. Zudem sei der Text "von einem libanesischen Flüchtling verfasst worden", erklärte der Veranstalter via Facebook. Der Text sei gerichtet gewesen "an all diejenigen, die erst vor kurzem in diese nette Stadt gekommen sind und die sich mit dem Festival nicht auskennen und vielleicht auch die Art wie wir hier feiern nicht kennen oder einordnen können."

Fans geht Entschuldigung nicht weit genug

Vielen Fans ging die Stellungnahme nicht weit genug. Heftige Kritik an den Verhaltensregeln gibt es indes auch von der Initiative „Refugee Strike Bochum“, die aus Protest gegen Bedingungen in Flüchtlingsunterkünften wochenlang vor dem Bochum Rathaus campiert hatten.

Der Text lege nahe, dass sich Geflüchtete generell wie Tiere verhalten, so die Initiative, die eine Entschuldigung vom Veranstalter fordert. Der Beitrag verdächtige Geflüchtete „eine Gruppe von Barbaren zu sein, die weder je zuvor eine Frau gesehen haben, noch Alkohol trinken oder Party machen würden.“

FDP-Frau kann Sorgen nachvollziehen

Auch Integrationsratsmitglied Susanne Mantesberg-Wieschemann hält den Ton der Verhaltensregeln für unpassend. „Das ist eindeutig kein guter Stil.“ Die Angst vor Übergriffen durch Flüchtlinge sei ein schwieriges Thema. „Aber Facebook ist wirklich nicht das richtige Organ, um das zu thematisieren.

Grundsätzlich könne sie die Sorgen aber nachvollziehen. „Das ist nur das Ergebnis von fehlender Integration. Die FDP-Frau, die Anfang des Monats aus der SPD ausgetreten ist, macht der Stadtverwaltung Vorwürfe.

„Dass es ein großes Festival in der Stadt gibt, ist weder von Politik noch von der Verwaltung in den Flüchtlingsunterkünften kommuniziert worden. Auch hier hätten wir reagieren müssen.“

Karoline Poll

Gut gemeint, mies gemacht - Ein Kommentar von Thomas Schmitt 

Total daneben und Bochum nicht würdig ist der Hinweis von den „BO Total“-Machern an die arabisch sprechenden Gäste. Wieso gibt’s die netten Worte nicht auf z.B. Englisch, Libanesisch, Türkisch oder Italienisch?

Bringen wir nach der jüngsten Aktenzeichen-XY-ungelöst-Folge demnächst am Ortseingang Schilder in osteuropäischen Sprachen an: Lasst uns hier in Ruhe leben, brecht bitte nicht in unsere Wohnungen ein!? Schlichten Zeitgenossen könnte dies einfallen, gab es bei XY doch auffällig viele Hinweise auf Täter mit osteuropäischem Akzent.

Nein, die BO-Total-Macher haben Bockmist gebaut. Daran ändert auch nur wenig, dass sie am Donnerstagnachmittag zurückruderten und sich von ihren eigenen Worten distanzierten. Zumal sie ihren Fehler nicht klipp und klar zugaben, sondern von „falsch verstanden“ oder „möglicherweise falsch übersetzt“ sprachen.

Was ist daran falsch zu verstehen, wenn ausschließlich Araber ganz allgemein als potenziell frauenfeindliche Volksgruppe dargestellt werden? Im besten Fall kann man die Geschichte einordnen unter: Gut gemeint, mies gemacht.

Thomas Schmitt

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