Premiere

Prinz-Regent-Theater: Auf Zoff folgt künstlerische Explosion

Demütige Arbeiter im Weinberg des Herrn, aber noch lang keine glücklichen Menschen: Szene aus der Performance „Sisyphos!“ mit Linus Ebner und Martin Widyanata.   

Demütige Arbeiter im Weinberg des Herrn, aber noch lang keine glücklichen Menschen: Szene aus der Performance „Sisyphos!“ mit Linus Ebner und Martin Widyanata.  

Foto: Sandra Schuck

Bochum.   Mit „Sisyphos!“ gelingt der scheidenden Leiterin Romy Schmidt ihre beste Bochumer Arbeit. Düstere Performance wird zum Fest für zwei Darsteller.

Viel ist in den letzten Wochen diskutiert und gestritten worden über die Zukunft des Prinz-Regent-Theaters, über den Dauerzoff zwischen Theaterleitung und Trägerverein und den nahenden Abschied von Direktrice Romy Schmidt und ihrem Team.

Und jetzt endlich, so mag man anfügen, ist mal wieder Zeit für die Kunst. Entscheidend ist auf’m Platz, und was dort seit Samstagabend zu sehen ist, verdient ein ganz großes Ausrufezeichen. Fast scheint es, als hätte der ganze Ärger und der Stress hinter den Kulissen bei der Regisseurin zu einer künstlerischen Explosion geführt. Mit „Sisyphos!“, der drittletzten Premiere unter ihrer Leitung, gelingt Romy Schmidt ihre wohl beste Bochumer Arbeit.

Irrsinniger Monolog

„Sisyphos!“ ist klar als Performance und nicht als Inszenierung deklariert und wurde von dem Schauspieler Linus Ebner, dem Musiker Martin Widyanata und Schmidt im Dreierbund entwickelt. Der Regisseurin gebührt zudem die Abendspielleitung, wie der Programmzettel schelmisch verrät.

Eher locker basiert das Stück auf dem Essay von Albert Camus. Das existenzialistische Grundlagenwerk (1942) diente Generationen von Schülern als Steilvorlage für leidenschaftliche Pamphlete über das Absurde, über die tägliche Plackerei eines jeden demütigen Arbeiters im Weinberg des Herrn.

Der Name Camus fällt erst ganz zum Schluss. Zuvor wird der Zuschauer staunender Zeuge eines irrsinnigen Monologs, den Linus Ebner wie entfesselt auf sein Publikum loslässt. Schon bei seinem Solo „Lenz“ an der Rottstraße ließ sich beobachten, dass Ebner eine Bühne allein füllen kann. Bei „Sisyphos!“ geht er ein ganzes Stück weiter. Wie er rackert, wie er flucht, wie er zetert und schimpft, dabei aber auch zarte, verletzliche und sogar lustige Momente findet, ist großes Kino.

Düstere Kraterlandschaft

In einer düsteren Kraterlandschaft (Bühne: Sandra Schuck), in der man problemlos auch Becketts „Endspiel“ zeigen könnte, beleuchtet Ebner viele Facetten des absurden Daseins. Ob in der Sauna, beim Surfen, beim Spiel mit der elektrischen Eisenbahn oder im Kampf mit einem störrischen Rollstuhl gerät Ebner immer wieder an seine Grenzen – und nicht immer scheint er als der berühmte „glückliche Mensch“ daraus hervorzugehen.

Spätestens hier kommt der zweite Hauptdarsteller des Abends ins Spiel. Zu Martin Widyanata muss man wissen, dass er körperlich schwer behindert ist, ohne Arme und Beine lebt – aber offenbar weit davon entfernt ist, irgendeine Art von Mitleid bekommen zu wollen. Völlig souverän und mit sichtlichem Spaß rollt der kaum ein Meter große Mann über die Bühne und kriecht hinter die Computer-Apparatur, aus der er seinen hypnotischen Klangteppich zaubert.

Faszinierendes Spiel mit dem Kugelschreiber

In der stärksten Szene des Abends liegt er minutenlang unter einem Berg aus Stoff und schnippt mit seiner Zunge einen Kugelschreiber auf und zu, der auf Video übertragen wird. Wie oft mag die Mine aus dem Gehäuse hervortreten, bis sie aufgibt? Einzig der unnötige Seitenhieb auf TV-Talker Markus Lanz und das komplett unpassende Geständnis eines Pädophilen schießen übers Ziel hinaus.

Am Ende springt das Publikum von seinen Sitzen und entfacht einen Jubel-Sturm, wie ihn das Haus länger nicht mehr erlebt hat. Um in der Bildsprache des Abends zu bleiben: Romy Schmidt und ihr Team haben nach langen Anstrengungen ihren Stein bis zum Gipfel hinauf gewuchtet – und diesmal ist er oben liegen geblieben.

>>> Die nächsten Spieltermine

Dauer: ca. zwei Stunden ohne Pause. „Sisyphos!“ wird nur noch viermal im Prinz-Regent-Theater (Prinz-Regent-Straße 50-60) zu sehen sein: am 3./4. April und 12./13. Juni, jeweils 19.30 Uhr. Karten: 0234/ 77 11 17.

Die nächste Premiere folgt mit der deutschsprachigen Erstaufführung von „Extremophil“ am 20. April. Regie: Frank Weiß.

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